Studenten-TV Die Sendung aus der Uni
Mit Backpapier und einer Haarspange nestelt Ruben Donsbach an einem Scheinwerfer herum. Endlich hält der braune Papierstreifen so, dass auf die angestrahlte Moderatorin ein wärmerer Lichtschein fällt.
Was Ruben, 25, hier macht, ist öffentlich-rechtliches Fernsehen. Gerade werden die Zwischenmoderationen für die Sendung Xen.on aufgezeichnet, die seit September jeden Freitag ab kurz nach Mitternacht im Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) lief. Xen.on ist die erste Magazinsendung im deutschen Fernsehen, die von Studierenden produziert wird - und Ruben, der Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU Berlin studiert, amtiert als Chefredakteur.
Themenplanung, Dreharbeiten, Schnitt, Moderation - um alles kümmern sich 80 Nachwuchsfernsehmacher aus elf Hochschulen. Neun Monate lang sendete Xen.on im Offenen Kanal Berlin, bis der RBB die Sendung in sein Drittes Programm aufnahm. Nach den ersten zehn Sendungen wird derzeit verhandelt, ob und auf welchem Sendeplatz Xen.on bald ständig im RBB läuft.
Angefangen hatte Xen.on 2004 als TV-Ausbildungsprojekt aller Berliner und Brandenburger Hochschulen. Als der weiße Kreis am rechten Bildschirmrand - das Markenzeichen der Sendung - dann über den Offenen Kanal flimmerte, wurde Petra Schmitz auf die Sendung aufmerksam. Die Redakteurin der ARD-Zeitgeistsendung Polylux brachte Xen.on ins öffentlich-rechtliche Programm. "Ich war von der Frische, Modernität und vor allem vom Bilderreichtum sehr angetan", sagt sie.
"Wir sind eine trashige Sendung"
In den Beiträgen geht es zum Beispiel um neueste Whirlpool-Modelle, das Pornofilmfestival oder das Museum der unerhörten Dinge. Vor einer halben Stunde standen das Kamerateam und die Moderatorin noch auf dem Hackeschen Markt in Berlin, inmitten schicker Straßencafés neben einem Akkordeonspieler. Als es anfing zu regnen, entschloss sich das Team, die letzten Zwischenmoderationen lieber in Rubens WG im Studentenkiez Friedrichshain aufzunehmen. Genau so funktioniert Xen.on. "Wir sind eine trashige Sendung", sagt Projektkoordinatorin Christine Hirt, 30, die gerade ihr Studium der Medienwissenschaften in Potsdam abgeschlossen hat. "Gedreht wird an ungewöhnlichen Orten, die meist etwas versteckt liegen."
Den Nachteil, ohne eigenes Studio arbeiten zu müssen, haben sie zum Konzept erhoben. Das Design der Sendung erinnert an MTV: Gezeichnete Piktogramme, unruhig zappelnde Pfeile und ins Bild fliegende Buchstaben jagen über den Bildschirm. Jugendlich locker geht es bei Xen.on zu, was nicht selbstverständlich ist im RBB. "Die Quoten der ersten Sendungen waren trotzdem spitze", sagt Chefredakteur Ruben. Über 100.000 Menschen schalten das unkonventionelle Mitternachts-Fernsehen regelmäßig ein. Der RBB will mit der flippigen Sendung vor allem eins: sich von seinem Rentner-Image lösen. Alle Dritten Programme kennen das Problem. Auch der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) hat darum seit September ein Studentenprogramm.
An der Tür des Redaktionsraums von "unicato - Das studentische Filmmagazin" hängt ein Ausschnitt aus der "Bild"-Zeitung: "Weg mit dem Doof-TV!". So könnte das inoffizielle Motto der Sendung lauten, die in einem unscheinbaren Raum direkt neben der Bibliothek der Bauhausuniversität Weimar entsteht. 20 Studenten der Uni planen von hier aus seit Oktober die innovativste Sendung im MDR. Vom Konzept bis zum Logo, Namen und Design haben sie das Format einer Filmsendung für den Nachwuchs selbst entwickelt. Vier Jahre benötigten sie, bis die Idee aus den Seminaren des Projektstudiums in der Glotze ankam. Alle vier Wochen laufen nun mittwochs ab 0:30 Uhr Kurzfilme von Studierenden aus Mitteldeutschland. "Studenten kommen doch erst nachts nach Hause", sagt MDR-Redakteur Benedikt Otto, der als Dozent an der Uni auf die Idee einer solchen Sendung kam. "Außerdem wollen wir ältere Zuschauer nicht verschrecken", schiebt er hinterher.
Uli grüßt, der Rest ist Schweigen
Aus über 300 Angeboten hat Mediengestaltungsstudent Albert Beckmann, 25, die originellsten neun Filme für die erste Sendung ausgewählt. Dabei hatte er absolute Freiheit. Alle vorgeschlagenen Filme wurden ausgestrahlt, auch künstlerische Provokationen "von denen ich dachte, dass sie nie gesendet würden", sagt Albert. Im Beitrag "Still" beispielsweise sieht man den gewöhnlichen Beginn einer "Tagesthemen"-Sendung mit Fanfare und Weltkarte, Ulrich Wickert begrüßt die Zuschauer - und schweigt dann fünf Minuten in die Kamera.
