Studieren "OB ES GOTT NUN GIBT ODER NICHT..."
Begonnen hat alles mit Lion Feuchtwanger. Dessen Bücher standen im Schrank der Mutter, und Michael hat sie allesamt verschlungen: "Der jüdische Krieg", "Jefta und seine Tochter", "Die Jüdin von Toledo". Die Romane des deutsch-jüdischen Autors, der vor den Nazis zunächst ins französische und später ins amerikanische Exil fliehen musste, ließen den Potsdamer Jungen nicht mehr los. Heute studiert Michael Seifert, 21, an der Universität seiner Heimatstadt Jüdische Studien, ein interdisziplinäres Fach, dessen Konzeption aus den USA stammt und das an den deutschen Universitäten eine Rarität ist.
Während der Judaistik-Lehrstuhl an der Freien Universität Berlin sich vor allem religiösen Fragen widmet, bietet die Hochschule in der brandenburgischen Landeshauptstadt neben Talmud- und Thora-Studien auch Seminare über Mythos und Wirklichkeit der deutsch-jüdischen Aufklärung, über die Tagebücher Viktor Klemperers oder zur Geschichte des Antisemitismus.
"Wir bilden hier nicht Leute aus, die dann halbe Rabbiner sind", sagt Julius Schoeps. Der Professor für Neuere Geschichte, Schwerpunkt deutschjüdische Historie, ist zugleich Leiter des Moses-Mendelssohn-Zentrums (MMZ) für europäisch-jüdische Studien, dessen neun wissenschaftliche Mitarbeiter auch einen großen Teil der Lehrveranstaltungen an der Universität bestreiten.
Die erste Hausarbeit, die Michael Seifert schreiben musste, hatte ein religiöses Thema: "Die 39 verbotenen Arbeiten am Schabbat" lautete die Aufgabe in einem Seminar, das "Einführung in die Mischna" hieß.
Die "Mischna" ist eine Sammlung religiöser Lehrsätze und in Hebräisch verfasst. "Damit tut man sich am Anfang ziemlich schwer, weil man keinen Bezug zu der Sprache hat", erinnert sich Seifert. Die hebräischen Worte gestatten kaum Eselsbrücken zu Vokabeln, die er aus der Schule kennt, die Schrift besteht nur aus Konsonanten und wird von rechts nach links geschrieben.
Dreimal wöchentlich hatte Seifert von Studienbeginn an Hebräisch-Unterricht, jeweils zwei Stunden lang. Spätestens nach dem vierten Semester, so schreibt es die Prüfungsordnung vor, müssen die Sprachkenntnisse im Hebraicum nachgewiesen werden.
Die Plackerei, findet Seifert, lohnt sich. "Das ist ein tolles Gefühl", sagt er, einen hebräischen Text aus der Bibel vor sich zu haben und ihn verstehen zu können. "Da spürt man wirklich eine Ergriffenheit. Ob es Gott nun gibt oder nicht, das ist einfach eine der größten und ältesten Quellensammlungen der Welt."
Gelegentlich verschafft das Lesen der hebräischen Originaltexte auch unerwartete Einsichten in Legendenbildung. Die Redewendung "Auge um Auge, Zahn um Zahn" war für Helen Thein, 30, so ein Beispiel, "das mich umgehauen hat". Was als Inbegriff alttestamentlicher Rachsucht zum geflügelten Wort geworden ist, fand sie in einem hebräischen Gesetzestext ganz anders gemeint wieder: "Da geht es nicht um Vergeltung, sondern darum, Verletzungen wieder gutzumachen." Es folgten detaillierte Anweisungen, was bei der Bemessung des Schadensersatzes alles zu berücksichtigen sei: ob das Auge absichtlich oder versehentlich ausgestochen wurde, ob der Täter viel zahlen kann, weil er ein Gutsherr ist, oder ob er als Tagelöhner nur wenig zur Verfügung hat. Das "brutale Bild" aber, dass "ich einem das Auge ausreiße, weil er mir eins ausgerissen hat", erscheine nirgendwo, hat Helen Thein aus diesem Text gelernt.
Rund 200 Studenten haben sich an der Potsdamer Universität für Jüdische Studien eingeschrieben. Der Studiengang wird auch als Hauptfach mit Magisterabschluss angeboten. Neben Hebräisch gehört Jiddisch zum Pflichtkanon. Jüdischen Glaubens ist nur eine Minderheit der Studenten. Die meisten haben einen mehr oder überwiegend weniger ausgeprägt christlichen Hintergrund.
