Streiten: "Toleranz ist anstrengend" - DER SPIEGEL
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Streiten "Toleranz ist anstrengend"

SPIEGEL-Forum am 27. November 2000 an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) zum Thema "Was tun wir gegen Fremdenhass?"
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

UniSPIEGEL:

Herr Thierse, Sie haben sich in den vergangenen Monaten immer wieder deutlich gegen die fremdenfeindlichen Stimmungen und Übergriffe in Deutschland zur Wehr gesetzt. Hat sich Ihr Engagement gelohnt? Beobachten Sie einen Wandel im öffentlichen Bewusstsein?

Thierse: Ja, ich glaube, die Situation ist besser geworden. Viele Bürger haben inzwischen begriffen, dass der Kampf gegen Rechtsextremismus und Fremdenhass eine wirkliche Herausforderung ist. Ich habe begonnen, mich mit diesem Thema zu befassen, weil ich den Eindruck hatte, dass die deutsche Öffentlichkeit mit dem Problem Rechtsextremismus nur konjunkturell umgeht. Einer ausländerfeindlichen Straftat folgen ein, zwei Tage Aufregung ­ dann herrscht wieder Ruhe. Das ist dem Problem nicht angemessen.

Ich bin viel durch das Land gereist und habe vor Ort immer wieder festgestellt, dass der Rechtsextremismus heute kein parteipolitisch isolierbares Phänomen am Rande der Gesellschaft ist, sondern dass ausländerfeindliche Einstellungen ein fast selbstverständlicher Teil des Alltagsbewusstseins vieler Menschen geworden sind, dass die Gewaltschwelle gesunken ist, dass die Bereitschaft, sich für Demokratie, Anstand und Menschlichkeit einzusetzen, nicht selbstverständlich ist.

Im Gespräch mit jungen Leuten habe ich aber auch positive Erfahrungen gemacht. Es hat mich beeindruckt, mit wie viel Intelligenz und Phantasie viele versuchen, auf ihresgleichen einzuwirken. Das ist doch überzeugender, als wenn ein solcher Opa wie ich das tut.

UniSPIEGEL: Sehen Sie das in Frankfurt auch so, speziell an der Europa-Universität?

Schwan: Wir versuchen, an der Universität ebenso wie in der Öffentlichkeit gegen den Fremdenhass anzugehen. Das Wichtigste ist wohl, dass die Viadrina vorlebt, wie man mit über 40 Prozent ausländischen Studierenden zusammen studiert, arbeitet und forscht ­ und das zur großen Freude aller Beteiligten. Dass es da auch mal Ärger gibt, ist ganz klar. Entscheidend ist, dass man zusammenarbeitet und sich gemeinsamen Aufgaben widmet.

Wir hatten in letzter Zeit eine ganze Reihe von Veranstaltungen zum Thema Rechtsradikalismus. Es gibt in dieser Stadt beeindruckend viele Initiativen, die versuchen, das Image ihrer Stadt zu verbessern und Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass zu überwinden.

Kempa: Die Aktionen hier waren schon toll. Trotzdem trauen sich manche Studenten weiterhin nicht, abends in die Stadt zu gehen. Sie haben einfach Angst, von Rechtsradikalen angegriffen zu werden. Lieber bleiben sie zu Hause und verzichten auf kulturelle Veranstaltungen oder Partys. Mittlerweile versucht das Studentenwerk sogar, ausländische Studenten möglichst in Uni-Nähe unterzubringen, damit sie weniger gefährdet sind. Das kann natürlich nicht der Normalfall sein.

Ich habe Bekannte, die schon mal abends auf dem Weg nach Hause von zwei oder drei Rechtsradikalen herumgeschubst oder angespuckt worden sind. Das finde ich schlimm, denn Frankfurt ist nicht nur eine Universitätsstadt, sondern auch eine internationale Stadt. Hier ist kein Platz für Fremdenhass.

UniSPIEGEL: Herr Lietsch, steht die Frankfurter Polizei den ausländischen Studenten nicht genügend zur Seite?

Lietsch: Für uns ist es ganz wichtig, dass uns Straftaten, wie sie Frau Kempa angesprochen hat, bekannt werden, weil sie mit allerhöchster Priorität bekämpft werden müssen. Wir sind nicht so vermessen zu sagen, wir sind überall, an allen Brennpunkten in der Stadt. Aber wir haben eine Liste der Schwerpunkte, wo wir versuchen, mit hohem Personaleinsatz und mit großer Motivation unserer Mitarbeiter der rechten Gewalt entgegenzuwirken.

Wir wollen signalisieren, dass es für solche Straftaten absolut keine Toleranz gibt. Es darf hier in Frankfurt niemandem wegen seiner Hautfarbe oder seines Akzents Gewalt angetan werden. Das ist unser Ziel, dafür setzen wir uns ein. Ich hoffe, dass uns das in Zukunft noch besser gelingt. Aber nicht nur die Polizei hat hier eine Aufgabe, sondern wir alle. Niemand darf sich das Recht herausnehmen, Gewalt gegen andere Menschen auszuüben.

