Single, Studentin, Mutter "Alles eine Frage der Organisation"
"Ich war geschockt, als ich herausfand, dass ich schwanger war. Ich war erst 19, steckte in einer Ausbildung zur Eventmanagerin und hatte viele Probleme mit meinem damaligen Freund. Trotzdem wollte ich das Kind bekommen, eine Abtreibung kam für mich nicht in Frage.
Kurz vor der Geburt habe ich die Ausbildung abgebrochen und mich von dem Vater getrennt. Dann war ich ein Jahr zu Hause, habe mich um meinen Sohn Raphael gekümmert und mir überlegt, was ich im Leben erreichen will.
Ursprünglich wollte ich in der Tourismusbranche arbeiten, aber das geht mit Kind nicht. Nachdem dieser Lebenstraum ins Wasser gefallen war, wollte ich mir einen Beruf suchen, mit dem ich Geld verdienen kann und der Raphaels und meine Interessen verbindet. Schließlich habe ich mich für BWL entschieden. Jetzt studiere ich im dritten Semester an der Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, mein Sohn ist zwei Jahre alt.
Ein bisschen Zeit für mich
Oft werde ich gefragt, wie ich es als Alleinerziehende schaffe, Sohn und Studium unter einen Hut zu bringen. Ich finde diese Frage übertrieben - wenn man etwas schaffen muss, dann schafft man es auch. Es ist alles eine Frage der Organisation.
Ich habe mich für Frankfurt entschieden, weil ich das Leben hier finanzieren kann und die Uni einen Kooperationsvertrag mit der Kita nebenan hat. Ich bringe Raphael jeden Morgen vor der ersten Vorlesung hin und hole ihn spätnachmittags ab. Abendvorlesungen muss ich nicht besuchen, das habe ich mit meinem Lehrstuhl abgesprochen.
'Oh Gott, in dem Alter schon ein Kind!'
Obwohl ich montags keine Vorlesungen habe, bringe ich Raphael jeden Tag in die Kita. Diesen einen Tag die Woche halte ich mir frei - ich gehe dann ins Museum oder einkaufen. Es ist mir wichtig, diese Zeit einfach nur für mich zu haben.
Für Mütter ist es schwer, einen Job zu finden, das trifft besonders auf junge Mütter zu. Sie brauchen mehr Chancen beim Berufseinstieg! Ich denke, dass meine Situation auch Vorteile hat: Wenn ich mit dem Studium fertig bin, ist mein Kind schon etwas älter und kann in die Vorschule gehen. Außerdem bringe ich als junge Mutter Organisationstalent und Verantwortungsbewusstsein mit. Diese Eigenschaften kann ich auch im Beruf gut einbringen.
Viele Leute finden es komisch, eine Mutter Anfang zwanzig zu sehen. Sie denken: 'Oh Gott, sie hat in dem Alter schon ein Kind!' Wenn Raphael auf der Straße oder in der U-Bahn schreit, fangen sie an zu flüstern oder schütteln den Kopf. Und viele Studenten sind Partymenschen, die sich abends betrinken und sich nicht vorstellen können, sich um ein Kind zu kümmern.
Ich versuche, mich davon nicht beeinflussen zu lassen. Ich finde gut, dass es gekommen ist, wie es gekommen ist. Wenn ich in die Zukunft schaue, bin ich froh, dass mir aus meinen jungen Jahren Erinnerungen bleiben werden, die sich um mehr als nur Partys drehen."
Aufgezeichnet von Khuê Pham
Auf SPIEGEL ONLINE erzählen diese Woche vier Studentinnen, warum sie sich dafür entschieden haben, während ihres Studiums ein Kind zu bekommen - und wie sie den Alltag zwischen Krippe und Hörsaal bewältigen.
Montag:
Studium mit Kind, jetzt oder nie
Mittwoch:
Ingemarie, 26 - ein Kind, zwei Jobs, Spitzennoten
Donnerstag:
Julia, 26, will mit Kind richtig durchstarten
Freitag:
Das neue Leben von Rock'n'Roll-Mami Carmen, 25
Bafög bis Urlaubssemester - Tipps für studierende Eltern
Bafög: Für das erste Kind wird seit Januar ein pauschaler Zuschlag von 113 Euro zum persönlichen Bafög-Satz gewährt, der nicht zurückgezahlt werden muss (für weitere Kinder 85 Euro).
Elterngeld: Seit 2007 erhalten Studenten zwölf Monate lang Elterngeld (Alleinerziehende 14 Monate). Wer vor der Geburt einen sozialversicherungspflichtigen Job hatte, erhält 67 Prozent des letzten Nettogehalts (mindestens 300, max. 1800 Euro). Das Elterngeld gibt es unabhängig vom Bafög.
Kinderbetreuung: wird an vielen Universitäten vom Studentenwerk angeboten, Übersicht unter www.studentenwerke.de (Rubrik Beratung und soziale Dienste)
Kindergeld: Pro Kind gibt es monatlich 154 Euro. Antragsformular unter www.familienkasse.de .
Regelstudienzeit: verlängert sich in der Regel durch Geburt und Betreuung eines Kindes (Infos beim Prüfungsamt). Dadurch erhöht sich auch die maximale Bafög-Bezugsdauer.
Studiengebühren: werden jungen Eltern in den meisten Bundesländern erlassen (Altersgrenze der Kinder maximal acht bis zehn Jahre).
Urlaubssemester: Studenten können wegen der Geburt und bis zu drei Jahre danach eine Pause einlegen, ohne exmatrikuliert zu werden. Während dieser Zeit fließt allerdings kein Bafög (mögliche Einnahmequellen: Eltern-, Kinder- und Wohngeld, Sozialhilfe). Ändert sich die Prüfungsordnung, besteht kein Rechtsanspruch auf eine Prüfung nach den alten Regeln.