Entsprechend bunt sind die Motive, die für die Wahl des Studiengangs den Ausschlag gegeben haben. Markus Reinefeld, 27, interessiert sich für Judentum und Israel, seit er nach dem Abitur ein Jahr lang für das Berliner Missionswerk als Hausmeister in einer Kirche in Jerusalem gearbeitet hat. Anja Kurths, 22, besuchte als Neunjährige mit ihren Eltern auf einer Prag-Reise eine Ausstellung mit Zeichnungen von Kindern aus dem Konzentrationslager Theresienstadt und beschäftigte sich fortan viel mit Antisemitismus und Nationalsozialismus.
An der Universität wird die Frage, warum jemand Jüdische Studien belegt, nicht gestellt. "Glaubensfragen sollten in einem wissenschaftlichen Studiengang keinen Platz haben", sagt Professor Schoeps. "Wenn jemand sich interessiert, ist das in Ordnung." Und was können die Studenten später mit dem Studium anfangen? "Das Berufsspektrum", sagt Schoeps, "ist wie bei allen geisteswissenschaftlichen Fächern, nur hier hat jemand etwas studiert, was über das normale Studium von Geschichte, Germanistik und Literatur hinausgeht."
Im privaten Bekanntenkreis allerdings werden die Potsdamer Studenten schon mal gefragt, ob sie nun Rabbiner werden wollen. "Die denken", sagt Michael Seifert, "ich müsste mir jetzt Schläfenlocken wachsen lassen." Tatsächlich möchte Seifert nach dem Magister noch eine Promotion anhängen und "dann weitersehen".
Der Zwang, sich mit den eigenen Wünschen und Beweggründen intensiver als andere auseinander setzen zu müssen, kann beflügeln. "Diesen Studiengang", sagt Helen Thein, "macht keiner eben mal so." Deshalb, so Anja Kurths, bereite er auch "riesigen Spaß".
Einfallsreichtum und Engagement der Studenten bekamen jüngst auch die Politiker in Brandenburg zu spüren. In Potsdam machten Meldungen die Runde, dem Moses-Mendelssohn-Zentrum solle der Etat gekürzt werden. Die Existenz des Forschungsinstituts schien auf dem Spiel zu stehen.
Weil sie Flugblätter allein nicht eindrucksvoll genug fanden, ließen die Studenten Moses Mendelssohn wieder auferstehen mit Kleidung und Perücke aus der Requisite der Babelsberger Filmstudios. Zwei Stunden brauchte eine Maskenbildnerin, bis das Abbild des jüdischen Philosophen und Freundes von Gotthold Ephraim Lessing den brandenburgischen Wissenschaftsminister Wolfgang Hackel (CDU) mit zarter Studentinnenstimme zum "Gebrauch der Vernunft" mahnen konnte, offenbar mit Erfolg. Der Etat des MMZ blieb jedenfalls bei den Haushaltsberatungen unangetastet.
Ohne das renommierte Forschungszentrum und dessen Bibliothek, ist sich Anja Kurths sicher, wären die Jüdischen Studien "hinfällig" gewesen. "Das ist die Säule."
Das MMZ und der Lehrstuhl für Jüdische Studien pflegen regen Austausch mit Universitäten in den USA, in Israel oder in Frankreich. Michael Seifert hat sich für ein Stipendiat an der Hebräischen Universität in Jerusalem beworben. Stephanie Kowitz, 22, war gerade an der Katholischen Universität Lublin, um dort Polnisch zu lernen. Sie hat sich Antisemitismus in Polen als Studienschwerpunkt ausgewählt.
Innerhalb der Potsdamer Universität klappt die Kooperation dagegen nicht immer so gut. Offiziell sind zwar elf Disziplinen am Studiengang beteiligt, aber die Anglisten müssen kein Seminar über die jüdische Thematik beispielsweise im Werk des jüdisch-amerikanischen Autors Philip Roth anbieten, und die Germanisten sind nicht verpflichtet, in einem Seminar über "Nathan der Weise" auch die jüdischen Bezüge in Lessings Drama zu berücksichtigen. "Wenn man sich da einbringen will", hat Michael Seifert enttäuscht festgestellt, "dann heißt es, alles gut und schön, aber wir machen hier jetzt keine jüdischen Studien."
Lessing behandeln, ohne die Bibel zu kennen? Über Franz Kafka reden, ohne dessen jüdischen Hintergrund zu verstehen? Lange, glaubt Helen Thein, werden auch die herkömmlichen Fächer diese Ignoranz nicht mehr beibehalten können. "Was wir hier lernen", sagt sie, "ist auch eine ganz simple soziale Eigenschaft Respekt für das andere." Moses Mendelssohn, dem großen jüdischen Aufklärer, hätte dieser Satz bestimmt gut gefallen.
KAREN ANDRESEN