Studieren GNADENLOS GESIEBT
Sie sind überall. Zu hunderten quetschen sie sich in den Hörsaal I zur Vorlesung über "Investition und Finanzierung". Menschentrauben klumpen um die Reihe der Kopierautomaten vor der Bibliothek. Als sie sich vor ein paar Wochen für die Examensklausuren mussten, reichte die Warteschlange im Treppenhaus des Fakultätshochhauses auch in diesem Semester wieder vom achten Stock bis hinunter in den zweiten.
Universität Köln, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät : Hinter Waschbeton und Glasbausteinen verbirgt sich die größte Sammelstelle für Nachwuchsmanager in Deutschland. Mehr als 9300 Studenten zählt die intern "Wiso" genannte Kölner Wirtschaftsabteilung. Rein statistisch kommen auf jeden Professor derzeit etwa 90 Studenten. Schlecht ausgestattete Bibliotheken, zu kleine Vorlesungssäle, zu wenig Seminarplätze dass Betriebswirtschaft die Lehre vom Umgang mit knappen Gütern ist, erfahren Wiso-Studenten nicht erst aus den Büchern.
Abschreckend indes wirkt das offenbar nicht. Vor jedem Wintersemester gehen bei der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) fast 5000 Bewerbungen für einen BWL-Platz in Köln ein, doch nur etwa jeder achte Bewerber hat das Glück, im Losverfahren einen Platz an der Wiso zu ergattern. Abgelehnte Kandidaten veröffentlichen flehende Tauschangebote auf der Internet-Seite "www.zvs-opfer.de" : "Biete Greifswald, suche Köln".
Ein Massentrend: Mit großem Abstand vor Jura, Medizin und Germanistik ist Betriebswirtschaftslehre das beliebteste Fach unter deutschen Abiturienten. Exakt 137 129 BWL-Studenten zählte das Statistische Bundesamt bei seiner jüngsten Erhebung 26 000 mehr als noch vor zehn Jahren. Jeder 13. der rund 1,8 Millionen Hochschüler paukt hier zu Lande Marketing, Rechnungswesen und Finanztheorie. Hinzu kommen bundesweit fast 80 000 Studenten, die sich für BWL-nahe Fächer wie Wirtschaftswissenschaften, Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftsinformatik oder Wirtschaftsingenieurwesen eingeschrieben haben.
Noch sehen sie nicht aus wie die karrierefixierten Koffermännchen aus den dynamischen Business-Magazinen. Anzug und Krawatte tragen Wiso-Studenten ebenso selten wie die Kommilitonen an der Philosophischen Fakultät gegenüber. Die Grundhaltung ist pragmatisch.
Politische Debattierzirkel sind an der Wiso verpönt. Praktikumsbörsen hingegen haben regen Zulauf. Bei den Wahlen zum Kölner Studentenparlament siegt regelmäßig die streng nutzwertorientierte "Unabhängigen"-Fraktion. "BWL-Studenten sind sehr diszipliniert", sagt Fikriye Selen, 24, die zunächst an der Uni Köln studierte und inzwischen auf eine private Business School wechselte.
Für viele Erstsemester zählt zunächst, dass sie mit einem BWL-Studium nichts wirklich falsch machen. Ein starres Berufsbild "Diplom-Kaufmann" gibt es nicht, sondern vielfältige Karrieremöglichkeiten, weil Ökonomen nicht nur als Unternehmensmanager, sondern auch als Verwaltungsleute oder Journalisten gefragt sind. Und wer an der Börse zocken will, kann in der Vorlesung immerhin lernen, warum die Aktienkurse fallen, sobald die Zinsen steigen.
Während Geisteswissenschaftler, Mediziner und Juristen derzeit auf dem Stellenmarkt Probleme haben, enden Wirtschaftswissenschaftler selten als Kellner oder Taxifahrer. In der Kölner Fachschaftszeitung werben Unternehmensberater wie Arthur Andersen und McKinsey um studentische Hilfskräfte. Große Markenartikelhersteller spicken die schwarzen Bretter des Wiso-Traktes mit Stellenausschreibungen.
Unter Personalchefs gilt das Generalistenfach Betriebswirtschaftslehre offenbar als Königsdisziplin. Mehr als 325 000 Stellenangebote wertete im vergangenen Jahr die Beratungsfirma EMC Medienservice aus und kam zu dem Ergebnis: Als Führungskräfte werden Betriebswirte deutlich häufiger gesucht als Ingenieure und Informatiker. Eine einzige Wochenendausgabe der "Frankfurter Allgemeinen" reicht derzeit aus, um einen frisch diplomierten Nachwuchsmanager stapelweise mit Job-Offerten zu versorgen.
