Studium ohne Grenzen Malta kann's besser
Es erinnerte ein bisschen an die Bilder von Flüchtlingsschiffen vor der italienischen Küste: Dutzende von Männern und Frauen, die sich, eingehüllt in hellblaue Wolldecken, an Deck drängten. Doch der stolze Dreimaster "Statsraad Lehmkuhl" ist kein abgewrackter Seelenverkäufer, und an Bord waren auch nicht hungerleidende Asylsuchende, sondern die Teilnehmer am Bologna-Folgetreffen, die zum Auftakt der Tagung durch die westnorwegischen Fjorde kreuzten.
Bei Wein und Fingerfood wurde schnell klar: So unterschiedlich die Herkunftsländer der Tagungsteilnehmer sind, so unterschiedlich fallen auch deren Zwischenberichte zum Bologna-Prozess aus. Malta und Kroatien, Tschechien und Litauen - das sind die Länder, die der deutschen Delegation beim Ministertreffen im norwegischen Bergen durchaus eine lange Nase drehen könnten. Denn sie haben geschafft, woran deutsche Bildungspolitiker und Hochschulpraktiker noch herumdoktern: die hundertprozentige Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master.
Fliegender Wechsel soll gelingen
1999 hatten die Bildungsminister von 29 Staaten bei ihrer ersten Konferenz in Bologna beschlossen, einen gemeinsamen "Hochschulraum Europa" zu schaffen. Inzwischen sind es 45 Staaten, darunter seit Donnerstag auch Armenien, Moldawien, Aserbaidschan, die Ukraine und Georgien. Die gemeinsame Vision: ein Studium ohne Grenzen für die über 15 Millionen Studenten an über 5000 europäischen Hochschulen - mit freiem Wechsel, ohne Visa-Probleme und lästigen Anerkennungsstreit über unterschiedliche Schulzeugnisse. Drei Ziele standen im Mittelpunkt:
- die flächendeckende Einführung gestufter Studiengänge mit den Abschlüssen Bachelor und Master
- der Abbau von Mobilitätshindernissen für Studierende durch die Einführung von so genannten Credit Points für Studienleistungen und von diploma supplements, um die Inhalte der einzelnen Studiengänge transparenter zu machen
- die Einführung von Instrumenten zur Qualitätssicherung, damit ein Bachelor in Budapest dieselben Anforderungen erfüllt wie ein Bachelor in London oder Berlin
In Deutschland dagegen gab es und gibt es noch immer erhebliche Widerstände, weil die Universitäten vom Diplom und Magister Abschied nehmen müssen. Am klassischen "Dipl.-Ing." hängen vor allem die Technischen Hochschulen und sehen nicht ein, warum sie dieses Markenzeichen aufgeben sollen. Auch die Dauer des Bachelor-Studiums und die Übergangsquoten zum Master sind umstritten.
Zwar steuern Deutschlands Hochschulen allmählich um, doch in den 16 Bundesländern liegt die Umstellungsquote auf die neuen Abschlüsse bisher nur bei mageren 26 Prozent - und das auch nur bezogen auf die Studienangebote. Die Nachfrage bei den Studenten hinkt da sogar hinterher: Lediglich 16 Prozent der Studienanfänger entscheidet sich für Bachelor oder Master. Aber: Vor drei Jahren waren es erst sechs Prozent.
"Das Diplom ist ein Auslaufmodell"
Bald allerdings werden die Uni-Neulinge keine Wahl mehr haben: "Das Diplom ist ein Auslaufmodell", sagt Peter Gaehtgens, Präsident der Hochschul-Rektorenkonferenz (HRK), "und das Ziel, das Studium europaweit bis 2010 anzugleichen, ist auch für Deutschland noch erreichbar." Insgesamt sei der Bologna-Prozess ein Erfolg. Um den ehrgeizigen Zeitplan einhalten zu können, sei allerdings ein Umdenken in der Politik nötig, fordert Gaehtgens, der als Mitglied der deutschen Delegation nach Bergen gereist ist: "Der Bologna-Prozess geht nicht nur die Bildungsminister an, sondern muss in den Landeskabinetten breit diskutiert werden."
Denn Finanz- und Innenminister bestimmen ebenfalls darüber mit, ob etwa das juristische Staatsexamen als Grundvoraussetzung für Notare durch einen entsprechenden Master ersetzt werden kann - oder wie Bachelor- und Master- Absolventen von Fachhochschulen im Öffentlichen Dienst bezahlt werden. Unzufrieden sind die deutschen Hochschulen außerdem mit der finanziellen Unterstützung bei den Reformen: Die müssen sie nämlich bewältigen, ohne dafür zusätzliche Mittel zu erhalten, klagt der HRK-Präsident,
"Die Vision, dass Studierende innerhalb Europas mühelos die Hochschule wechseln und überall ihre Abschlüsse erwerben können, wird Wirklichkeit", sagt Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD). Sie hält die durch die Bologna-Konferenz angestoßene Internationalisierung der Hochschulen für "unumkehrbar". Die Umstellung auf Bachelor und Master bedeute zugleich eine Chance für eine inhaltliche Modernisierung des Studiums.
Studenten dürfen nur am Rande mitreden
Bei den Studienstrukturen schwimmt Deutschland im europäischen Mittelfeld mit, bei der Finanzierung des Auslandsstudiums zählt es zu den Musterknaben. Denn Bafög-Empfänger, die das erste Studienjahr im Heimatland absolvieren, können die Förderung bis zum Abschluss ins Ausland mitnehmen. Die Bundesregierung unterstützt auch ein Zentrum der Hochschulrektoren für die Umstellung mit 4,4 Millionen, muss sich aber im Föderalismusstreit mit den Ländern herumschlagen: Hessens Regierungschef Roland Koch (CDU) klagt dagegen gemeinsam mit Bayern vor dem Bundesverfassungsgericht - was in Bergen bei Bulmahns europäischen Amtskollegen nur Kopfschütteln auslöste.
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Ein bisschen an den Rand gedrängt fühlen sich im gesamten Bologna-Prozess die Studenten. Zwar hat jede nationale Delegation beim Treffen in Bergen auf Drängen der norwegischen Gastgeber auch einen studentischen Vertreter in ihren Reihen, und beim Eröffnungsplenum am Donnerstagvormittag durfte auch eine studentische Vertreterin ans Mikrofon.
Doch von gleichberechtigter Teilhabe kann trotzdem kaum die Rede sein. Das zeigte sich auch an Symbolen: Während etwa die Köpfe der deutschen Delegation im noblen Hotel Norge untergebracht sind, logiert Christine Scholz vom Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs) in der örtlichen Jugendherberge - Statusunterschiede gibt es im Bologna- Prozess eben nicht nur unter den Teilnehmer-Ländern, sondern auch unter den Beteiligten in der Hochschulpolitik.