Seminarproblem 7 Nach Praxisbeispielen fragen
So vielfältig die Individuen, so vielfältig die Vortragsweise von Dozenten. Und dennoch gibt es wiederkehrende Dozententypen. Dazu gehören diejenigen, die in guter didaktischer Absicht langsam, ausführlich, an Beispielen illustriert, monoton und trotz Overhead-Projektor so langatmig sind, dass Sie als Zuhörer mehr damit beschäftigt sind, nicht einzuschlafen, als mitzudenken. Wenn die Veranstaltung dann zudem in die Zeit zwischen 12 und 16 Uhr fällt, haben Sie es besonders schwer.
Versuchen Sie in einem solchen Fall, sich zu einem mündlichen Beitrag durchzuringen (und sei es nur, um wieder aufzuwachen). Paraphrasieren Sie am einfachsten das vom Dozenten Ausgeführte. Auch wenn alle die Inhalte mitbekommen haben (bei diesem Tempo kann das an niemandem vorbeigerauscht sein), sehen Sie es als Notwehr an, sich dennoch zu melden. Denn wer es nicht tut, verschläft wertvolle Studienzeit. Melden Sie sich stattdessen zu Wort und wiederholen Sie in verkürzter Form das Gesagte oder übertragen Sie Inhalte auf Ihre eigene Erfahrungswelt: "Heißt das also, wenn ?", oder: "Angewandt auf die Situation des bedeutet das also, dass ?"
Wenn Sie möchten, treiben Sie den Vortrag voran, indem Sie vorgreifen und einen Fragebeitrag zu einem Thema bringen, der erst in der folgenden Stunde angesprochen werden soll. Manchmal ergibt sich auch die Chance, dass der Dozent etwas nur andeutet, dann aber zu einem ganz anderen Komplex wechselt und Letzteren weiterführt. Haken Sie hier sofort ein. Nach jedem Beitrag werden Sie ein wenig wacher und der Dozent freut sich über die Seltenheit, einen Studierenden vor sich zu haben, der sich in einem seiner Seminare tatsächlich zu Wort meldet.
"Nehmen wir mal an, ich bin Bäcker..."
Angenommen, Sie besuchen ein juristisches Seminar, und ein didaktisch ambitionierter Dozent gestaltet seine Veranstaltung mit viel Liebe zum Detail, geht jedem einzelnen Paragraphen bis in die letzten Absätze durch, bis er sich schlussendlich den Fragen aus dem Gesellschaftsrecht in gleicher Manier zuwendet. Sie wissen: Das können Sie in jedem Kommentar und Lehrbuch ebenso nachlesen. Dann gehen Sie folgendermaßen vor: Sie versuchen, den Wissensstoff auf eigene praktische Fälle anzuwenden.
Das hat den Vorteil, dass Sie durch die beruflichen Bezüge aufmerksamer sind, vor allem dann, wenn Sie selber die Anwendungsbeispiele erfinden, etwa: "Darf ich das mal übertragen auf eine kleine Bäckerei. Hätte diese denn Gewinn gemacht?" Falls der Dozent weiterhin abstrakt und akribisch bleibt, bleiben auch Sie bei Ihrer Linie und verlängern Ihre Redezeit (diese nehmen Sie keinem anderen weg, weil sich sonst keiner zu Wort meldet): "Also, wenn ich Ihr Beispiel noch mal auf eine kleine Schusterei übertrage, dann hat diese also dieselben Strukturen, ist also das Gesellschaftsrecht auch auf diese anwendbar?" Obwohl Sie kaum Neues einbringen, ist es dennoch ein guter mündlicher Beitrag, der vor allem dazu führt, dass Sie selber in Konzentration bleiben.
(aus Gloria Becks Ratgeber "Rhetorik für die Uni")