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Politische Stiftungen fördern Karrieren weniger mit Geld als mit Kontakten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Empfehlung wirkte: Die Friedrich-Ebert-Stiftung  (FES) gab ihrer Stipendiatin Bianca Kühl den Tipp mit der richtigen Telefonnummer in Genf ­ und die Studentin aus Niedersachsen hatte einen Platz als Praktikantin bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Eine feine Sache, "denn normalerweise nimmt die ILO keine Praktikanten", sagt Bianca Kühl.

Die Hilfe der SPD-nahen Stiftung hatte noch eine weitere einschneidende Folge für die Stipendiatin: Der Job in Genf gefiel ihr so gut, dass sie im 10. Semester ihr Lehramtsstudium für Gemeinschaftskunde und Französisch aufgab und auf ein Politikstudium umstieg. Nach dem Magister-Examen will Kühl in die internationale Gewerkschaftsarbeit gehen.

Wer bei einer der sechs parteinahen Stiftungen unterkommt, kann auf ein nützliches Netzwerk zurückgreifen. Nur eine Minderheit der Studenten bewirbt sich allein wegen des Geldes. "Das Finanzmotiv ist in der Praxis nicht so entscheidend", beobachtet der Rechtsprofessor Thomas von Danwitz, seit 1998 Vertrauensdozent der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung  (KAS) an der Ruhr-Uni Bochum.

Üppige Stipendien sind bei den Stiftungen ohnehin nicht zu holen: Der Höchstförderbetrag ist an den Bafög-Spitzensatz angelehnt, beträgt derzeit knapp 1000 Mark, und auch die gibt es nur bei tatsächlicher Bedürftigkeit. Wer keinen Anspruch auf Bafög hat, erhält als Stipendiat in der Grundförderung auch von den Parteienstiftungen kein Geld ­ abgesehen von 150 Mark Bücherhilfe im Monat, eventuellen Reisekostenzuschüssen und einer Pauschale für Verheiratete und allein Erziehende. Graduierte bekommen rund 1600 Mark plus Zuschläge.

Was für die meisten Stipendiaten wirklich zählt, sind Kontakte zu Kommilitonen, Professoren und der weiten Welt außerhalb des Elfenbeinturms. Wer mit seiner Bewerbung angekommen ist, dem eröffnet sich der Zugang zu einer Art akademischem Paralleluniversum.

In dieser Welt der Strebsamen lichtet sich die Anonymität der Massenuni: In der unüberschaubaren Schar der Mitstudenten findet ein Stipendiat zwangsläufig Gleichgesinnte. Misanthrope Zyniker unter den Professoren mutieren plötzlich zu väterlichen Ratgebern, die als Vertrauensdozenten dieser oder jener Stiftung für ihre "Stipis" bei lockeren Teerunden zu Hause Privatseminare abhalten. Ein bestens etabliertes Netzwerk von Stiftungsbüros und Altstipendiaten kann im Studium und beim Berufseinstieg helfen.

Den Stipendiaten wird all das geboten, was Durchschnitts-Studenten an deutschen Hochschulen fehlt. Die Stiftungen haben eine Art Uni in der Uni geschaffen, die nach den Prinzipien angelsächsischer Eliteuniversitäten funktioniert: intensive individuelle Betreuung, ein attraktives Veranstaltungsprogramm und ein internationales Netz von Beziehungen.

Lockere Teerunden beim Professor zu Hause

Bianca Kühl etwa wollte für ihre Staatsexamens-Arbeit nach Sri Lanka, die Ebert-Stiftung zahlte den Flug und eine Auslandszulage. Vor allem aber konnte die Studentin vor Ort die Verbindungen der FES nutzen. Das Stiftungsbüro in Colombo brachte sie mit den richtigen Leuten zusammen. "Ohne die hätte ich das nie geschafft", glaubt Kühl, "ich wäre gar nicht an die Kontakte herangekommen."

Im Interesse der Demokratie, aber natürlich auch ein wenig im eigenen, betreiben die Parteien über ihre Stiftungen seit jeher Eliten-Förderung pur, ohne darüber viele Worte zu verlieren. Gefördert wird, wer als begabt gilt. "Das Hauptkriterium ist Leistung. Wer Stipendiat werden will, muss besser als der Durchschnitt sein", sagt Helmut Berding, Vorsitzender des Auswahlausschusses der FES und Geschichtsprofessor in Gießen.

