Surftipp Die Chemie muss stimmen
Regensburg - Beim Freenet-Beratungsportal meome.de gehört Oliver Reiser zu einer Reihe von Experten, die offenbar unermüdlich Fragen zu den unterschiedlichsten Themenbereichen wie Reise, Physik oder Astrologie beantworten. "Ich bin zufällig dort gelandet, und Chemie fehlte", erinnert sich Reiser, ein Mann der Tat: "Da habe ich mich einfach beworben." Seither gehört mindestens eine halbe Stunde seiner abendlichen Freizeit dem Forum.
Wer sich nach einem anstrengenden Tag noch an den Computer setzt und mit völlig unbekannten Internetnutzern kommuniziert, der muss sehr engagiert sein. Oder viel Geld dafür bekommen. Reiser betreut das Chemie-Forum bei meome.de ehrenamtlich. Aus Spaß, wie er sagt.
Das Frage-und-Antwort-Spiel ist nachzulesen: Da fragt zum Beispiel ein "Gast", was Hämoglobin sei. Na, der rote Blutkörperstoff, der für den Sauerstofftransport zuständig ist. Und ein verzweifelter Schüler will wissen - natürlich einen Tag vor der wichtigen Chemieklausur - wie es um die Bindungspolarität von Atomen bestellt ist. Professor Reiser ist auch um 23 Uhr noch fit und erklärt dem Schüler, was er wissen will. Seine Nachricht endet mit einem freundschaftlichen "Viel Glück morgen!". Hoffentlich war der Schüler auch noch aufnahmefähig.
Die soziale Ader pocht
Nicht, dass Reiser in seinem Job als Dekan für Chemie und Pharmazie an der Universität Regensburg zu wenig um die Ohren hätte. Im Gegenteil. Trotzdem zieht es Oliver Reiser, der mit 33 Jahren habilitierte, auch nach einem achtstündigen Vorlesungstag an den Computer - die soziale Ader pocht.
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"Ich wäre nicht an der Hochschule, wenn mir die Lehre keinen Spaß machen würde", sagt der knapp 40-Jährige. In der Industrie, ja, da könnte er "100 Prozent" mehr verdienen: "Mein Gehalt ist nur unwesentlich höher als das Einstiegsgehalt meiner Doktoranden ohne jede Erfahrung in der Industrie." Aber dort fehle eben der Kontakt zu den Studenten.
Als Oliver Reiser noch kein Professor war und selbst die Schulbank drückte, hat er wohl einfach Glück gehabt. Seine Lehrer weckten in ihm die Faszination für die Chemie, setzten mit dem "Feuerzauber und den Knalleffekten der Chemie", wie sich Reiser erinnert, einen Prozess in Gang, der noch lange nicht abgeschlossen ist.
Auch nicht, seit der gebürtige Hamburger den Dekansessel in Regensburg ausfüllt. Denn er ist davon überzeugt, dass die Chemie einen wichtigen Beitrag für die Menschheit leisten kann und er ein Rad in diesem Getriebe bewegen kann, "auch wenn man als Einzelner keine großen Sprünge machen kann".
"Die Lehrpläne sind nicht sonderlich attraktiv"
"Mein Anliegen ist es nicht nur, Leuten weiterzuhelfen und ihnen Tipps zu geben, die sich ohnehin für Chemie interessieren", sagt Oliver Reiser. Er will offenbar die Tradition seiner ehemaligen Lehrer fortsetzen und Interesse an der Chemie, vor allem aber an den Verbindungen mit dem alltäglichen Leben wecken.
Die Lehrer an den Schulen könnten das nicht immer leisten: "Die Lehrpläne sind nicht sonderlich attraktiv. Chemie wird oft sehr mathematisch vermittelt, es bleibt selten Zeit für Experimente." Da sei es schwer, die Schüler für das Fach zu gewinnen. Schade, meint Professor Reiser, aber nicht die Schuld der Lehrer: "Hut ab vor den Kollegen, die es trotz der Belastung noch schaffen, aufwendige Versuche durchzuführen."
Keine Sorgen um die Akzeptanz müssen sich die Verantwortlichen des Freenet-Portals machen. Mit bis zu 5000 Anfragen pro Monat ist das elektronische Beratungsangebot recht erfolgreich. Neben dem Expertenforum finden sich dort auch ganz andere Veröffentlichungen: zum Beispiel ein Chemie-Quiz zur Fußball-Weltmeisterschaft. Eines aus einer ganzen Reihe von Ratespielen, bei dem es am Ende auch etwas zu gewinnen gibt, und zwar ein Computerspiel. Das Thema? Klar, Chemie.
"Studienberatung ist selbstverständlich"
Der Professor, der unter anderem in Harvard und San Jose studierte, ist aber auch streitbar. Als der Deutsche Hochschulverband kürzlich verkündete, er wolle eine individuelle Studienberatung namens "Genius" mit Professoren exklusiv in Bonn und für einen stolzen Preis von 350 Euro anbieten, bewertete Oliver Reiser die Aktion als "nachdrücklich schädigend" für das Image der Professoren, denen das Vorurteil der Faulheit ohnehin penetrant anhänge.
Die Studienberatung sei eine Aufgabe, die vom großen Teil der Professorenschaft selbstverständlich und kostenlos wahrgenommen werde, und das schon sehr lange. "Selbst wenn man nicht glauben will, dass ein aufrichtiges Interesse der Professoren an den zukünftigen Studenten besteht, so wird man doch wenigstens deren eigenen Nutzen an einer guten Beratung nachvollziehen können", stellt Reiser klar.
Denn Studenten, die mit falschen Erwartungen ein Studium begännen, seien unmotiviert, würden schlechte Leistungen bringen und müssten die auch für Professoren zeitaufwendigen Prüfungen wiederholen. Ein Teil bricht sein Studium ab - kein guter Ausweis für die jeweilige Fakultät: "Hohe Abbruchquoten werden von der Hochschulleitung und von den Wissenschaftsministerien registriert und schlagen sich negativ auf Kapazitätsberechnungen und Mittelzuweisungen nieder."
Informationen sind also Ehrensache. Zumindest bei den Professoren, die ihren Beruf ernst nehmen. Und wer dennoch den Weg in die universitären Hallen scheut, dem bleibt der Klick ins Internet. Direkt ins Wohnzimmer von Professor Reiser sozusagen.