Streiten "MEDIUM IN DER PUBERTÄT"
Martin Doerry,
44, ist stellvertretender Chefredakteur des SPIEGEL in Hamburg.
Hans-Dieter Degler, 51, ist Chefredakteur von SPIEGEL ONLINE und manager magazin online in Hamburg.
Georg Maas, 33, ist Produktmanager Neue Medien beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) und verantwortlich für "MDR Online" und "MDR-Text".
Sabine Müller, 30, war Redakteurin bei "Bayern-Text" und freie Online-Redakteurin beim Bayerischen Rundfunk. Heute ist sie verantwortlich für den Online-Bereich von n-tv in Berlin.
Andreas Milles, 25, studiert im 11. Semester Germanistik, Amerikanistik und Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Universität Leipzig. Nebenbei arbeitet er als freier Hörfunkjournalist und bei dem Online-Projekt "Crossmedia" der Universität Leipzig.
Rund 300 journalistische Arbeitsplätze, so eine Erhebung der Universität Leipzig und der katholischen Universität Eichstätt bei Printredaktionen, gab es vor drei Jahren im Online-Bereich - verglichen mit 35 000 Stellen in Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen noch eine verschwindend geringe Zahl. Inzwischen ist sie auf etwa 800 gestiegen, und bis Ende des Jahres werden voraussichtlich um die 1000 Journalisten vorwiegend für das Netz schreiben und recherchieren. Nahezu alle Tageszeitungen sind mittlerweile im World Wide Web (www) vertreten.
Anfangs wurden noch Texte der Printausgabe unverändert ins Netz gestellt. Heute bemühen sich die Macher um eine neue Qualität. Links, Bilder und Animationen liefern zusätzliche Informationen und eröffnen Möglichkeiten der Darstellung, die über die einer gedruckten Zeitung weit hinausgehen. Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunksender leisten sich inzwischen eigene Online-Redaktionen.
Mit dem Siegeszug des Netz-Journalismus ändert sich auch das Berufsbild der Medienschaffenden. Schon bieten die Berufsverbände Weiterbildungsveranstaltungen zum Thema an, und Journalistenschüler lernen neuerdings die Web-Sprache HTML. Für Nachwuchsjournalisten öffnen sich neue Einstiegsmöglichkeiten: Der Online-Bereich schafft Raum für Menschen mit Ideen - die Regeln sind hier längst noch nicht so festgelegt wie in den traditionellen Medien.
Gleichzeitig wird das stetig wachsende Nachrichtenangebot im www zur Konkurrenz für Zeitungen, Fernsehen und Radio, denn das Netz bietet nicht nur hochaktuelle Informationen, sondern auch die Möglichkeit, sich ein persönliches Angebot zusammenzustellen. Manche Regionalzeitungen sehen sich bereits langfristig in ihrer Existenz bedroht.
Derzeit sind die meisten Online-Auftritte noch Verlustgeschäfte. Bei der Finanzierung durch Werbung auf den Web-Seiten stellt sich die Frage, wie Redaktion und Kommerz ineinander greifen. Anders als bei gedruckten Medien kann der Nutzer im Internet mit einem Klick von einem Artikel direkt zum Online-Shopping weitergeleitet werden. Wer unabhängigen Journalismus im Internet anbieten will, muss streng trennen zwischen redaktionellem Teil und E-Commerce.
Beim SPIEGEL-Forum an der Universität Leipzig diskutierten am 19. April Studenten und Medienvertreter aus dem Online- und dem Printbereich über Chancen und Risiken des Online-Journalismus: Welche Anforderungen müssen die Journalisten von morgen erfüllen? Wird der Online-Journalismus die Medienlandschaft nachhaltig verändern oder lediglich für zusätzliche Angebote sorgen? Werden die Grenzen zwischen Redaktion und E-Commerce verschwimmen? Moderiert wurde die Veranstaltung von Michael Haller, 55. Der ehemalige SPIEGEL- und "Zeit"-Redakteur amtiert als Professor und Leiter der Abteilung Journalistik am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Im Folgenden sind Auszüge der Diskussion wiedergegeben.
