Studentin in Belgrad: "Ich will hier raus!" - DER SPIEGEL
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Studentin in Belgrad "Ich will hier raus!"

Seit dem friedlichen Umbruch vor einem Jahr ist Jugoslawien gespalten. Una, 25, und Danijel, 30, haben lange bei Studentendemonstrationen mitgemacht. Aber die unklare Zukunft ihres Landes und die Wirtschaftsmisere stellen ihre Freundschaft auf eine harte Probe.
Von Nicole Tepaße
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Una Brguljan und Danijel Antic sind Freunde. Sie gehen zusammen aus, fahren im Sommer gemeinsam ans Meer und sprechen über alles. Meist sind sie einer Meinung. Aber besonders ein Thema zeigt ihnen immer wieder, wie unterschiedlich sie sind: die Politik in ihrem Land.

Beide haben in Belgrad studiert. Jugoslawiens Hauptstadt war in den letzten zehn Jahre ständig in den Nachrichten - fast nur mit Berichten über Krieg, ein totalitäres Regime und einen Diktator an der Spitze. Am 5. Oktober 2000 gab es endlich gute Nachrichten: Slobodan Milosevic wurde nach den Präsidentschaftswahlen, die er zunächst nicht anerkennen wollte, gestürzt. Nach zehn Jahren hatten die Menschen genug, zogen auf die Straße und verhalfen der Opposition und dem heutigen Präsidenten Vojislav Kostunica zur Macht.

Im April wurde Milosevic verhaftet und wartet nun in Den Haag auf den Prozess vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal. Die Anklage: Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Und schon gehen die Ansichten von Una und Danijel auseinander.

Monatelang fast täglich auf der Straße

Zwar sind beide froh, dass Milosevic im Gefängnis sitzt. Aber Una möchte ihn durch die jugoslawische Justiz verurteilt wissen. Danijel hält Den Haag für die bessere Lösung: "Als Milosevic noch hier war, hat er gestört. Aus seinem Haus heraus hat er immer noch versucht, die Fäden zu ziehen. Und vor dem Gefängnis haben fast täglich seine Anhänger demonstriert. Belgrad kam nicht zur Ruhe."

Gemeinsam haben die beiden vor fünf Jahren an den Studentendemos teilgenommen und gegen Wahlmanipulationen durch Milosevic protestiert. Drei Monate waren sie fast täglich auf die Straße. Wollten an der Seite von Djindjic und anderen, die heute in der Regierung sind, Milosevic die Stirn bieten. Sogar die Neujahrsnacht verbrachten alle gemeinsam auf der Straße.

Von Polizisten durch die Stadt gejagt

"Wir waren eine Gemeinschaft. Wir haben uns stark gefühlt und auch nicht von den Polizisten, die uns durch die ganze Innenstadt jagten und wirklich brutal waren, abschrecken lassen", erzählt Una. Sie klingt enthusiastisch, wenn sie über diese Zeit spricht. Wendet sie sich der Gegenwart zu, nimmt ihre Euphorie ab.

Una ist eine von 26.000 Studenten an der Belgrader Wirtschaftsfakultät und steht kurz vor dem Diplom. "Wenn ich die Prüfungen hinter mir habe, will ich hier raus", sagt sie, "mit meinem Freund Neso will ich nach England, versuchen, ein besseres Leben zu finden."

Schlimmer, meint die 25-Jährige, kann es ja nicht werden. Obwohl sie auch Angst hat, in den Westen zu gehen. Und wie letztes Jahr in Rom Leute zu treffen, die sie als böse Serbin sehen. Die sie fragen, warum Serbien Bosnien und Herzegowina in Schutt und Asche gelegt hat und warum die Serben die Kosovo-Albaner umbringen. "Die Verbrechen hat es gegeben, aber warum wird das ganze Volk verurteilt?", fragt sie sich.

"Ich wollte nicht kämpfen -warum auch, wofür auch"

Danijel versteht diese Fragen. Er fühlt sich schuldig, obwohl er sich gewehrt hat, als er im Kosovo kämpfen sollte. Er ist selbst Opfer des Krieges in Bosnien und Herzegowina: "Als jugoslawischer Soldat bin ich 1992 nach Kroatien geschickt worden. Ich wollte nicht kämpfen. Warum auch, wofür auch. Ich bin kein Fanatiker, keiner, der ein Großserbien wollte oder will."

Danijel sieht sich nicht als Serbe, sondern als Jugoslawe. "Nach zwei Monaten in Kroatien war ich kaputt, wirklich krank im Kopf. Ich bin dann zurück nach Belgrad geschickt worden." Richtig geweckt, sagt er, haben ihn erst die Bomben der Nato 1999. Danach trat er der oppositionellen Partei von Zoran Djindjic bei.

Danijel hat sechs Semester Geschichte an der Universität von Belgrad studiert. Jetzt hält ein kleiner Schreibwarenladen ihn "ganz gut über Wasser". Wirtschaftlich ging es ihm nie richtig schlecht, "aber ich habe mich ständig unwohl gefühlt".

Er hat selbst etwas zum Wechsel beigetragen und im September 2000 demonstriert. "Alle, die dabei waren, hatten eine ‚jetzt oder nie'- Mentalität. Wir wussten, wenn wir es diesmal nicht schaffen, dann können wir unsere Visionen vergessen. Ohne Kopf sind wir gegangen." Sie machten sich keine Gedanken, dass es viel gefährlicher war als 1996/97. Alle seien bewaffnet gewesen. "Hätte die Armee uns angegriffen, wäre es zum Straßenkrieg gekommen."

100 Studenten müssen sich ein Buch teilen

Una war 2000 nicht unter den Demonstranten. "Meine Mutter hatte Angst vor der Gewalt." Sie hat gefeiert, als alles vorbei war, die Menschen Kostunica zujubelten und Milosevic nach über "zehn Jahren Tyrannei endlich gehen musste". Jetzt ist sie enttäuscht über die Rangeleien in der neuen Regierung - die Korruptionsaffären und die Gerüchte zur Verbindung zwischen organisiertem Verbrechen und der Regierungskoalition.

Unter den insgesamt 65.000 Studenten in Belgrad sind nur wenige aus anderen Ländern. "Unser Ruf ist einfach zu schlecht", sagt Una. Das Lehr-Umfeld ist es wirklich. Unas Freundin Snezana studiert seit zwei Jahren Germanistik in Belgrad: "In meinem ersten Semester mussten sich 40 Studenten ein "Faust"-Exemplar teilen. Und das waren noch gute Bedingungen."

Geht es nicht um Goethe, Schiller oder andere Klassiker handelt, sind es auch schon mal 100 Studenten mit einem Buch. Den Studenten steht zwar die Bibliothek des Belgrader Goethe-Instituts zur Verfügung. "Aber so viele Exemplare hat auch das Goethe-Institut nicht", sagt Snezana. Ob, wann, wie sich die Situation ändern wird, weiß niemand. "Aber wenn sich nicht bald etwas tut", vermutet Danijel, "gibt es neue Unruhen, und Jugoslawien erlebt den nächsten Kollaps."