Studentin beim Online-Flirt Mit einem Klick zum Glück
Mein letzter Flirt lag schon einige Zeit zurück, und mein Enthusiasmus für den Blickaustausch in der Mensaschlange oder in der Vorlesung war deutlich abgeflaut. Bei Ersterem verflüchtigte er sich mit dem beißenden Essensgeruch, bei Letzterem bin ich meist nach den ersten 20 Minuten eingenickt. Meine Fähigkeiten auf diesem Gebiet waren also stark eingerostet, aber damit verhält es sich ja angeblich wie mit dem Schwimmen: einmal gekonnt, verlernt man es nie wieder.
Dann erzählte mir eine Bekannte, dass sie am Sonntag in Jogginghose und Gammelshirt einen amüsanten Cyber-Schwatz mit einem neuen Internet-Bekannten hatte. Der lud sie kurzerhand mit den Worten "Bring du doch die Brötchen mit und lass die Jogginghose einfach an!" zum Frühstück in seine Wohnung ein. Es wurde ein netter Sonntag, wenn sich der unkomplizierte Scherzkeks auch nicht als Traumprinz erwies. "So was passiert mir öfter", sagt sie lachend, "und überhaupt macht es einfach Spaß, mit Männern, die einem nicht persönlich gegenüberstehen, unverfänglich zu chatten. So etwas würde man sich doch unter normalen Umständen nie so schnell trauen!" Damit hatte sie recht, dachte ich und beschloss, es ihr gleichzutun.
Hier sitze ich nun, auf dem Monitor flackert in Großschrift "Und jetzt - flirten Sie los!" Die Studenten, die an diesem kalten, grauen Nachmittag neben mir im Rechenzentrum der Uni lümmeln, scheinen nicht ausgelastet zu sein. Ungeniert wird aus dem Augenwinkel rechts und links auf die Bildschirme fremder Leute geschielt und scheinbar nachdenklich aus dem Fenster geschaut, um herauszukriegen, was der Sitznachbar denn so treibt.
Ertappt im Computerpool
Die Frau zur Linken hat ein Top an und schminkt sich sorgfältig die Lippen nach. Sie schaut kurz auf meinen Bildschirm voller sportlicher, schöner Menschen und verzieht ihr Lipgloss-Mäulchen zu einem schnippischen Lächeln. Das schmächtige Männchen zur Rechten stützt seinen Arm auf einen Tisch mit eingetrockneten Kaffeerändern und Kekskrümeln. Er scheint also schon länger hier zu sitzen. Dass auch er meine Mission durchschaut hat, merke ich, als mir sein Kaffeeatem verdächtig nahekommt. Die Peinlichkeit steht mir ins Gesicht geschrieben, ich komme mir vor, als ob ich beim Runterladen eines Sado-Maso-Pornos erwischt wurde. Wie soll ich hier in Flirtstimmung kommen? Ich schließe alle Seiten auf dem Computer - keiner soll mir hinterherschnüffeln können - und stürme aus dem Raum.
Mir wird klar, dass meine Mission in einer Sackgasse enden wird, wenn ich mir nicht endlich einen eigenen Internet-Anschluss installiere. Ich will lieber ungestört in heimeliger Atmosphäre operieren.
Fast übermütig gehe ich, als es so weit ist, die ersten Internet-Seiten durch, die meine Google-Recherche hervorgebracht hat. Nach endlosem Hin- und Herklicken zwischen Seiten für Senioren, Flirten für Esoteriker und der intellektuellen Seite speziell für einsame "AkademikerInnen" greife ich mir drei Seiten heraus, die seriös wirken, kostenlos sind und mich nicht sofort mit Bildern testosteronüberladener Sonnenbankgänger und Moschusduftbaum-Besitzer abschrecken.
Nach erfolgreicher Anmeldung verfasse ich mein Profil. Ich will auf keinen Fall ein Bild ins Netz stellen, vorerst ist mir die Anonymität einer Frau ohne Gesicht lieber. Auch bei den Fragen nach Interessen fasse ich mich kurz, und die Auskunft über Lieblingsclubs, -marken (!) und mein Lebensmotto verweigere ich gänzlich. Das alles erinnert mich an ein Poesiealbum für Erwachsene.