"Noch vor wenigen Jahren war der Online-Journalist ein Alleskönner. Er musste Artikel aus der Mutterpublikation anpassen, HTML-Seiten stricken, wahrscheinlich sogar selbst Werbebanner einfügen und Sponsoren anwerben. Das hatte mit Journalismus wenig zu tun.
Inzwischen sind wir deutlich weiter - wir haben jetzt mehr Ressourcen. Was damals noch alles in einer Hand lag, ist heute aufgeteilt. Die wichtigsten Elemente für einen Online-Journalisten sind für mich: Er kann so stark in die Tiefe gehen, wie er möchte. Er ist nicht auf eine Zeilenzahl oder auf eine Sendezeit beschränkt. Dem Nutzer kann er eine wesentlich unmittelbarere Erfahrung verschaffen - dadurch, dass er ihn durch Bild- und Textelemente oder durch Live-Berichte direkt an den Ort des Geschehens versetzt.
Was das journalistische Ethos betrifft, so muss man sich die Frage stellen: Dürfen wir auf unserer Website E-Commerce betreiben? Dürfen wir mitverdienen an den Transaktionen, die bei uns durchgeführt werden? Wir meinen, dass wir guten Journalismus machen. Sollten wir dann nicht auch zusätzliche Dienste anbieten? Solange uns der Nutzer glaubt, dass wir nicht käuflich sind, dass wir den Artikel oben nicht schreiben, damit wir unten das Buch verkaufen können und dann den Umsatz teilen - so lange ist das in Ordnung. Das ist eine Überlebensstrategie, denn unser Web-Angebot braucht auch eine Refinanzierung."
"Der Online-Journalismus ist zurzeit noch sehr experimentell. Ich denke, dass dafür eine fundierte Ausbildung in den traditionellen Medien wichtig ist, dass sie aber wirklich nur eine Grundlage darstellen kann. Vielleicht muss man sogar direkt im Internet erste Erfahrungen machen, um die Entwicklung dort voranzutreiben.
Man muss das Internet schon auch selbst intensiv nutzen, um damit umgehen zu können. Man kann nicht einen Zeitschriftenartikel eins zu eins im Netz abdrucken. Die Nutzer wollen ein Forum, in dem sie auch die Möglichkeit haben zu reagieren. Wenn ich ein Interview für das Netz mache, frage ich nicht anders als bei einem Interview für ein Printmedium. Ich muss es aber anders schreiben - zum Beispiel hier und da einen Link legen und so den Leuten die Möglichkeit geben, das Internet auch ein wenig selber zu reflektieren.
Ich glaube, dass es für mich als Student, der sich später einmal bewirbt, einen Unterschied macht, ob ich mich mit HTML oder Photoshop auskenne oder ob ich aus dem klassischen journalistischen Bereich komme. Wenn man sich die Jobangebote anschaut, dann wird heute mehr verlangt als Word - da sind auch HTML und Bildbearbeitung gefragt."
"Das Internet ist ein Konvergenzmedium, also eine hoch integrierende Funktion von Bild, Text und Bewegtbild. Hier kann man Videos und Musikstücke plötzlich in einer ganz neuen Form darbieten. Das Internet wird in seiner Funktion als Abrufmedium, gerade im Hinblick auf digitale Fernsehdienste, ein Leitmedium sein.
Genauso stellt das Internet ganz neue Anforderungen an Journalisten. Ich habe im Netz keinen Redaktionsschluss, die Aktualität steht im Vordergrund. Kein Mensch guckt sich im Nachrichtenbereich heute noch ein Angebot an, das nicht mehrmals am Tag aktualisiert wird.
Der Online-Journalismus erfordert eine ganz neue Denkweise. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass man viel mehr mit spielerischen Elementen arbeitet. Ich glaube, eines der erfolgreichsten Spiele in den letzten Monaten war das Moorhuhn-Spiel. Warum kann man beispielsweise nicht die Landtagswahl in Thüringen spielerisch aufarbeiten mit Köpfen, die da herumfliegen?
