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Surfen DIE INTERNET-MILLIONÄRE

Vorbild Indien: In Chennai und Bangalore werden Mittelstandskinder für die Computer-Branche gedrillt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

An diesem Frühjahrsmorgen stehen die Studenten Schlange vor den Waschräumen des Wohnheims für männliche Studenten. Auf dem Uni-Campus in der südindischen Stadt Chennai herrscht ständiger Wassermangel ­ besser, man duscht schon frühmorgens, bevor später am Tag das Wasser knapp wird. Zum Frühstück gehen die Studenten hinunter in den Essraum, es gibt Brot, Butter, Marmelade und "idlis", typische südindische Reiskuchen.

Das "Indian Institute of Technology" (IIT)  ist eine der renommierten indischen Ingenieursschulen. Seit in Deutschland die Informatiker fehlen, ist Chennai, das früher Madras hieß, auch bei Nicht-Fachleuten in der Bundesrepublik ein Begriff.

Insgesamt sechs IIT entstanden in den fünfziger und sechziger Jahren in indischen Städten, mit Hilfe des Auslands aufgebaut. Schon früh haben diese Hochschulen auch Computerwissenschaften ins Lehrangebot aufgenommen. Das Niveau der Ausbildung ist längst vergleichbar mit renommierten westlichen Hochschulen.

Wer in Indien einen der begehrten IIT-Plätze bekommt, studiert mit Job-Garantie. Rund 500 000 junge Menschen bewerben sich jährlich um die Teilnahme am gefürchteten Eingangstest, 120 000 werden dafür zugelassen, lediglich etwa 2000 von ihnen dürfen sich schließlich an der Hochschule einschreiben.

Vor allem in den USA warten lukrative Arbeitsmöglichkeiten auf die IIT-Absolventen, doch neuerdings werben auch deutsche Unternehmen um indische Fachkräfte. Anfang des Jahres gingen deutsche Fachhochschulen auf Promotion-Tour durch Indien, um Reklame für ein Studium in Deutschland zu machen.

Den rund 317 Millionen Analphabeten in Indien stehen inzwischen dutzende indischer Software-Millionäre gegenüber. Azim Premji etwa, Chef der Firma Wipro, wurde Anfang des Jahres als drittreichster Mann der Welt gehandelt. N. R. Narayana Murthy, Gründer von Infosys Technologies, galt immerhin als der siebtreichste und ist der erste Inder, dessen Unternehmen an der Technologie-Börse Nasdaq notiert wurde. Murthy hat seinen Abschluss an einem der IIT abgelegt, ehe er sein Vermögen durch Software-Exporte machte.

Der enorme Erfolgsdruck, unter dem die wenigen Auserwählten stehen, die es an ein IIT schaffen, ist überall auf dem Campus in Chennai spürbar. Selbst Pärchen, die auf den ersten Blick ein Rendezvous zu haben scheinen, vergleichen bei näherem Hinsehen nur ihre Vorlesungsnotizen oder sind über dicke Lehrbücher gebeugt.

An das schmale Freizeitangebot in Indien sind die Studenten gewöhnt. Chennai ist eine konservative Stadt. Die Tamilen, die hier leben, halten nicht viel von Abendvergnügungen nach westlichem Vorbild. Abgesehen vom IIT-eigenen Sportclub, von der wöchentlichen Vorführung im Open-Air-Kino und den gelegentlichen Rock-Konzerten im Zentrum Chennais gibt es für die Studenten nicht viel Abwechslung.

Zwischen den Vorlesungen treffen sich zwei indische Kommilitonen zu einer schnellen Runde "Carrom", einem alten asiatischen Brettspiel. Rama Rao ist am IIT für "Transport Engineering" eingeschrieben. Wie viele seiner indischen Mitstudenten wünscht er sich einen Job in der Computerbranche. Nach seinem IIT-Abschluss werden ihm alle Wege offen stehen ­ auch ohne zusätzliche Qualifikationen in Informatik. Für die IIT-Studenten ­ zumeist aus Mittelstandsfamilien ­ sind die "virtuellen" Aktien-Millionen, die im Internet winken, eine große Verlockung.