Alle Stiftungen verlangen darüber hinaus den Nachweis gesellschaftlichen Engagements ­ welches nicht allzu sehr den politischen Werten der jeweiligen Stiftung zuwiderlaufen sollte: Stipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung und der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung  sollten das christliche Menschenbild achten, die der Friedrich-Naumann-Stiftung  eine liberale Wirtschaftsordnung mitbauen wollen, die Ebert-Stipendiaten Solidarität üben, und um von der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung gefördert zu werden, hilft es, ökologisches Bewusstsein zu zeigen. "Die Stipendiaten sollen in jedem Fall bereit sein, sich für die Ziele der Stiftung einzusetzen", sagt Burkhard Haneke, Sprecher der Hanns-Seidel-Stiftung.

Das richtige Parteibuch allerdings bringt einen Bewerber nicht weiter, wenn es am gewissen Etwas zwischen den Ohren fehlt. Statistiken darüber, welcher Prozentsatz ihrer aktiven Stipendiaten der Mutterpartei angehört, führen die Stiftungen angeblich nicht. KAS-Vertrauensdozent (und CDU-Mitglied) Danwitz schätzt, dass unter den 15 Stipendiaten seiner Gruppe "vielleicht fünf bis sechs" in der Jungen Union oder dem Ring Christlich-Demokratischer Studenten aktiv sind.

Es sei "nichts dagegen zu sagen, wenn ein Bewerber Mitglied der SPD oder der Jusos ist", schmunzelt FES-Auswahlchef (und SPD-Mitglied) Berding. Die Stiftung sei aber "weit davon entfernt, eine Kaderschmiede zu sein".

In der Tat haben die Parteienstiftungen wenig Interesse, sich schon von vornherein auf ein enges Klientel zu beschränken ­ sie werfen ihre Netze auf der Suche nach Talenten lieber weit aus.

Das richtige Parteibuch allein bringt den Bewerber nicht weiter

"Alle Stipendiaten haben mehr oder weniger ihre Karriere im Kopf, sie wissen, was sie wollen", sagt Kühl, die als gewählte Sprecherin der Bundesvertretungskonferenz der FES-"Stipis" die Mechanismen kennt. Aber in Richtung auf eine Partei würde der Nachwuchs erst während der Zeit bei der Stiftung politisiert. Laut KAS gehört fast jeder zweite ihrer Altstipendiaten "einer" politischen Partei an ­ könnte es sich dabei vorwiegend um eine Partei namens CDU handeln?

Auch wenn das Gros der Stipendiaten keine Parteikarriere macht, schafft die Begabtenförderung der Stiftungen den Parteien ein dichtes Umfeld von einflussreichen Sympathisanten in Schlüsselpositionen. In den sieben Bänden des "Who's who" der FES-Altstipendiaten finden sich hunderte von Führungskräften in Politik, Verwaltung, Justiz, Wissenschaft, Medien, Kultur und Wirtschaft. Die KAS behält lieber für sich, wo ihre Altstipendiaten überall sitzen.

Natürlich sind die Parteienstiftungen auch Sozialisationsmaschinen für künftige Politiker. In den Führungsgremien der CDU treffen sich Ex-Stipendiaten der KAS wie Generalsekretär Ruprecht Polenz oder die stellvertretenden Parteivorsitzenden Christian Wulff, Landeschef in Niedersachsen, und Annette Schavan, Kultusministerin von Baden-Württemberg. FDP-General Guido Westerwelle war ebenso Naumann-Stipendiat wie der schleswig-holsteinische Landeschef der Liberalen, Wolfgang Kubicki. Und auch die SPD greift auf Nachwuchs aus der Ebert-Stiftung zurück: Verkehrsminister Reinhard Klimmt und Kultur-Staatsminister Michael Naumann waren FES-Stipendiaten ­ wie auch eine Kriegshalbwaise aus einer Hilfsarbeiterfamilie, die das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht hatte: Gerhard Schröder.

HANS MICHAEL KLOTH

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