Mir nützt ein Uni-Absolvent als Mitarbeiter wenig, der die meiste Zeit im Hörsaal verbracht hat. Wenn er aber viel vor dem Rechner sitzt und das Netz kennt, habe ich schon mehr davon."
"Aus der Sicht des Printjournalismus ist das Internet natürlich eine Konkurrenz - vor allem für die tagesaktuellen Medien, weil es einfach schneller sein kann. Journalismus im Internet ist aber - wenigstens nach meiner Meinung - eher praktisch als schön. Das ist eine Darstellungsform, die für rasche und präzise Information ideal geeignet ist, aber die Edelfedern werden noch viele Jahre das Papier bevorzugen.
Ich glaube, dass sich auch in Zukunft die Tageszeitungen am Markt halten werden, wenn auch vielleicht nicht alle. Wenn sich das so genannte Soft-Book durchsetzt, kann man den elektronischen SPIEGEL später vielleicht in die Jacke stecken und ihn am nächsten Montag im Internet wieder aufladen. Das wird für uns dann gar keinen großen Unterschied machen, das wäre nur eine andere Hardware.
Es gibt vielfältige Risiken im Online-Journalismus, insbesondere in der dichten Kooperation im Bereich des E-Commerce, dem man im Netz kaum ausweichen kann. Dort Brandmauern einzuziehen zwischen Journalismus und E-Commerce ist eine sehr schwierige Aufgabe. Dieses Problem gibt es im Printjournalismus in dieser Form nicht.
Wer als Student daran denkt, Journalist zu werden, der muss das Berufsfeld Online-Journalismus ganz klar mit einkalkulieren - nicht als ausschließliches, aber als potenzielles Arbeitsfeld. Kein Medium, das wir jetzt kennen, wird ganz ausscheiden aus der Konkurrenz. Dass aber der Online-Bereich in Zukunft ein wesentliches Arbeitsfeld für Journalisten sein wird, ist ganz klar."
"Das Internet bietet viele Möglichkeiten, das Medium mitzuerfinden, denn es ist noch lange nicht fertig. Der Printbereich ist ausgereift, egal ob Sie von einer Tageszeitung reden, vom SPIEGEL oder einem anderen gedruckten Medium. Aber das Internet entwickelt sich erst - es ist vielleicht gerade in der Pubertät angekommen, aber noch lange nicht erwachsen. Wenn Sie dort reingehen, haben Sie viel größere Freiheiten, als wenn Sie ein klassisches Volontariat bei einer Tageszeitung machen.
Die Standards, die wir von Mitarbeitern fordern, sind unabhängig vom Medium. Aber bei einem Online-Medium muss man schneller recherchieren, schneller denken und schneller publizieren können und dabei im Kopf haben, dass man nicht auf einen Knopf drücken kann und dann springt die Druckerei an, sondern dass es da mehrere Möglichkeiten gibt. Der Online-Journalist braucht die klassische journalistische Qualifikation, wie wir sie aus anderen Medien kennen, plus etwas darüber hinaus.
Das entscheidende beim Online-Journalismus ist, dass wir unser Angebot so interessant für unsere Nutzer machen, dass sie unsere Seiten anklicken. Je mehr von ihnen das tun, umso hochwertiger und qualitativ besser wird unser Online-Dienst. Je mehr kommen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich ordentliche Werbeerlöse erziele, mit denen ich mein Produkt finanzieren kann. Im Augenblick ist es so, dass sich weltweit kein rein journalistisches Angebot finanziert.
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an Ihrem PC und lesen eine Buchbesprechung. Dann könnte man Ihnen am Ende sagen, Sie können zwei Blocks weiter in einen Buchladen gehen, das Buch dort bestellen und es vier Tage später abholen. Oder Sie können auf einen Button klicken und haben das Buch am nächsten Tag in Ihrem Briefkasten. Was wäre Ihnen lieber? Meine Erfahrung ist: der Button. Aber eines ist ganz wichtig: Wann immer Sie den journalistischen Teil verlassen, muss man Ihnen das sagen."