Studieren Wo die Sau quietscht
Um diese Kuh steht es nicht zum Besten, so viel ist auch dem Laien schnell klar. Offenbar kriegt sie nicht genug Luft, jeder Atemzug macht ein dumpf rasselndes Geräusch. Knapp 40 Studierende der Veterinärmedizin sitzen im Halbrund des weiß gekachelten Hörsaals und lauschen den Atemgeräuschen, die über das Stethoskop von Dozent Martin Kaske auf ihre schnurlosen Kopfhörer gesendet werden.
Gestern Abend wurde die Patientin in die Klinik für Rinderkrankheiten der Tierärztlichen Hochschule (Tiho) Hannover eingeliefert - nicht gerade mit Blaulicht und Martinshorn, sondern ohne viel Aufsehen im Viehanhänger. Da litt sie schon unter Atemnot und blutete aus der Nase. Heute ist sie Studienobjekt bei der Fallbesprechung für das siebte Semester. Die angehenden Tierärzte sollen selbst eine Diagnose stellen und Vorschläge für die Therapie machen.
Während die Studentinnen Katharina Piltz, 23, und Lara Fichtel, 24 - mit Gummistiefeln, Kittel und grüner Plastikschürze vor eventuellen Ausscheidungen geschützt - aus der Ohrarterie Rinderblut zapfen, zeichnet Hochschullehrer Kaske Kurven und Tabellen an die Tafel und prüft die physiologischen Grundkenntnisse seiner Zuhörer. Wie hoch sollte normalerweise der Sauerstoffgehalt im Blut sein? Was bedeuten Vitalkapazität, Residualvolumen und exspiratorisches Maximum? Welche Ursachen gibt es für Nasenbluten beim Rind?
Über die einstweilige Diagnose herrscht im Hörsaal schnell Einigkeit. Die Kuh hat ein Lungenemphysem, das heißt, große Teile des Lungengewebes sind durch Überdehnung zerstört. "Da kann man nicht viel tun", urteilt Kaske, "von dem Tier wird sich der Landwirt wahrscheinlich trennen müssen."
Derzeit allerdings trennen sich deutsche Bauern aus ganz anderen Gründen von ihrem Rindvieh: Seit die BSE-Seuche auch in deutschen Landen wütet, gelten Massentötungen als die Lösung - teils aus Gründen der Hygiene, teils schlicht zur so genannten Marktbereinigung.
Auch an der Tiho ist BSE jetzt Thema Nummer eins. Just in der Woche, in der in Berlin die Minister Karl-Heinz Funke und Andrea Fischer seuchenbedingt ihre Ämter verlassen mussten, referierte BSE-Experte Marc Vandevelde von der Uni Bern über den aktuellen Forschungsstand zu BSE und der gefürchteten neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, die den Menschen befällt. Das Interesse der künftigen Tierdoktoren war riesig. "Wir mussten erst vom Hörsaal in die Aula umziehen", erzählt Prorektor Gerhard Breves, "und dann den Vortrag noch als Videoübertragung in einem Hörsaal zeigen, so viele Zuhörer sind gekommen."
Die Überraschung über die deutschen BSE-Fälle hält sich unter den hannoverschen Veterinärmedizinern in Grenzen. "Die Behauptung, Deutschland sei BSE-frei, war schon immer ziemlich gewagt", glaubt Tierarzt Breves, "dass auch hier Fälle auftreten würden, wenn man flächendeckende Tests macht, hat unter Tiermedizinern eigentlich niemand bezweifelt."
Was derzeit in der Debatte um die Rinderseuche BSE von Politikern als Ursprung allen Übels enttarnt wird, haben Tierärzte längst als Problem erkannt - die großindustrielle Landwirtschaft, bei der das Vieh zur Leistungsmaximierung mit Kraftfutter dubiosen Inhalts ernährt wird und mit Medikamenten in Top-Form gebracht werden soll.
Durch die Industrialisierung der Landwirtschaft ist der Großtierpraktiker, einst typischer Vertreter der Zunft, heute weniger gefragt. "Insgesamt ist die Zahl der Nutztiere zwar gestiegen", erläutert Breves, "aber die der Betriebe ist eher zurückgegangen." In Großbetrieben mit gewinnorientierter Massentierhaltung gehe es deswegen "kaum mehr um die Behandlung einzelner Tiere, sondern nur noch um den Bestand".