Selbst die traditionell von Ingenieuren beherrschten Industrieunternehmen fahnden nach Ökonomen. 50 Betriebs- oder Volkswirte will in diesem Jahr der Automobilbauer BMW einstellen, 80 Wirtschaftswissenschaftler sucht der Computerhersteller Dell, mehrere hundert der Elektroriese Siemens. "Man muss sich schon richtig Mühe geben", sagt Jürgen Kluge, Deutschlandchef der Unternehmensberatung McKinsey, "wenn man Topleute kriegen will."
Das Buhlen der Unternehmen schlägt sich auch in den Gehaltsforderungen des Managernachwuchses nieder. Nach einer Untersuchung des Staufenbiel-Instituts verdienen Wirtschaftsabsolventen beim Berufseinstieg derzeit etwa 75 000 Mark im Jahr kaum weniger als Ingenieure oder Informatiker. Wer Spezialwissen als Controller oder ein Prädikatsexamen vorweisen kann, darf sogar einige Tausender im Jahr mehr fordern.
Glänzende Aussichten für Wirtschaftswissenschaftler vorausgesetzt, sie schaffen den Abschluss. Fast 13 Semester braucht der Durchschnitt bis zum Diplom, doch schon im Grundstudium wird gnadenlos ausgesiebt.
An der Wiso scheitern bis zu 60 Prozent der Prüflinge im ersten Versuch an mathematischen Fächern wie Statistik und Mikroökonomie. "Viele Neulinge haben offenbar überhaupt keine Vorstellung, was sie erwartet", sagt Stefanie Kasper, 25. Als Sprecherin der Kölner Fachschaft muss sie viele Jungsemester trösten, sobald am Pinnbrett im Wiso-Gebäude die Noten aushängen. "Die sind völlig verstört, wenn sie von Mathe keine Ahnung hatten und plötzlich auf dem Niveau eines Abitur-Leistungskurses rechnen mussten."
Auch der Massenbetrieb fordert Opfer. Bundesweit bricht derzeit etwa jeder dritte Student einer staatlichen Universität vor der letzten Prüfung ab. Kaum besser sieht es aus an der Wirtschaftsfakultät in Köln, wo dereinst schon Egidius Braun, heute Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, sein Studium hinschmiss. Per Aushang am schwarzen Brett sucht ein Examenskandidat Anschluss an einen Übungskreis, nachdem sich seine alte Lerngruppe "wie die zehn kleinen Negerlein aufgelöst" habe. Andere preisen wegen Studiumsaufgabe ihre Lehrbücher ("Koppelmann, unbenutzt") auf kleinen Handzetteln an.
Wer bleibt, jammert. In einer SPIEGEL-Untersuchung vom vergangenen Jahr klagten die Kölner Wirtschaftsstudenten über miese Ausstattung und überfüllte Lehrveranstaltungen. Die Kölner Dozenten bildeten im Vergleich mit Kollegen anderer Universitäten sogar die Schlusslichter. Glänzend schnitten bei der Umfrage hingegen die privaten Hochschulen ab. Die Studenten dort fühlen sich nicht nur besser betreut, sondern loben zudem den praxisnahen Unterricht.
An den Staatsuniversitäten wie Köln ist graue Theorie die Regel. Konkrete Fallstudien stehen frühestens im Hauptstudium auf dem Lehrplan. In den Semestern zuvor hingegen gilt es, Zinsformeln, mathematische Funktionen und handelsrechtliche Paragrafen zu studieren.
Am späteren Arbeitsplatz ist das wenig hilfreich. "Geradezu zugemüllt" seien viele Hochschulabsolventen, bemängelt Jörg Menno Harms, Aufsichtsratsvorsitzender von Hewlett-Packard Deutschland. Jürgen Schrempp, Boss von DaimlerChrysler, hat erkannt: "Für den beruflichen Erfolg ist der Studienabschluss keine Garantie." Und Erwin Staudt, Chef von IBM Deutschland, kritisiert die "mangelnde Team- und Kommunikationsfähigkeit vieler hoch talentierter Bewerber".
Viele Arbeitgeber haben sich darauf eingestellt, dass sie dem Managernachwuchs die meisten betriebsnotwendigen Kenntnisse selbst beibringen müssen. Sie stecken Berufsanfänger notgedrungen zunächst in Traineeprogramme und interne Weiterbildungskurse. Doch nicht alle Chefs wollen sich mit der Rolle des Reparaturbetriebs abfinden. "Werden Sie endlich flexibler", beschimpfte Hewlett-Packard-Mann Harms die Professoren Anfang Mai bei einer Hochschulkonferenz in Wiesbaden. "Sonst holen wir uns den Nachwuchs aus dem Ausland."