UniSPIEGEL: Herr Ourmazd, spüren Sie persönlich eine ausländerfeindliche Stimmung?

Ourmazd: Ich bin in Iran geboren, in England aufgewachsen, habe jahrelang in den USA gearbeitet und die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. Meine Frau kommt aus Australien. Seit fünf Jahren lebe ich jetzt in Frankfurt (Oder). Eine multikulturelle Gesellschaft ist für mich Selbstverständlichkeit, Notwendigkeit und auch ein Genuss. Ich fühle mich wohl hier. Nicht, dass es keine Probleme gäbe, es gibt viele, aber es gibt auch Fortschritte.

Zwei Dinge stören mich allerdings sehr: Zunächst einmal ist es zu kurz gegriffen, die Ausländerfeindlichkeit nur mit den neuen Bundesländern in Verbindung zu bringen. Der einzige Vorfall fremdenfeindlicher Natur, der mich persönlich betroffen hat, ist mir in München passiert. Zum anderen verblüfft mich immer wieder, wie sich die Politik zu dem Thema äußert. Kein amerikanischer Politiker könnte mit Aussagen, wie man sie jeden Tag im Fernsehen von deutschen Politikern hört, auch nur zwei Tage im Amt bleiben.

UniSPIEGEL: An welche Aussagen denken Sie?

Ourmazd: Zum Beispiel an den Begriff der Leitkultur. Hätte ich mich stets an der jeweiligen Leitkultur vor Ort orientiert, wäre ich jetzt total verwirrt. Das wäre iranische Leitkultur gewesen, englische Leitkultur, amerikanische Leitkultur. Das ist doch völlig daneben. Was mich wundert, ist, dass man damit Wahlkampf machen und diese sehr sensiblen Themen missbrauchen darf.

UniSPIEGEL: Herr Pohl, haben Sie das Gefühl, dass Sie mit all den Initiativen, die hier gestartet worden sind, beruhigt in die Zukunft blicken können?

Pohl: Der Anfang ist gemacht. Aber bis wir da stehen, wohin wir kommen wollen, ist es noch ein weiter Weg. Wir wollen nicht mehr nur reagieren. Das heißt, nicht erst, wenn etwas passiert ist, eine Resolution verabschieden oder eine Lichterkette initiieren. Wir wollen eine Atmosphäre schaffen, in der 30 oder auch 100 Rechtsradikale merken, dass sie in dieser Stadt keinen Nährboden finden.

UniSPIEGEL: Frau Schwan, wenn polnische Studenten sich abends nicht mehr aus dem Haus trauen, weil sie fürchten müssen, angegriffen oder beschimpft zu werden, ist dann nicht auch die Universität gefordert? Das Konzept der Europa-Universität Viadrina ist einzigartig in Deutschland. Eigentlich dürften Sie so etwas doch zuallerletzt tolerieren.

Schwan: Das ist richtig. Nur sind wir natürlich nicht polizeilicher als die Polizei. Zwei unserer großen Studentenwohnheime stehen zum Beispiel in Neuberesinchen, einem Stadtteil mit vielen Schwierigkeiten, aber auch mit engagierten Bürgern. Gemeinsam mit den Bürgerinitiativen versuchen wir, den Stadtteil zu verschönern und für Arbeitsplätze zu sorgen.

Eines ist aber ganz wichtig: Der geistige Boden für Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalismus wird nicht in öffentlichen Reden gelegt, sondern in den Familien. Wir erkennen immer deutlicher, dass Schulbildung, Universitätsbildung und all das zwar wichtig sind, aber die Wertvorstellungen, etwa wie man zu anderen Menschen steht, was man richtig oder falsch findet und welche Vorurteile man pflegt, werden in den Familien geprägt. Dagegen anzugehen ist sehr schwer und wird viel Zeit erfordern.

UniSPIEGEL: Leider können Sie nicht warten, bis die Erziehung Früchte trägt. Frau Kempa, warum ist es an der Europa-Universität nicht möglich, dass sich deutsche und polnische Studenten zusammentun?

Kempa: Es gibt ja Kontakte, zum Beispiel in der deutschpolnischen Studentengruppe "Spotkanie". Aber die polnischen Studenten, die hier wohnen oder in Slubice, auf der anderen Seite der Oder, fühlen sich nicht als Frankfurter. Sie fühlen sich nicht als Mitbürger anerkannt.

Ich selbst habe viele deutsche Freunde und Bekannte. Aber die meisten von uns leben gar nicht hier, sondern in Polen. Die gehen hier in die Vorlesung und dann zurück nach Hause. Über die Brücke, fertig, aus.

Schwan: Das zeigt, dass wir den Stadtkern um die Universität herum abends lebendiger machen müssen. Dafür müssten dann aber auch die Straßenbahnen abends etwas länger fahren.

UniSPIEGEL: Herr Pohl, das mit der Straßenbahn kann doch nicht so schwer sein!

Pohl: Das alles kann nicht so schwer sein. Aber ich will jetzt nicht irgendwas versprechen.