Die Realität der Tierarztausbildung, das lernen die Tiho-Studenten nicht erst beim Thema BSE, hat mit der romantischen Vorstellung früherer Meerschweinchen-Eigentümer, "was mit Tieren" zu machen und kleine Hunde zu entwurmen, nichts zu tun. Denn die Veterinärmedizin ist ein knallhartes, verschultes Studium mit vollem Stundenplan. Auf dem Weg zur Approbation müssen sich die künftigen Viehdoktoren durch einen dichten Prüfungsdschungel pauken. Das fängt nach dem zweiten Semester mit dem "Vorphysikum" an, unter anderem in Chemie und Physik. Nach dem vierten Semester folgen Physikum und jeweils im Abstand von zwei Semestern Teil eins, zwei und drei des tierärztlichen Staatsexamens.
Außerdem sollte nicht allzu zart besaitet sein, wer sich für den Tierarztberuf entscheidet. Morgens um sieben bei der Visite in der Rinderklinik im Stall zu stehen, die Stiefel im Rindermist und den Arm bis zur Schulter in der Kuh, um Lage und Zustand von Verdauungsapparat und Reproduktionsorganen zu prüfen, ist nicht jedermanns Sache.
Dennoch ist das Fach beliebt. Knapp 4000 Abiturienten bewarben sich zum laufenden Wintersemester bei der ZVS um einen der bundesweit 998 Studienplätze für Tiermedizin. Viele nehmen lange Wartezeiten in Kauf. Neben der Tiho bieten die FU Berlin und die Universitäten München, Gießen und Leipzig das Studium an. Dort ist die Tiermedizin allerdings jeweils ein Fachbereich innerhalb der Hochschule. Einzig Hannover verfügt über eine eigene Einrichtung nur für die Tierarztausbildung.
"Wir versuchen, den Leuten frühzeitig klar zu machen, auf was sie sich bei diesem Studium einlassen", sagt Prorektor Breves, "viele kommen mit falschen Vorstellungen."
Im Klinik-Alltag sind die Studenten hautnah dran an den Problemen der Patienten. Verlagerte Labmägen, zum Beispiel. "Das ist sozusagen eine Berufskrankheit der Kuh", erklärt Peter Heimberg, 32, Assistenztierarzt und angehender Fachtierarzt für Rinder. Damit sie besonders viel Milch geben, werden Kühe mit speziellem Kraftfutter ernährt, das oftmals die Verdauung aus dem Lot bringt. Einer der vier Magenabschnitte, der so genannte Labmagen, verschiebt sich dann zu einer Seite, und das Verdauungssystem des Wiederkäuers kann zusammenbrechen. Wird das nicht operativ behoben, stirbt die Kuh.
Peter Heimberg operiert heute zwei Labmägen - und das nach zwei unterschiedlichen Operationsmethoden. Das Prinzip ist dasselbe: Das abtrünnige Hohlorgan muss im Leib der Kuh gefunden, an die richtige Stelle gebracht und, damit es dort auch bleibt, mit der Bauchwand vernäht werden.
"Minimalinvasiv" funktioniert das, ohne dass Heimberg die Bauchhöhle aufschneiden muss. Das ist ein kleinerer Eingriff für die Kuh, sieht aber dramatisch aus: Die Kuh wird, mit Stricken an ihren Vorder- und Hinterbeinen, auf den Rücken geworfen und von kräftigen Tierpflegern - zwei vorn, zwei hinten - festgehalten. Der Arzt sitzt auf ihrer Brust und sticht mit spitzem Operationsgerät ohne Narkose in den Rinderbauch - auf der Suche nach dem verschobenen Magen. Praktischerweise kann man den am Geruch erkennen. Nach drei Versuchen riecht es endlich nach Labmagen - nicht wirklich unangenehm, nur ein bisschen nach vergammeltem Nudelsalat - und mit einer Art Hohlraumdübel fängt Heimberg den Labmagen wieder ein und näht ihn fest.
Methode zwei gibt es ein paar Stunden später zu sehen. Jungtierarzt Heimberg trägt jetzt statt Kittel eine weiße Plastikschürze. Die Kuh bekommt eine lokale Betäubung, Heimberg nähert sich dem Labmagen durch die eröffnete Bauchhöhle, bringt ihn in die richtige Position, näht ihn an und die Kuh wieder zu.
