Studium hinter Gittern: Zellforschung unplugged - DER SPIEGEL
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Studium hinter Gittern Zellforschung unplugged

Dirk Möller studiert an der Fern-Universität Hagen. An sich ist das nicht ungewöhnlich, aber der 34-Jährige sitzt eine Freiheitsstrafe wegen Mordes ab und büffelt in seiner Zelle, um seine grauen Zellen auf Trab zu halten. Das Misstrauen der Gefängnisverwaltung ist groß, vor allem beim Computerzugang hapert es.
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Berlin - Geistig fit bleiben und mit der Zeit hinter Gittern besser klar kommen: Das waren die Motive für Dirk Möller*, seine Zellforschung der etwas anderen Art zu beginnen. Und zudem ist sein Informatikstudium kostenlos, weil die Universität für ihre Häftlinge die 90 Euro Semestergebühr erlässt. 300 der 56.000 eingeschriebenen Studenten an Deutschlands einziger staatlicher Fern-Uni sind verurteilte und im Gefängnis sitzende Straftäter. "Plus eine Dunkelziffer von etwa 100 Personen, denen es peinlich ist, ihren derzeitigen Aufenthaltsort zu nennen", sagt Matthias Pollack, der als Sozialreferent der Studierendenvertretung inhaftierte Kommilitonen betreut.

Dass Häftlinge während ihrer Zeit hinter schwedischen Gardinen überhaupt studieren dürfen ist rechtlich möglich. "Das regelt Artikel 12 des Grundgesetzes, wo es um das Recht auf freie Berufswahl geht", sagt Herrmann Stefan, Präsident des Justizprüfungsamtes in Wiesbaden, "auch ein Gefängnisaufenthalt schränkt dieses Recht nicht ein. Soweit die Möglichkeiten der Haft das zulassen, kann ein Inhaftierter dort studieren und Prüfungen ablegen."

"Manche Anstalten sind geradezu paranoid"

Mit der Situation von Gefangenen, die studieren, hat sich Rainer Ommerborn beschäftigt. In seinem Aufsatz "Studium im Strafvollzug" hat der ehemalige Beauftragte für Sondergruppen an der Fernuniversität Hagen festgestellt, dass die Insassen sehr positiv auf das Angebot reagieren. "Sie sind dankbar, weil ein Studium an manchen Justizvollzugsanstalten (JVA) die einzige Möglichkeit einer Berufsausbildung ist", sagt Ommerborn und weist gleichzeitig darauf hin, dass die Studienbedingungen verbesserungsfähig sind.

"Leider sind die Gefangenen in vielen Dingen vom guten Willen der Anstaltsleitung abhängig", sagt auch Sozialreferent Pollack. "Es kann vorkommen, dass sie aus Sicherheitsgründen nur schriftlich mit ihren Dozenten oder Mitstudenten kommunizieren dürfen." Und bei bestellten Büchern gebe es oft Verzögerungen, weil die Beamten das Material nicht sofort weiterleiten.

Das größte Problem ist jedoch der Zugang zu Computern. "Da sind manche Anstalten geradezu paranoid", sagt Pollack. Kürzlich habe eine JVA ihre Computer abgebaut, weil die Anstaltsleitung vermutete, dass Gefangene sich brisante Dateien aus dem Netz besorgen könnten. "Dabei hatten die Rechner gar keinen Internetanschluss." Ein echtes Gefangenendilemma. Da ein Informatikstudium ohne Rechner kaum zu schaffen ist, geht der Trend unter Gefangenen, die "unplugged" studieren müssen, hin zu Kultur- und Sozialwissenschaften.

Wenig Resonanz bei anderen Gefängnissen

Dirk Möller in der JVA Berlin-Tegel hat da bessere Voraussetzungen. In einem kleinen Raum, der mit zwei Computern ausgestattet ist, arbeitet er mit einem halben Dutzend Kommilitonen zusammen. Sogar einen Internetanschluss haben sie bekommen, der aber mehr ein Intranetzugang ist und mit dem internen Netz der Universität verbunden wurde. "Mehr wäre der Öffentlichkeit auch nicht vermittelbar", sagt Uwe Pollack, der das Geld für die Computer auftrieb und die eingeschränkten Surfmöglichkeiten organisierte. "Und natürlich geht auch aus Sicherheitsgründen nicht mehr."

Obwohl die Ausstattung die JVA nichts kostete, ist die Resonanz anderer Anstalten auf Pollacks Angebot eher dürftig. "Man spürt das gegenüber Gefangenen schlechte öffentliche Klima auch bei den Behörden. Dabei ist ein Studium kein Privileg, sondern harte Arbeit", sagt der Sozialreferent.

Weil die Fern-Universität Hagen in den nächsten Jahren komplett auf virtuellen Betrieb umstellen will, werden Häftlinge ohne Internetzugang vom Studienbetrieb praktisch ausgeschlossen. Als Alternative bliebe für sie nur noch der Weg über private Institute, die aber kaum finanzierbar wären. Matthias Pollack fürchtet eine paradoxe Situation: "Ziel des deutschen Strafvollzuges ist die Wiedereingliederung der Täter in die Gesellschaft, doch ein wichtiges Mittel, das neue Perspektiven in der Freiheit eröffnet, wird über die Hintertür abgeschafft."

Steffen Becker, ddp

(*) Name von der Redaktion geändert