Mein Profil gibt nicht wirklich viel her, und wäre ich ein Suchender auf der anderen Seite der elektronischen Verbindung, würde ich mich sicher nicht anklicken. Ich gebe es ungern zu, aber ich habe schon etwas Blut geleckt und kann die Unmengen an Mails kaum abwarten, die meinen Flirt-Posteingang bald zum Überlaufen bringen werden.
Am nächsten Abend sitze ich im warmen Zimmer im Schneidersitz vor meinem Computer, logge mich ein, werde wieder mit "Flirten Sie los!" angefeuert und schaue neugierig in meine Inbox. Vier neue Nachrichten. Nicht gerade viel. Ich bin enttäuscht. Die erste ist eine herzliche Begrüßung des Betreibers der Seite, die zweite von einer Frau. Habe ich bei "Suche Mann/Frau/beides" etwa aus Versehen Letzteres angegeben? Nein, der Dame gefällt die "Offenheit" meines Profils, und sie will wissen, ob ich schon Erfahrungen mit dem eigenen Geschlecht gemacht habe.
Experimentierfreudige Lesben und Familienväter
Vielleicht halten mich jetzt manche für prüde, aber dieses Neuland will ich trotz ihrer roten Lederhose und ihres tiefschwarzen Haaransatzes in der blonden Mähne nicht betreten. Die zwei anderen Nachrichten sind ein 46-jähriger Familienvater, der mir ohne Umschweife mitteilt, dass er zwar verheiratet sei, mich aber gern kennenlernen möchte, da er eine Vorliebe für Studentinnen habe. Nee Vati, lass mal, für solche wie dich gibt es doch andere Seiten! Mit einem kurzen Klick ist die Nachricht gelöscht und der ungebetene alternde Lüstling für mein Profil gesperrt. Sehr praktisch, gäbe es eine solche Funktion doch auch im realen Leben. Nummer vier klingt ganz nett, hat ein sympathisches Gesicht und ist süße 23. Nicht schlecht. Nach kurzem Austausch von Basisinfos (Studium, was machst du in deiner Freizeit?) bittet er mich um ein Foto. Ich habe noch keins, will ihn aber nach den drei vorangegangenen Pleiten nicht so schnell von der Angel lassen.
Meine Mitbewohnerin muss eins mit dem Handy schießen, das leider wegen der schlechten Qualität etwas unvorteilhaft ausfällt. Dass die Farbe meiner Haut fast nahtlos in das frische Weiß der Küche übergeht, irritiert ihn anscheinend. Auf mein zögerliches "Bist du noch da?" bekomme ich keine Antwort. Eine derart schroffe Zurückweisung ist mir noch nie passiert. Im Cyberspace weht anscheinend ein rauer Wind.
Eigentlich würde ich jetzt gern aufgeben. Ich bin ein ungeduldiger Mensch. Stellt sich der Erfolg nicht umgehend ein, verliere ich das Interesse und die Motivation. Eine Woche lang lasse ich die Sache links liegen. Irgendwann klicke ich mich doch wieder ein und habe zehn neue Nachrichten! Na also!
Den Anfang macht ein 34-Jähriger, der mich durch bekiffte riesige Pupillen im fahlen Gesicht dämonisch anglotzt. "Einen virtuellen Martini, die Dame?", fragt er mich, und ich überlege, wie lange er wohl an diesem ausgefallenen Sprüchlein gebastelt hat. Oder es ist sein übliches Hors d'oeuvre, mit dem er sich jedem weiblichen Neuzugang anbietet. Wahrscheinlich ist er mager, trägt einen schwarzen Rolli, darin steckt ein langer, dürrer Hals mit einem spitzen, hervorstehenden Adamsapfel, der beim Schlucken aufgeregt hoch- und runterhüpft. Er chattet unter dem Namen "Mister" und hat sich bei seiner Cyber-Identität durch die charmante Coolness eines Roger Moore alias James Bond inspirieren lassen.
