Studenten-Beschimpfung: "Sie sind unfähig oder faul!" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Studenten-Beschimpfung "Sie sind unfähig oder faul!"

Wenn Studenten ihn reihenweise enttäuschen, sieht der Prüfer schon mal rot. Ein Steinfurter Chemieprofessor rüffelte seine Kandidaten in einem bemerkenswert barschen Aushang am Schwarzen Brett und drohte damit, sie "aus dem Studium herauszuprüfen".
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Aushang von Hermann Büttner an der Fachhochschule Münster hatte es in sich, und er zog größere Kreise: In seinem herben Denkzettel am Schwarzen Brett gab der Professor für Chemieingenieurwesen seinen durchgefallenen Prüflingen im Juli mit auf den Weg, sie seien für das Studium ungeeignet und sollten schleunigst beginnen, sich eine Lehrstelle zu suchen. Am Ende warnte der Hochschullehrer sie gar vor der mündlichen Prüfung: "Wenn Sie den Stoff nicht können, habe ich keine Bedenken, Sie aus dem Studium herauszuprüfen!"

Kann so gegenseitiger Respekt zwischen Professoren und Studenten gedeihen? Auf die drastische Wortwahl ("Sie haben nicht gelernt, weil Sie unfähig oder faul sind!") reagierten die Studenten teils verblüfft und amüsiert, teils erbost. Erst berichtete die Lokalzeitung, dann andere Zeitungen. Und schließlich verschickten Studenten den geharnischten Aushang mit den vielen Ausrufezeichen via Internet.

Hermann Büttner unterrichtet Organische Chemie und Biochemie an der FH Münster, Standort Steinfurt. Er beschreibt sich selbst als engagierten Hochschullehrer mit großem Interesse an einer guten Ausbildung seiner Studenten. Durch die vielen Reaktionen ging ihm indes schnell auf, dass er übers Ziel hinausgeschossen war - nur wenige Tage klebte Büttners Aushang am Schwarzen Brett unter den Ergebnissen der Organik-Prüfung.

Künftig keine Aushänge mehr

"Sicher, die Worte waren hart, dafür habe ich mich auch längst entschuldigt", sagt Büttner. Aber zur Sache stehe er weiter voll und ganz - wegen der katastrophalen Klausurresultate habe er die Studenten schlicht wachrütteln wollen. "Meine Klausuraufgaben bestehen ohne irgendeine Änderung aus Übungsaufgaben", die ausführlich besprochen würden. Obendrein zählten drei Kolloquien zu Praktikumsversuchen zum Pflichtprogramm.

Trotzdem hätten auch Kandidaten in höheren Semestern beträchtliche Wissenslücken gezeigt: "Zu drohen ist in jedem Fall angebracht bei Studierenden im sechsten Semester, die diese Prüfung aus dem zweiten oder dritten Semester immer noch ausstehen haben", noch dazu nach mehreren Prüfungsanläufen, so Büttner. Manche Studenten hätten "immer noch nicht begriffen, dass sie ihr ganzes Berufsleben mit ihrer Ausbildung bestehen müssen", rechtfertigt er seine krasse Ausdrucksweise. Auf Aushänge zu den Klausurergebnissen will der Chemiker allerdings künftig verzichten.

Jochen Leffers

Ein anderer Professor an einer süddeutschen Fachhochschule äußerte in einer Rundmail ebenfalls deutliche Kritik an seinen Studenten, allerdings in einem weniger derben Ton

Im zweiten Teil:

"Liebe Studierende des 2. Semesters,

herzlichen Dank für Ihre Anregungen und Kritik in der Evaluation. Noch einige kurze Bemerkungen von meiner Seite: In meiner fast 15-jährigen Tätigkeit am Fachbereich habe ich noch nie eine so große Unruhe und Unkonzentriertheit in den Vorlesungen und Übungen erlebt wie in Ihrem Semester. Ich glaube, dass dies unter anderem auf bestimmte Gruppenbildungen in Ihren Reihen und deren Eigendynamik zurückzuführen ist. Im Übrigen akzeptieren auch die meisten Mitstudierenden solche Auswüchse und die permanente Unruhe nicht. Dass eine Vorlesung nicht zum McDonald's-Happening verkommen darf, habe ich Ihnen ja deutlich gemacht.

Ich denke, dass einige von Ihnen überhaupt noch nicht begriffen haben, dass sie nun zum einen an einer Hochschule und zum anderen an einem Fachbereich mit einem Bachelor of Science-Abschluß arbeiten. Bei einigen hatte ich den Eindruck, permanent gelangweilt, genervt, ungeduldig und vor allem unkonzentriert zu sein.

Die Klausur spiegelt dieses Ergebnis in aller Deutlichkeit wider. Es hat mich in keiner Weise verwundert und ich habe es fast bis ins Detail so kommen sehen... Auch für Ihr Semester haben sich meine Rahmenbedingungen in der Klausur nicht verändert. Im Vergleich zu Ihrem Semester hat (...) deutlich besser abgeschnitten. Aber hier herrschte eine doch etwas andere Arbeitsatmosphäre mit Rückfragen, Diskussionsbeiträgen und vor allem Konzentration in den Vorlesungen.

Ich kann nur hoffen, dass das nun anstehende Praxissemester den nötigen Ernst in die ganze Angelegenheit bringen wird und wir im 4. Semester konstruktiver zusammenarbeiten können. Gerne bin ich bereit, zusammen mit den Semestersprechern geeignete Wege zu finden.

Die Klausureinsicht für (...) findet am kommenden Donnerstag von 16 Uhr bis 17 Uhr in meinem Büro (...) statt.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg im Praktikum,

Prof. XY"