Die Kritik von Praktikern und Studenten auch an der Wiso in Köln hat sie die Professoren aufgeschreckt. Fast alle Lehrstühle bieten inzwischen Begleittexte zu ihren Veranstaltungen im Internet an. Zudem mussten sich die Dozenten im vergangenen Wintersemester erstmals auch im Auftrag der Uni von ihren Studenten bewerten lassen. Das führte offenbar schlagartig zu Verbesserungen. "Statt eine Folie nach der anderen auf den Projektor zu legen", erinnert sich Fachschafterin Kasper, "haben sich die Profs plötzlich bemüht, diese zu erläutern."
Jetzt stapeln sich die Ergebnisse der Umfrage im Büro von Dekan Werner Delfmann. "Mit einigen Kollegen werden wir in den nächsten Wochen reden müssen", sagt der Professor. Der Behördenapparat einer Universität, gibt er zu, hinke der Zeit bisweilen nach. Auf Delfmanns Visitenkarte ist nicht einmal eine E-Mail-Adresse vermerkt.
Veränderungen brauchen lange an der Fakultät. Vor exakt 99 Jahren wurde sie als erste Handelshochschule Deutschlands gegründet. Erst kürzlich stellte sich die Universität darauf ein, dass Handel immer öfter über das Internet läuft. So entstand Anfang Oktober ein Zentrum für E-Commerce , das seine Forschungsergebnisse auch an Wirtschaftsunternehmen verkaufen möchte.
An anderen Instituten klaffen zwischen Anspruch und Wirklichkeit weiterhin große Lücken. So schwärmen die marktliberalen BWL-Dozenten zwar gern vom Vorbildcharakter des Wirtschaftswunderlands USA, bieten aber keine einzige Vorlesung auf englisch an.
Missmutig beklagen effizienzbesessene Professoren die überdurchschnittlich langen Studienzeiten doch einen abgekürzten Studiengang mit Abschluss als Master of Business Administration (MBA) hat die Wiso bis heute nicht im Programm. Dekan Delfmann preist in seiner Vorlesung über "Internationales Management" zwar die Bedeutung von Netzwerken, hat aber bis heute keine Ehemaligen-Vereinigung auf den Weg gebracht, in der seine Studenten auf Kölner Absolventen wie Aventis-Chef Jürgen Dormann oder EU-Kommissarin Michaele Schreyer treffen könnten.
Die Studenten müssen sich durchwursteln. Weil klausurwichtige Veranstaltungen häufig gleichzeitig stattfinden, heuert die Fachschaft Protokollanten an, deren Mitschriften sie anschließend zum Kopierpreis verkauft. Zudem versucht das selbstverwaltete Beratungsbüro, den Andrang mit gastfreundlichen Öffnungszeiten von morgens um zehn bis nachmittags um vier Uhr zu bewältigen. Das offizielle Prüfungsamt hingegen ist an manchen Tagen nur für eine Stunde zu erreichen und an den anderen Tagen gar nicht.
Auch der Gründergeist einer New Economy umweht den offiziellen Lehrbetrieb kaum. Zwar gibt es an der Wiso-Fakultät Lehrstühle für Genossenschaftswesen, Verkehrswissenschaft und Rundfunkökonomie aber seit etwa einem Jahr keinen Professor mehr, der sich um Existenzgründer kümmert.
Ganz informell treffen sich deshalb bis zu 50 Studenten nun im Hinterzimmer eines Cafés am Südbahnhof, um bei Cola und Kölsch das eigene Unternehmen zu planen. Wo gibt es Risikokapital? Wie sieht ein Businessplan aus? Welche Rechtsform ist am besten geeignet, um Steuern zu sparen? Die Rolle der Dozenten übernehmen Existenzgründer wie Alexander Wiegel, 31, der sich vor fünf Jahren mit einer Medienagentur für Schüler- und Jugendzeitungen selbständig machte. "Das Studium", warnt er in die Runde, "hat mich dabei eher aufgehalten."
Immerhin: Die Universität härtet ab. Wer es trotz widriger Umstände im anonymen Massenbetrieb bis zum Examen brachte, hat schon damit Durchsetzungskraft bewiesen.
Auch bei künftigen Arbeitgebern gilt ein Abschluss unter den feindlichen Kölner Bedingungen vielfach als Prädikat. "Wer es hier schafft", tröstet die Personalwirtschaftsprofessorin Uschi Backes-Gellner ihre Studenten denn auch in der Vorlesung, "der schafft es überall."
ALEXANDER NEUBACHER