300 Kilometer westlich von Chennai liegt Bangalore, die wohl bekannteste Internet-Metropole Indiens, das Silicon Valley des asiatischen Landes. Hier haben internationale Firmen wie Infosys, SAP und DaimlerChrysler ihre Forschungszentren. Die Stadt liegt auf einem Plateau, von der drückenden Hitze, für die Chennai bekannt ist, bleibt Bangalore wegen seiner vergleichsweise hohen Lage auf 949 Meter verschont. Wichtige Forschungsinstitute wurden in den sechziger Jahren hier oben im fruchtbaren und wasserreichen Bundesstaat Karnataka angesiedelt ­ weit weg von den unsicheren Grenzgebieten zu China und Pakistan.

Mittlerweile ist Bangalore zu einem modernen Technologie-Zentrum aufgestiegen. Das berühmte milde Klima und die kosmopolitische Lebensweise zogen Geschäftsleute aus aller Welt an, die aus dem überfüllten und teuren Bombay flohen und einen Standort für ihre Unternehmen suchten.

Im erreichbaren Umkreis von Bangalore liegen die violett schimmernden Nilgiri-Berge, das beliebte Sommerreiseziel der britischen Kolonialherren, und die Küste bei Mangalore. Auch beim Nachtleben herrschen in der Fünf-Millionen-Stadt andere Gesetze als in Chennai. Mehr als 900 Kneipen, Restaurants, Galerien, Musik-Bars und natürlich Internet-Cafés gibt es in Bangalore.

"Wir leben hier wie die Maharadschas", freuen sich Mathias Luckas, Christian Pietsch und Ivan Perisa. Ihr Arbeitstag als Praktikanten im DaimlerChrysler-Forschungszentrum in Bangalore ist gerade zu Ende gegangen, und die drei jungen Männer sind mit einer dreirädrigen Motor-Rikscha auf dem Weg zum abendlichen Bier ­ ins Purple Haze, ins Black Cadillac oder ins Take Five, eine der zahllosen Kneipen jedenfalls, in denen auf riesigen Video-Leinwänden den ganzen Abend MTV läuft.

Christian und Ivan, Elektrotechnik-Studenten aus Ulm, absolvieren ihr vorgeschriebenes Industrie-Praktikum. Mathias studiert Wirtschaftsingenieurwesen in Karlsruhe und ist für den praktischen Teil seiner Diplomarbeit nach Bangalore gekommen. Für die 500 Mark im Monat, die sie im Praktikum verdienen, können sich die Studenten eine Drei-Zimmer-Wohnung in einer ruhigen Wohngegend leisten ­ und eine Haushaltshilfe, die für sie wäscht, kocht und putzt.

"Ich habe mich nicht nur wegen der Exotik für Indien entschieden", erzählt Mathias, "sondern vor allem wegen des IT-Booms in Deutschland." Bald schon muss sich Mathias einen Job suchen, Zukunftssorgen aber hat er nicht: Er sei flexibel, sagt er, und könne sich auch vorstellen, zum Arbeiten nach Indien zu ziehen.

Ivan und Christian kamen nach Bangalore, um etwas über "andere Arbeitsweisen" zu lernen. Einen Abschluss in Indien streben sie nicht an. Das deutsche Examen, glauben sie, wird sie ausreichend fit machen für den Arbeitsmarkt.

"Das Problem in Deutschland ist im Moment einfach, dass nicht genug junge Leute Informatik und Ingenieurwissenschaften studieren wollen", sagt Christian. Der Gedanke, dass deswegen tausende von Fachkräften aus dem Ausland ­ auch aus Indien ­ angeworben werden sollen, beunruhigt ihn jedoch nicht: "Für Ingenieure gibt es genug Jobs in Deutschland."