Nach der Ausstrahlung erhielt der MDR Post von verwirrten Zuschauern. "Die Irritation hat also funktioniert", freut sich Professor Wolfgang Kissel, der unicato von Uniseite betreut. "Gerade dieser Film brauchte den Sendeplatz in der ARD", sagt er. Die Freiheit, mit der Sendezeit zu machen, was man will, sei ein "unheimliches Privileg", findet Student Albert.
Genauso wie bei unicato sieht der Sender auch bei Xen.on die Beiträge der Studenten das erste Mal zur Endabnahme. Trotzdem funktioniert die Zusammenarbeit, erst einmal musste das Team nacharbeiten: Bei einem Beitrag über die DDR monierte der Sender einen zu naiven Blick des 18-jährigen Autors auf einen Staat, den er selbst nie erlebt hatte. Daraufhin wurde der Film neu betextet und ging dann über den Sender. Alle anderen Beiträge seien jedoch "auf einem sehr hohen Niveau", lobt Redakteurin Petra Schmitz.
Vor allem die Unterschiedlichkeit habe ihr gefallen. Von einer Handpuppen-Satire bis zu ernsthaften Sittengemälden aus einer Altberliner Eckkneipe finden sich viele originelle Ideen. Die Nachwuchsjournalisten suchen ungewöhnliche Zugänge zu Themen wie "Political Incorrectness", "Jungs/Mädchen" oder "Mikrokosmos". Interviews werden bei Xen.on mit Handkamera und im Gehen gefilmt und eine Modenschau auch schon mal mit Punkmusik unterlegt. Antrieb für ihre Einfälle erhalten die Macher von Mentoren wie Regisseur Rosa von Praunheim.
Während Xen.on eine Magazinsendung ist, mit Zwischenmoderationen und einer regelmäßigen Umfrage-, Kommentar- und Interviewrubrik, sendet unicato nur Kurzfilme. Getrennt werden die Werke mit einer Länge zwischen einer bis 20 Minuten von einem immergleichen Trailer.
Trotz dieses Purismus kommt auch unicato beim Sender gut an. "Die unkonventionelle frische Bildsprache hat mich überzeugt", sagt der Thüringer MDR-Landesfunkhausdirektor Werner Dieste. Unicato sei keine massenattraktive Sendung, sondern "etwas für Fernsehfeinschmecker".
Standortnachteil Erfurt
Zur Premiere gab es neben Dokumentationen und 3D-Animationen auch den Puppentrickfilm "Wo bist du?" von Anna Gawrilow. Die 26-jährige Mediengestalterin arbeitete sechs Monate an diesem Stop-Motion-Horror-Grusical, "für jede Sekunde im Film braucht man 25 Bilder, das ist Kampf", sagt sie. Obwohl der Film schon im Ausland lief, freute sie sich über die TV-Ausstrahlung, "weil ich eine breite Öffentlichkeit bekomme, die ich über Festivals so nie erreicht hätte".
Anna arbeitet seit Ende des Studiums als freischaffende Regisseurin, die MDR-Ausstrahlung ist für sie eine gute Referenz bei potentiellen Auftraggebern. Für die Sendung ihres Kurzstreifens bekam sie jedoch nur 100 Euro vom Sender. "Die Ausstrahlung ist das Honorar, die 100 Euro sind nur ein symbolischer Preis", sagt Redakteur Benedikt Otto. Auch fast alle Xen.on-Leute arbeiten ehrenamtlich. Das ist es ihnen wert, denn "an den Filmhochschulen ist Fernsehen immer das Stiefkind", sagt Projektkoordinatorin Christine Hirt. Beim Campus-Fernsehen dagegen könnten die Studenten Berufserfahrung sammeln. Als Motivation reiche der Redaktion schon, dass die Sendung am Ende auch ausgestrahlt wird, sagt Chefredakteur Ruben.
Er muss warten mit der Aufzeichnung, denn seine Moderatorin Kristina Tschesch ist gerade auf der WG-Toilette verschwunden. Sie zieht sich um, damit die Zuschauer nicht bemerken, dass die Moderationen für zwei Sendungen an einem Tag gedreht wurden. In Rubens Zimmer liegen Vinylplatten auf dem Parkettboden und Klamotten auf dem Bett, das gerade als Redaktionstisch missbraucht wird. Die Unkonventionalität kommt bei den Sendern an. Dort hofft man, dass "Drittes Programm" bald nicht mehr nur für Geriatrie-TV steht, sondern auch für junges anspruchsvolles Fernsehen.
Für die Anwerbung von neuen Redakteuren können die Sendungen ebenfalls hilfreich sein. "Gestandene Redakteure gehen doch lieber nach Berlin oder München und kommen nicht zu uns nach Erfurt", sagt Benedikt Otto vom MDR. Durch die Mitarbeit an der neuen Sendung könnten Studenten das Dritte Programm kennenlernen und blieben vielleicht ein paar Jahre, hofft der Sender. Auf einen ersten kleinen Erfolg weist die Pressestelle des MDR jetzt schon hin: Mit einem Zuschauer-Durchschnittsalter von 58 Jahren hat die erste Sendung von unicato bereits zur Verjüngung des Programms beigetragen.
Sonst ist der durchschnittliche MDR-Zuschauer 60 Jahre alt.