Gerade die Besten müssen leiden. Auch die leistungsstärkste Kuh von Sachsen-Anhalt zum Beispiel hat ein Problem mit dem Labmagen. Mehr als 17 000 Liter Milch liefert das schwarzweiße Tier im Jahr - der Schnitt liegt bei 7000 Litern. Für ein solches Hochleistungsrind nimmt der Besitzer auch die lange Anfahrt nach Hannover auf sich.
"Ich wollte mich eigentlich schon immer auf Rinder spezialisieren", erzählt Heimberg, "die haben einfach das interessantere Verdauungssystem." Außerdem, glaubt der Tierarzt, sind sie ideal für die Lehre: "So ein Rind regt sich nicht auf, wenn fünf Studenten drum herum stehen - mit einem Yorkshire-Terrier können Sie nicht so viel machen, ohne dass der gleich einen Kläffanfall kriegt."
Für die praktische Ausbildung sind geduldige Tiere angenehm, denn nicht immer sitzt jeder Handgriff der Studenten gleich perfekt. Bei den "Operationsübungen" in der Klinik für kleine Klauentiere zum Beispiel - das sind Schweine, Schafe und Ziegen - ist heute Blutabnehmen dran. Beim Ferkel geht das noch ganz gut. Das quiekende Tier wird mit den Beinchen nach oben in ein Gestell eingespannt, und die Studenten können alle einmal mit der Nadel nach der Halsvene suchen.
Die erwachsene Sau allerdings, mit einem Strick in der Schnauze an der Wand festgebunden, schreit. Wer das einmal gehört hat, weiß, was mit "wie am Spieß" gemeint ist. "Wenn ein Tierarzt von mehreren Schweinen Blut nehmen muss", erklärt Karl-Heinz Waldmann, Leiter der Klauentierklinik, "dann geht das kaum ohne einen Gehörschutz."
Trotz solch eindrucksvoller Erfahrungen gilt das Studium in Deutschland als eher praxisfern. Nicole Gollnick, 25, Studentin im neunten Semester, hat gerade ein Jahr an der französischen Partnerhochschule Lyon studiert. "Dort kommen die Studenten einfach viel früher mit Tieren in Kontakt", sagt sie. "Wir lernen zwar sehr viel Theorie, aber anwenden können wir sie erst ziemlich spät."
Vielleicht auch deswegen lassen sich die wenigsten Tiermediziner gleich nach dem Examen als Tierärzte nieder. Wer nicht in die industrielle Forschung geht, hängt meist noch eine Ausbildung zum Fachtierarzt dran, die je nach Fachrichtung zwei bis fünf Jahre dauert.
Studentin Gollnick hat sich noch nicht auf einen Wunschberuf festgelegt. Seit ihrem ersten Semester engagiert sie sich in der Hilfsorganisation "Tierärzte ohne Grenzen", die unter anderem Impfkampagnen organisiert. Zwei Monate war sie dafür im Sudan, bis Juni 2000 arbeitete sie im Vorstand des Vereins mit.
"Man muss den Leuten frühzeitig klarmachen, auf was sie sich bei diesem Studium einlassen"
Wenn sie nach dem Examen nicht in die Entwicklungshilfe, sondern in die Praxis geht, kann sich auch Gollnick eine Spezialisierung auf Rinder vorstellen. "Ich bin schon als Kind immer beim Großtierarzt mitgefahren", erzählt sie, "ich wusste also schon früh, was das bedeutet."
Peter Heimberg hat es trotz seines Rinder-Faibles mal mit was Kleinerem versucht, bald nach dem Studienabschluss, als er für eineinhalb Jahre in einer Kleintierpraxis gearbeitet hat. "Aber da muss man die Besitzer gleich mitbehandeln", erinnert er sich. "Ich konnte gar nicht mehr einkaufen gehen, weil ich immer drei Leute getroffen habe, die mir erzählen wollten, was ihre Katze gerade gefressen hat - nur weil die vor einem Jahr mal in der Praxis war." Am Ende floh Heimberg regelmäßig zum Lebensmittelkauf in den Nachbarort - "das ging immer noch schneller."
Silke Paul, 24, schrecken diese Aussichten nicht. Sie studiert Tiermedizin im neunten Semester und möchte später gern in die Kleintierpraxis. Deshalb hospitiert sie heute in der Heimtiersprechstunde bei Tierarzt Andreas Thiele, 28. "Klar muss man auch ein bisschen Seelsorger sein", weiß Paul, "aber mir gefällt der Kontakt zu den Menschen."