Seshu Bhagavathula, Leiter des DaimlerChrysler-Forschungszentrums , erinnert seine deutschen Gäste an die Vorteile des europäischen Bildungssystems: "Indische Studenten kommen mit 17 Jahren an die Universität und sind mit 21 fertig. Der Lehrplan ist sehr streng ­ sie dürfen kein Fach weglassen, keine Prüfung wiederholen. Das ist ein enormer Druck." Fachlich, meint Bhagavathula, seien die Absolventen exzellent, "aber ihnen fehlt die Praxiserfahrung, die deutsche Studenten mitbringen".

Seit September gibt es in Bangalore ein Konkurrenzinstitut zu den IIT ­ das Indian Institute of Information Technology (iiiT) , eine Kaderschmiede ausschließlich für Informationstechnik. Die Regierung von Karnataka sowie verschiedene Internet-Unternehmen haben das ambitionierte Projekt gemeinsam gegründet.

"Wir bieten praktisch eine Abkürzung", sagt iiiT-Direktor Professor S. Sadagopan, "die Studenten werden direkt und schnell fit gemacht für die Internet-Industrie ­ die Arbeitgeber werden sich um die Absolventen reißen."

Das nagelneue iiiT residiert im sechsten Stock des futuristischen ITPL-Towers, eines gigantischen Bauwerks aus Stahl und Glas, mit vollklimatisierten Räumen, weichen Teppichböden und moderner Büroeinrichtung. In den USA würde man ein solches Institut eher vermuten als in Indien mit seiner oft mangelhaften Infrastruktur.

Im iiiT in Bangalore fällt nie der Strom aus, und an jedem Tisch in der Cafeteria finden sich Steckdosen für die Laptops, die alle 150 Studenten ständig unter dem Arm tragen. Es gibt 9 Kursräume, 15 Hightech-Büros, ISDN-Leitungen, eine teils digitalisierte Bibliothek und eine geräumige Studenten-Lounge.

Das Studium dauert eineinhalb Jahre und ist mit insgesamt 5200 Mark für indische Verhältnisse ziemlich teuer. Für die Unterbringung in großen und luxuriös eingerichteten Apartments in Institutsnähe, die eher nach Ferienpark aussehen als nach Wohnheim, zahlen die Studenten extra. Das Lehrangebot verspricht Erfolg auf dem Arbeitsmarkt: iiiT-Studenten werden in den Grundlagen der Informatik ebenso geschult wie in anwendungsbezogenen Fächern wie E-Commerce und Software-Engineering. Jedes Semester dauert 15 Wochen, jeder Kurs 30 Stunden. Das Kursprogramm wird durch ein Praxissemester ergänzt, in dem die Studenten bei einem Unternehmen arbeiten.

Bei den potenziellen Arbeitgebern muss sich das iiiT allerdings noch einen Namen machen. Zwar laufen derzeit Verhandlungen mit verschiedenen Firmen, so auch mit SAP in Deutschland, aber bislang ist das Konzept der IT-Spezialausbildung noch weitgehend unbekannt.

Viele Unternehmen stellen den bewährten IIT ein ­ noch. "Die IIT sind rein staatliche Einrichtungen", erklärt iiiT-Direktor Sadagopan, "sie sind groß und schwierig zu verwalten. Wir haben das iiiT gegründet, um Informationstechnologie gezielt und als Schwerpunkt anbieten zu können."

Sadagopan glaubt zu wissen, warum gerade die Inder besonders gefragte Computer-Spezialisten sind. Zum einen, erklärt er, ist Englisch für sie wie eine Muttersprache. Zum anderen seien Inder zwangsläufig gute Problemlöser: "Wir sind es gewohnt, im Chaos des täglichen Lebens immer wieder eine Ordnung herzustellen ­ viel mehr als die Europäer."

PADMA RAO

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