Studieren: DIE ELFTE DISZIPLIN - DER SPIEGEL
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Studieren DIE ELFTE DISZIPLIN

Frank Busemann kämpft um Erfolg und Höchstleistung ­ im Sport wie im Studium.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nein, nein, nein, Frank Busemann ist keiner dieser Wirtschaftsstudenten, die in Schlips und Kragen durch die Universität stolzieren und mit Laptop in der Vorlesung sitzen; Frank Busemann bevorzugt Sweatshirt, Blue Jeans und Turnschuhe. Klar, er schreibt auch mit, was der Professor so an klugen Sätzen von sich gibt, aber erstens tut er das mit der Hand, und zweitens gesteht er: "Eigentlich höre ich lieber nur zu."

Das Bild, das er in der Öffentlichkeit von sich vermittelt, scheint echt. Busemann wirkt liebenswert schludrig und entwaffnend ehrlich. Ein Multitalent ist der 25-Jährige obendrein ­ er gehört nämlich zu den wenigen wirklichen Top-Athleten in Deutschland, die ernsthaft studieren. Für den Zehnkämpfer aus Recklinghausen ist die Ausbildung an der Hochschule so etwas wie die elfte Disziplin.

Seit Oktober 1998 ist Busemann an der Ruhr-Universität in Bochum immatrikuliert. Von sechs Pflichtscheinen hat er bereits fünf, Ende dieses Semesters will er die erste Zwischenprüfung ablegen. Und das, obwohl im September die Olympischen Spiele in Sydney anstehen, was für ihn zurzeit bedeutet: Training, Training, Training ­ annähernd 40 Stunden in der Woche. Deswegen hat der gelernte Bankkaufmann im Moment auch nur ein Seminar in Mikroökonomik belegt, montags von 10 bis 14 Uhr und dienstags.

Im Wintersemester will Busemann dann wieder "richtig Gas geben". Denn für eine Goldmedaille gibt es zwar 30 000 Mark, aber "an den Olympiasieg zu denken wäre totaler Schwachsinn", und außerdem "ist es auf Dauer wichtig, was anderes in der Birne zu haben als Sport".

Er weiß zwar jetzt noch nicht, ob er später seine Brötchen mit Sportmarketing verdienen will, als Anlageberater oder Banker. Aber dass er sich überhaupt frühzeitig um eine berufliche Perspektive bemüht, ist unter seinesgleichen keine Selbstverständlichkeit. "Ich kenne viele Athleten", sagt Busemann, "die verlassen sich zu sehr auf ihr Glück." Eine Verletzung könne die Karriere schnell beenden, und dann "stehen viele Sportler auf dem Schlauch".

Halbherzige Lösungen kommen für Busemann nicht in Frage. Ein Fernstudium? "Zu abstrakt." Auch den Weg zum Laufbahnberater des Olympiastützpunktes in München wollte er sich ersparen. Dort bitten jährlich rund 200 Sportler um Hilfe bei der Jobsuche. Doch die Aussichten sind nicht gerade rosig: Wer als einer der wenigen eine Banklehre vermittelt bekommt, kann sich glücklich schätzen.

Da nimmt Frank Busemann sein Leben lieber selbst in die Hand. Mit 21 begann er seine Berufsausbildung bei der Stadtsparkasse Dortmund, mit 23 sein Studium. "Das passt doch wunderbar", freut er sich, "schließlich bin ich erst mit 30 im besten Leichtathletik-Alter." Der Blondschopf ist Realist. Die Regelstudienzeit von neun Semestern ist für einen, der die 110 Meter Hürden in 13,47 Sekunden läuft und den Diskus über 45 Meter weit schleudert, natürlich illusorisch. Aber nach oben hat er sich ein klares Ziel gesetzt: "auf keinen Fall mehr als 20 Semester zu studieren".

Viel schneller wird es wohl kaum gehen. Bereits morgens um halb sieben klingelt bei Frank Busemann der Wecker. Nach dem Frühstück fährt er erst nach Wuppertal zur Krankengymnastik, anschließend zur Universität nach Bochum. Vorlesung, Seminar.

Nachmittags um halb fünf beginnt in Dortmund das Training mit "Vadda" Franz-Josef, und abends um acht Uhr geht es wieder zurück nach Recklinghausen. Im Jahr fährt Busemann rund 60 000 Kilometer mit dem Auto, da wird der Verkehrsfunk so wichtig wie das Stählen der Muskeln.

"Zu Hause bin ich erst mal platt", erzählt er. Dann will er seine Ruhe haben. Fachschaftspartys? Fehlanzeige. Höchst selten zieht Busemann mit Kommilitonen durch Kneipen und Cafés. Er wohnt auch nicht in einer WG mit verkrusteten Bratpfannen, sondern bei seinen Eltern in einem roten Klinkerbau. "Da habe ich alles, was ich brauche." Keine Sehnsucht nach einem Leben in Saus und Braus? "Nee, echt nicht."

Busemann ist trotz seiner Erfolge bodenständig geblieben. 1996 gewann er als Nobody die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen ­ im fünften Zehnkampf seines Lebens. "Bild" kürte ihn daraufhin zum "König vom Kohlenpott", die Fachpresse wählte ihn zum "Sportler des Jahres". 1997 rannte, sprang und warf sich Busemann abermals in die Herzen der Nation: Bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Athen holte er Bronze. Seitdem plagten ihn immer wieder Verletzungen, aber augenblicklich fühlt er sich fit und peilt eine neue persönliche Bestleistung an.

Auch beim Studium mangelt es dem Athleten nicht an Ehrgeiz. Anfangs belegte er 25 Semesterwochenstunden. Im Nachhinein war das "nicht so der Knüller", sagt er und meint damit: zu viel lernen, zu wenig laufen. Inzwischen glaubt er, die richtige Balance gefunden zu haben. Seine Freundin achtet darauf, dass bei ihm der Schlendrian nicht einkehrt. "Sie tritt mir schon mal in den Hintern", sagt der Athlet über seine Herzensdame, die ebenfalls in Bochum Wirtschaftswissenschaften studiert.

Bei den Professoren hat Busemann keinen Prominentenbonus, die Kommilitonen behandeln ihn wie jeden anderen auch. "Alles andere wäre schlimm", sagt der Sportler. Zwischen den Vorlesungen unterhält er sich gern über Börsennotierungen und den Dax.

Busemann sagt, er habe "wahnsinniges Glück", dass er mit seinem Hobby, dem Sport, Geld verdient. Den Kommilitonen, die nachts auf der Tankstelle jobben, um ihr Studium zu finanzieren, zollt er höchsten Respekt. "Müsste ich das tun, ich würde vor die Hunde gehen."

MAIK GROSSEKATHÖFER