Studium Generale: Der Blick über den Tellerrand - DER SPIEGEL
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Studium Generale Der Blick über den Tellerrand

An den deutschen Hochschulen erlebt das Studium Generale eine kleine Renaissance. Die Programme sollen Scheuklappendenken und Fachidiotentum verhindern. Meist sind sie freiwillig, nur selten für alle Studenten Pflicht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Warum ein Medizinstudent eine Vorlesung zum Thema "Ethik und Recht" besucht? Oder ein künftiger Bauingenieur ein Seminar zur "Nachhaltigen Entwicklung"? Damit sie später nicht nur fachlich kompetent, sondern auch verantwortungsvoll ihren Beruf ausüben. Allgemeinbildung über das Fachwissen hinaus ist ein neuer Trend an deutschen Hochschulen. Meist nennen sie es Studium Generale, manchmal auch Studium Integrale oder Studium Fundamentale.

In den fünfziger und sechziger Jahren waren solche Konzepte in Deutschland noch weit verbreitet, nun erleben sie eine Renaissance. Die private Universität Witten/Herdecke zählt zu den Vorreitern: Seit fast 20 Jahren ist ein Tag pro Woche stets für das Studium Fundamentale reserviert. Daran nehmen alle Studenten teil. Gleichgültig ob sie Wirtschaftswissenschaften, Medizin oder ein anderes Fach studieren - am Donnerstag beschäftigen sich alle mit Philosophie und Geschichte, mit Sprache, Musik oder Kunst.

Andere Hochschulen haben inzwischen nachgezogen. Ihnen gehe es dabei in erster Linie um "Verantwortung gegenüber der Gesellschaft", erklärt Professor Michael Boldt von der FH Dortmund. Doch er betont auch den Erwerb von Schlüsselqualifikationen: "Die Seminare des Studiums Generale bieten den Studenten die Möglichkeit, sich Fremdsprachen anzueignen, ihre Rhetorik zu verbessern oder Teamfähigkeit zu entwickeln."

"Gegenpol zur Spezialisierung"

Mit einem Zertifikat können die FH-Studenten künftigen Arbeitgebern zeigt, dass sie über ihr Fach hinaus studiert haben. "Die starke Spezialisierung an den Universitäten braucht einen Gegenpol. Die Studenten sollen während ihres Studiums auch lernen, über den eigenen disziplinären Tellerrand hinauszusehen", sagt Charlotte Nagel, an der Universität Erfurt für das Studium Fundamentale zuständig.

Neben Seminaren gibt es an einigen Hochschulen Vorlesungsreihen, die meist auch der außeruniversitären Öffentlichkeit zugänglich sind - zum Beispiel mit Themen aus Politik, Religion, Philosophie, den Naturwissenschaften, Geschichte, Medizin oder den Medien. Zwischen Friedensforschung und Gentechnik, "Marx heute" und Kulturgeschichte der Technik findet sich für jeden Geschmack etwas.

Nahezu überall sind die Veranstaltungen interdisziplinär. Durch Einbindung mehrerer Fachbereiche in eine Reihe werde "die fächerübergreifende Diskussion gefördert", erläutert Edith Struchholz von der Universität Mainz, "die verschiedenen Herangehensweisen sind im Vergleich besonders spannend." Die Fähigkeit, nicht nur eindimensional im eigenen Fach zu denken, sei gerade für die Berufssuche nach der Universität von Nutzen.

Studium Integrale in Studenten-Regie

Die meisten Universitäten bieten im Studium Generale Veranstaltungen zu Berufsperspektiven an. In Mainz kommen Workshops für Studienanfänger hinzu. Größtes Manko aller Bemühungen um die Allgemeinbildung der heutigen Studenten: Das Studium Generale ist ein Zusatzprogramm, zu dem sich nur wenige aufraffen können. "Studenten, die teilnehmen, sind vom Studium Generale überzeugt. Allerdings kommen meist nur Leute, die bereits vorher ein Interesse hatten", klagt nicht nur Professor Boldt.

An der neuen Universität in Erfurt dagegen zählt das Studium Fundamentale, ähnlich wie in Witten/Herdecke, zum Pflichtprogramm. Neben der methodentheoretischen, ästhetischen und kommunikativen Bildung gibt es als zweite Säule Veranstaltungen zum Berufsfeld. "Das sind zwei bis drei Veranstaltungen pro Semester", sagt Nagel. Sie hält das integrierte Studium Fundamentale in Erfurt für anspruchsvoll: "Wir fordern die Studenten, indem wir sie nicht mit Scheuklappen durch das Studium gehen lassen."

In Dresden beweist ein vor drei Jahren gegründetes studentisches Institut, dass es auch ohne Verpflichtung geht: Die Studenten haben dort das Studium Integrale selbst in die Hand genommen. "Inzwischen bringen wir zum siebten Mal ein Vorlesungsverzeichnis heraus und geben Auskunft zu den Prüfungsanforderungen", erzählt Anja Fleischmann, Studentin vom Dresdner Integrale-Team. Der Blick über den Tellerrand ist auch ihr wichtig, um sich in anderen Disziplinen auszukennen und kein Fachidiot zu werden.