Virtuelles Auffangbecken für alle Suchenden
Ich bin definitiv nicht interessiert, sehe es aber als Chance, als Anfängerin mehr über die Gepflogenheiten in diesem riesigen virtuellen Auffangbecken für alle Suchenden der Republik zu lernen. "Danke, halb dry, halb bianco", versuche ich darauf einzugehen und komme mir sofort albern vor. Er bietet mir weiter Hochprozentiges an, womöglich in der Annahme, ich würde mich gerade wirklich an Papas Hausbar (oder der meines Mannes?!) bedienen, um dann beschwipst Mr. Bond zur freien Verfügung zu stehen. Was mache ich hier eigentlich? Ich mag keinen Martini, ein Bier ist mir lieber. Und sein Agentengeschwätz finde ich lächerlich. Gibt es keinen normalen Mann hier? Einen, der mich ohne diese aufgesetzten Floskeln zum Lachen bringt?
Ich versuche es bei der nächsten Nachricht. Er ist recht stämmig, präsentiert sich vor einem Polizeiauto sitzend mit verfilztem Haar und Motörhead-Shirt und pöbelt mich mit "Ich hasse Frauen, die groß einen auf Mysterium machen und kein Foto reinstellen!" an. Es folgen weitere Kandidaten mit mehr oder minder originellen Anmachsprüchen. "Politik, hört sich interessant an, habe ich auch mal studiert, hast du Lust auf ein bisschen Spieltheorie?", fragt mich "Mad Max", der als Beruf Pragmatiker angibt. "Wie meinst du das?", frage ich ihn unsicher. Für mich klingt es verdächtig nach einer verunglückten pseudointellektuellen Anmache. Dem ist nicht so, denn als Antwort erscheint ein nicht enden wollender, wirrer Monolog über die Genialität des Chicken Game und die übertriebene Stellung Karl Poppers in der modernen politischen Theorie. Mad Max sucht offensichtlich jemanden, der ihn bei seinen ausschweifenden Reden nicht unterbricht und hat nun Singlebörsen als neues Jagdrevier für sich entdeckt.
Ich bin nur eine Haaresbreite vom Aufgeben entfernt. "Moment, der klingt doch gut", denke ich bei einem 29-jährigen Architekten, der mit zerzaustem Haar und kleinen Äuglein etwas übernächtigt in die Kamera blinzelt. Er ist zwar nicht wirklich mein Typ, aber Äußerlichkeiten verlieren ja beim Betreten der Welt der Internet-Dates an Wert. Der ungekünstelte Ausdruck macht einen sehr sympathischen Eindruck. Es folgen zwei Stunden lustigen Wortaustauschs. Das eigene Lachen wird in Comicsprache mit "lach" oder "haha" ausgedrückt. Wenn die Ironie nicht deutlich wird, ergänzt man den Satz durch: "Das war jetzt ironisch gemeint!"
Nächste Stufe: die Verabredung
Drei Abende hintereinander verabreden wir uns zur selben Zeit am selben Ort ("haha"), schreiben über erholsame Kurzurlaube mit Vollpension bei den Eltern, die Vorzüge eines mit System geordneten Bücherregals und mit welcher Berühmtheit als Begleitung wir gern eine Reise unternehmen würden. Nach angestrengtem Nachdenken wähle ich eine Schiffstour auf dem Sankt-Lorenz-Strom zusammen mit Hannah Arendt. Seine Inka-Tempel-Tour mit Alexander von Humboldt wirkt im Vergleich dazu wie eine Pauschalreise nach Mallorca. Das findet er auch, und ich komme mir unglaublich gebildet vor.
Als er keinen Anstoß daran nimmt, dass ich während des Chattens meine Zähne putze und mit einer Freundin telefoniere, bin ich begeistert. Was nervt, ist die Verzögerung, mit der die Nachricht bei dem anderen ankommt. Ich frage ihn, ob er denn eingeschlafen sei oder parallel noch anderweitige Chat-Bekanntschaften pflegte, weil die Antwort so lange auf sich warten lässt. Er schickt einen Smiley, verneint und schlägt mir vor, unser Gespräch doch in einem anderen Rahmen weiterzuführen. Wir könnten Bilder austauschen und uns bei gegenseitigem Gefallen zu einem Glas Wein verabreden. Mir steckt noch die Niederlage mit meinem ersten Handy-Bild in den Knochen. Ich schicke ihm ein etwas schöneres Foto und hoffe, dass ihm kleine Schönheitsfehler nicht auffallen. Anscheinend nicht, denn er schreibt, er sei am nächsten Montag in der Nähe des Campus und wolle einen Kaffee mit mir trinken.