UniSPIEGEL: Herr Thierse, haben Sie das Gefühl, dass die Frankfurter auf dem richtigen Weg sind?

Thierse: Frankfurt ist ein Beispiel dafür, dass man jetzt vielerorts von einer Haltung abrückt, die sehr verbreitet war: der Vorstellung nämlich, man sei irgendwie nicht zuständig. Zuständig ist der Staat, sind "die da oben", sind jeweils die Profis für die Einhaltung der Regeln. Wichtig ist, dass Bürger begreifen, dass sie selbst zuständig sind für die Gesittung einer Gesellschaft.

Wenn wir von Integration, von einer Kultur der Anerkennung reden, dann haben dazu jeweils beide Seiten beizutragen. Toleranz ist etwas höchst Anstrengendes, eine wirkliche Herausforderung. Da muss man Ängste und Vorurteile überwinden, sich auf einen anderen einlassen, der ganz oder wenigstens teilweise anders ist, der einen selber in Frage stellt. Und wer könnte das Zusammenleben in einer Gesellschaft besser demonstrieren als junge Leute, zumal Studenten, von denen ich annehme, dass sie der vitalere, dynamischere und intelligentere Teil dieser Gesellschaft sind?

UniSPIEGEL: Herr Ourmazd, an Ihrem Institut arbeiten viele ausländische Wissenschaftler. Haben die Vorurteile gegen Ausländer auch dazu geführt, dass Sie Probleme haben, die ausländischen Forscher in Ihr Labor zu holen, die Sie gern hätten?

Ourmazd: Eindeutig ja. 1999 sind 30 Prozent unserer Wissenschaftler gezielt international abgeworben worden. Es gibt wirklich einen globalen Kampf um Talente. Die können sich aussuchen, wo sie arbeiten wollen. Natürlich ist es für einen ausländischen Wissenschaftler entscheidend, ob er spätabends sicher nach Hause gehen kann. Es hat bei uns in der Tat Fälle gegeben, wo Kandidaten abgesprungen sind, weil sie den Standort nicht akzeptabel fanden. Und von den ausländischen Kollegen, die an unserem Institut arbeiten, lebt etwa die Hälfte in Berlin.

UniSPIEGEL: Der Konstanzer Hochschulforscher Tino Bargel hat herausgefunden, dass etwa acht Prozent der ostdeutschen Studenten dem national-konservativen Lager zuzuordnen sind, etwa doppelt so viele wie in Westdeutschland. Und der Soziologe Detlef Pollack aus Frankfurt (Oder) hat ermittelt, dass etwa zwölf Prozent der 18- bis 29-Jährigen hier in der Stadt als "Rechtsnationalisten" einzustufen sind und weitere 17 Prozent als apolitische Ausländerfeinde. Also gehört insgesamt rund ein Drittel der Befragten in dieses Spektrum. Herr Oberbürgermeister, was besagen solche Zahlen für diese Stadt?

Pohl: Wir müssen in der Stadt eine fremdenfreundliche Atmosphäre schaffen. Dazu gehört als ganz wichtiger Teil das, was an den Schulen passiert. Ich denke, dass gerade dort ein enormes Defizit zu Tage tritt. Dabei bestünden im politischen Unterricht sehr wohl Möglichkeiten, darüber zu sprechen. Wenn ich mit Schülern rede, dann frage ich auch immer: Ist das deine Meinung, oder hast du das zu Hause bei deinen Eltern gehört?

UniSPIEGEL: Herr Thierse, was sind die Ursachen für den Rechtsextremismus in Ostdeutschland?

Thierse: Es gibt sicherlich allgemeine Ursachen für Rechtsextremismus, Gewalt und Intoleranz. Ich nenne das immer die Mischung aus Überforderungsangst und Vereinfachungsbedürfnis. Wir leben in einer Welt, die sich dramatisch verändert ­ ökonomisch, sozial, technologisch, wissenschaftlich. Das macht vielen Menschen Angst. Es erzeugt auch das Bedürfnis nach einfachen Antworten in einer Situation, die bedrohlich und komplex erscheint. Das ist die Basis der Verführbarkeit von Menschen. In Ostdeutschland ist das noch schlimmer, weil hier die Veränderungen besonders dramatisch waren.

Vor diesem Hintergrund werden soziale Konflikte und Ängste plötzlich ethnisiert ­ die Ausländer werden zu Schuldigen erklärt. Die Ursachen dafür sind vielfältig ­ wir müssen da auch über die DDR-Vorgeschichte reden. Rechtsextremismus, Ausländerfeindlichkeit, Vorurteile und Antisemitismus hat es auch zu DDR-Zeiten gegeben. Das wurde aber immer unter den Teppich gekehrt, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte. Zur Erbschaft aus DDR-Zeiten gehört auch, was ich "autoritäres Gepäck" nenne. Eingesperrt, wie wir waren, haben wir nie lernen können, selbstbestimmt mit Konflikten umzugehen. Dieses ideologische Gepäck, dieses autoritäre Erbe müssen wir aufarbeiten.


Das SPIEGEL-Forum moderierte Redakteur Martin Doerry.