Den Kontakt kriegt sie in der Heimtierpraxis. Denn hier wollen die Menschen vor allem eins: reden, reden reden. Über die Appetitlosigkeit ihrer Wasserschildkröte zum Beispiel ("Sie hat nur eine Krabbe gefressen!"). Oder darüber, ob dem Kaninchen mit den gelähmten Hinterläufen wohl mit Krankengymnastik zu helfen sei. Doch von den Tierbesitzern mal abgesehen - was den Knuddelfaktor angeht, schlägt die Heimtiersprechstunde die Rinderklinik um Längen.
Mit einer Ausnahme: Der zweite Patient in Martin Kaskes Fallbesprechung ist der erklärte Liebling der Rinderklinik - "das kleinste Kalb, das ich je gesehen habe", so Kaske. Gerade drei Tage alt, 15 Kilogramm schwer und vier Wochen zu früh geboren, lag das braune Angus-Baby bei der Klinik-Visite noch im roten Licht einer Wärmelampe in der Kälberbox. In einem Wäschekorb hatte der Landwirt das Bündel Kalb vorbeigebracht, und die Ärzte hängten es erst mal an den Tropf. Jetzt probiert der Kleine auf dem glatten Kachelboden im Hörsaal schon die ersten Hüpfer, und die entzückten Studenten lernen etwas über die Behandlung von Rinder-Frühchen.
Im Mittelpunkt steht hier das Tier. Deswegen pflegt die Hochschule auch den ganzheitlichen Blick auf ihre Patienten. Hier gibt es keine Klinik für Chirurgie oder Innere Medizin, an der tierartenübergreifend nur auf dem jeweiligen Fachgebiet gearbeitet wird. In den Rinder- , Pferde- oder Vogelkliniken wird für die jeweilige Tierart das komplette medizinische Programm angeboten.
Dem Rind widmen sich sogar zwei Kliniken: Gleich neben der für Rinderkrankheiten liegt die Klinik für Geburtshilfe und Gynäkologie des Rindes. Tierärztin Berit Korff, 30, macht hier ihren Fachtierarzt für Reproduktionsmedizin und weist in einer praktischen Übung fünf Studentinnen in die Kunst der Ultraschalldiagnostik ein.
Auch Korff möchte die Rinder nicht mehr missen. "Viele Frauen wollen lieber in eine Kleintierpraxis", erzählt sie, "aber ich möchte nach der Fachtierarztausbildung im Großtierbereich arbeiten." So langsam, meint sie, akzeptieren auch die Bauern, dass eine Frau auf den Hof kommt, um ihre Rinder zu behandeln. "Manchmal haben die noch Probleme, wenn sie hierher kommen und nur Frauen sehen", sagt Korff mit Blick auf die Studentinnengruppe, "dann reden sie nur mit dem Tierpfleger, weil das der einzige Mann ist."
Wir hatten hier mal zwei Schweine als Patienten, die kriegten jeden Tag Kuchen."
Die Landwirte sind gut beraten, sich an Frau Doktor zu gewöhnen. Im ersten Semester beträgt der Frauenanteil an der Tiho inzwischen rund 85 Prozent. "Das hat sicher damit zu tun, dass sich die Arbeitsmöglichkeiten geändert haben", vermutet Prorektor Breves, "als ich angefangen habe, war das Verhältnis noch umgekehrt." Wahrscheinlich, glaubt Breves, sind die Jobs in der Kleintierpraxis oder in einer Pferdeklinik attraktiver für Frauen.
In diesen Bereichen winken auch bessere Verdienstaussichten, denn mit Rindern, das weiß auch Assistenztierarzt Heimberg, "kann man kein Geld verdienen". Die Landwirte müssen sich vor jeder Behandlung fragen, ob sie sich lohnt, und da fällt die Entscheidung, so Heimberg, "leider oft zu Ungunsten des einzelnen Tieres aus". Für Pferd, Hund oder Häschen greifen die Besitzer dagegen tief in die Tasche.
In seltenen Fällen tun sie das auch mal für klassische Nutztiere, doch das sind eher die Exzentriker.
"Wir hatten hier mal zwei Schweine als Patienten", erzählt Klauentierspezialist Waldmann, "die hatten bei ihren Besitzern ein eigenes Haus im Schwarzwaldstil und kriegten jeden Tag Kuchen."
Besonders gut bekommen ist ihnen das nicht: Waldmann und seine Mitarbeiter mussten den fehlernährten Tieren erst mal beibringen, was ein Schwein frisst.
Julia Koch