Surftipp Schroiber Dir einen!
Wenn Peter Schlobinski, Germanistikprofessor aus Hannover, in seine Computerdatenbank schaut, gerät er ins Kichern. Auf virtuellen Plakaten stehen Bundeskanzler Gerhard Schröder und sein Kontrahent Edmund Stoiber vor blau-weißem Himmel in der Bütt. Neben dem Konterfei des Unions-Politikers steht in schwarzen Lettern: "Einsatzbereitschaft, Fleiß und Leistung sind für mich keine Fremdwörter" - mit fünf Ausrufezeichen.
Je nun, etwas trocken, findet Schlobinski. Da ist er schon Originelleres gewohnt von "Schroibern Sie mit". Unter diesem Motto haben Germanisten der Hannoveraner Uni und die Fachzeitschrift "Der Deutschunterricht" zum Mediensprache-Wettbewerb aufgerufen. Noch bis zum Wahltag, dem 22. September, können die Teilnehmer via Internet Wahlkampfplakate betexten.
Wenn sie sich für ihren Favoriten entschieden haben, ist der in jeweils vier Posen zu sehen: Mal hebt Gerhard Schröder den linken Arm und ballt die Hand zur Faust, dann formt er die Lippen wieder zum "Wählt Ihr Rot, ist alles im Lot"-Lächeln. Auf anderen Plakatmotiven sticht CDU-Mann Stoiber mit dem Zeigefinger, kneift die Augen fest zusammen oder steht stocksteif wie ein Oberlehrer am Pult.
Über 200 Teilnehmer haben bislang ihre Slogans und Werbetexte eingereicht. Die meisten von ihnen sind Studenten, einige wenige gehen noch zur Schule. Doch gerade Schüler will Schlobinski mit dem Wettbewerb ansprechen.
"Ziel ist es, eine gesellschaftspolitische Diskussion im Schulunterricht zu entfachen", erklärt der 48-Jährige, der sich mit der Sprache in elektronischen Medien beschäftigt und unter anderem das Projekt sprache@web startete. Auf spielerische Weise sollten die Schüler ihr Interesse an der Politik entdecken und sich gleichzeitig mit der Sprache beschäftigen - und Spaß soll es machen.
Doch nicht jeder Einsender sieht den Wettbewerb als Spaß-Aktion - viele nähmen ihn "sehr ernst", erzählt Schlobinski, der mit mehr "ironischen und satirischen" Beiträgen gerechnet hatte. Dann liest er einen eingereichten Text vor und beginnt zu lachen: "Dynamik und Kontinuität. In einer sich immer schneller verändernden Welt braucht man einen zuverlässigen Partner, wählen Sie deshalb Edmund Stoiber."
Andere Teilnehmer zeigten sich da schon kreativer: So textete ein Teilnehmer zum Schröder-Plakat: "Schwarze Seelen kommen nicht in den Himmel." Seinen persönlichen Favoriten will Schlobinski jedoch nicht verraten, denn dies "verzerre den Wettbewerb".
Bereits im vergangenen Jahr hatten die Hannoveraner Germanisten zum Medienwettbewerb aufgerufen. Um die literarischen Ambitionen von SMS-Liebhabern zu fördern, hatten die Hannoveraner eine Kurzgeschichte ins Netz gestellt. Die Teilnehmer sollten sich ein Ende ausdenken und direkt auf der Seite eintippen. Wie bei einer SMS hatten sie dafür nur 160 Zeichen. 600 Turbo-Tipper beteiligten sich an dem Wettbewerb.
Ob bei "Schroibern Sie mit!" auch so viele mitmachen werden, ist bislang genauso ungewiss wie die weitere Verwendung der Sprüche. Vielleicht will Initiator Schlobinski sie nach dem Wahltag an die jeweiligen Parteizentralen schicken. Bis dahin werden die Texte aber keinesfalls veröffentlicht, sagt der Germanistikprofessor - sie sollen den Wahlkampf ja nur simulieren, nicht beeinflussen.