Zeit für eine tagelange körperliche Generalüberholung bleibt also nicht mehr. Egal, zumindest auf verbaler Ebene scheinen wir Gefallen aneinander zu finden. Als Treffpunkt wähle ich ein Café auf dem Campus und als Sitzplatz einen Tisch in Türnähe. Der Gedanke an eine sofortige Fluchtoption und der Mangel an intimer Atmosphäre stellen sich als weise Vorahnung heraus. Seine Stimme ist mit 29 Jahren wohl immer noch im Stimmbruch, und zwischen seiner tatsächlichen und der vorher angegebenen Körpergröße liegen gute zehn Zentimeter. Sein Scheitel reicht grob geschätzt bis an mein Kinn. Da die Schönheit bekanntlich im Verborgenen liegt, wische ich die erste Enttäuschung beiseite und hoffe auf eine entspannte Unterhaltung, welche unsere virtuell entstandene freundschaftliche Vertrautheit weiterführen würde. Leider wird schnell deutlich, dass wir uns im realen Leben nicht viel zu sagen haben. "Ich bin ganz schön fertig", sagt er. "Warum?", frage ich. "War am Wochenende in Berlin", antwortet er knapp und schaut dabei aus dem Fenster.
Die Qual dauert 25 Minuten
Was es auch war, das ihn dort so angestrengt hat, es scheint noch einmal an seinem geistigen Auge vorbeizuziehen. "Ah, klar", sage ich und lache, was mein wortloses Verständnis für eventuelle Partyexzesse und Schlafentzug ausdrücken soll. Das Café ist fast leer, und mein Lachen klingt dämlich. Ich studiere die Kaffeevariationen, die auf der Tafel zur Auswahl stehen. "Wir haben mit drei Mann die Garage vom Vater meines Kumpels komplett neu gefliest. Die sieht jetzt wieder top aus!" Aha.
In der Garage meiner Mutter stehen ihr Auto und der Rasenmäher, aber sie hat keine Fliesen. Wozu auch? Ich weiß nichts zu erwidern und winke mit einem "Ich brauch erst mal einen Kaffee" die Bedienung heran. Dass unsere Kommunikation beim Gegenübersitzen auf zwei unterschiedlichen Ebenen abläuft, scheint auch ihm nicht zu entgehen. Wir versuchen, die Peinlichkeit mit je drei Schalen Café Latte und einem Riesenbrownie zu überdecken. Nach einer Ewigkeit von etwa 25 Minuten waren wir abwechselnd zweimal auf der Toilette, mussten das Wasser der umgefallenen Blumenvase vom Tisch wischen und haben einen Stapel Servietten sowie Zuckerpäckchen nachgeholt.
Ich mache der Sache ein Ende, krame in meiner Tasche und entsetze mich über das plötzliche Verschwinden meines Handys, obwohl ich gar keins besitze. "Es war ein lustiger Mittag, aber ich muss jetzt schnell los!", sage ich nicht sehr überzeugend. Diese Lüge schwebt über uns wie eine dicke Regenwolke. Doch irgendwie ist auch ihm die Erleichterung anzusehen. "Beim nächsten Mal lade ich dich ein!", erwidert er, aber ich bin schon halb aus der Tür.
Die drei Café Latte liegen mir schwer im Magen, und ich habe auf dem Weg nach Hause Schwierigkeiten, mich auf dem Rad zu halten. Das wird nie etwas, denke ich. Kann ich nicht flirten? Bin ich zu doof - oder die Typen?
Fast stoße ich mit einem Jungen zusammen, der mir entgegenrast. Der Sausewind bremst noch rechtzeitig, bewahrt mich damit vor einem üblen Sturz und lacht mir aus Blitzaugen entgegen. "Ich hatte schon Angst, du fällst", sagt er besorgt. Ich schaue ihn an, steige wieder auf mein Rad, erwidere seine Bemerkung mit einem wortlosen Lächeln und fahre beschwingt davon.