Sudan Der junge Mann und der See
An Deck ist es brüllend heiß, die wenigen Schattenplätze unter den Rettungsbooten sind begehrt. Ich war nicht schnell genug und dränge mich auf der Suche nach Kühle in den überfüllten Passagierraum, in dem kein Zentimeter ungenutzt bleibt. Junge Männer geben sich gegenseitig Halt und versuchen zu schlafen. Frauen in bunten Gewändern mühen sich, die unüberschaubaren Mengen von Kisten und Taschen zu zähmen und zu verstauen: Fernsehgeräte, Videorekorder, Küchenmaschinen jeder Art, Matratzen, Bettzeug, Geschirr.
Kurz vor Sonnenuntergang schnauft unser Schiff, das die besten Jahre längst hinter sich hat, gen Sudan. Einige deutsche Beschriftungen lassen eine abenteuerliche Karriere dieses Bootes erahnen. Sicher scheint, dass sie hier auf dem Lake Nasser enden wird. Die Sonne rutscht langsam hinter den Horizont und taucht die Wüste in ein friedliches Violett.
Plötzlich wird es laut: Ein Mann hat sich unvorsichtigerweise auf einen Platz gesetzt, der ihm nicht zusteht. Eine Frau mit hünenhafter Gestalt in sonnengelbem Gewand lässt ein Donnerwetter auf ihn niederprasseln. Der ganze Raum ist elektrisiert, man raunt und tuschelt. Wir sind wieder wach. Mehrere Menschen reden beruhigend auf die Frau ein. "She's a strong lady!", klärt mich ein Mitreisender auf.
Der schnellste Fahrradfahrer des Sudans
Ich sitze erschöpft am Ufer des blauen Nils in Khartum, als ein großer, schlaksiger Sudanese auf dem Rad heranprescht. "You are the German bicycle driver?" Ich nicke verdutzt. "Hi! I'm Midhat!" Midhat klärt mich auf: Sein Bruder wohnt im Nordsudan und greift dort ankommenden Touristen bei den Einreiseformalitäten unter die Arme.
So ist Midhat über jeden Radler informiert, auch über mich. Er sprudelt nur so über vor Geschichten. Gerade hat er die Tour d'Afrique begleitet, ein Amateur-Radrennen von Kairo nach Kapstadt, in Etappen von 150 Kilometern pro Tag. Dann kündigt er an, dass er mich für ein paar Kilometer begleiten möchte, nur aus Khartum heraus. Letztlich fahren wir noch 60 weitere Kilometer gemeinsam. Midhat kennt keine weiteren sportlichen Radler im Sudan. Er ist wohl ein Unikat.
Nächste Etappe: Äthiopien - einmal Popstar und zurück