Team Ungarn: Ankommen mit Hindernissen - DER SPIEGEL
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Team Ungarn Ankommen mit Hindernissen

Daniel Frick und Markus Brückner hatten sich für die erste Etappe gar nicht so viel vorgenommen: Am Samstag wollten sie nur Passau erreichen. Aber dann wirkt der mysteriöse Bann von Nürnberg, bis sie drei Länder in 12 Stunden passieren können.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Samstag, 29. Mai
Tagesziel verfehlt

Eigentlich wollten wir heute bis nach Passau kommen. Am Ende bleiben wir im fränkischen Nürnberg liegen. Schon zum Start eine Demütigung: Wir stehen eine Viertelstunde an der A 9, kein Auto hält an. Katharina und Karolin vom Team Slowenien stellen sich hin - schon sind sie weg. Um unsere Gemüter zu beruhigen, fahren wir erstmal nach Erlangen. Dort ist gerade das Bergkirchweih-Festival, und wir genehmigen uns ein kühles Bier.

In Nürnberg dann die Katastrophe: Wir sitzen bei einem juoslawischen Pärchen im Auto. Spontan ändern die beiden ihr Reiseziel und setzen uns mitten auf der Autobahn aus. Also müssen wir zu Fuß weiter - beziehungsweise zurück nach Nürnberg.

Zum Glück hatten wir schon vorher eine nach Franken ausgewanderte Sächsin kennengelernt. Wir rufen sie an und haben Glück: Sie holt uns ab, und wir können in der Nacht bei ihr schlafen.

Mehmet, der türkisch-kurdische Wiener, weiß alles über Mädchen an Bulgariens Straßen

Lesen Sie im zweiten Teil:

Sonntag, 30.Mai
Drei Länder in 12 Stunden

Aus unserer kleinen Panne mit den Jugoslawen am Vortag haben wir nichts gelernt: Wir stellen uns tapfer an die gleiche Stelle und werden nach zermürbendem Warten von Thomas aus Heilbronn mitgenommen. Dann haben wir ein déja vu - Thomas will nicht dorthin, wo wir hinwollen. So stehen wir wieder an der Autobahn, noch dazu an der gleichen Stelle wie vergangene Nacht. Nach zwei Stunden haben wir das Warten satt, sieben Kilometer weiter ist die nächste Abfahrt. Der Ortswechsel scheint zu wirken: Drei Mädels nehmen uns mit auf die Autobahn. Endlich verlassen wir den Bannkreis von Nürnberg.

Mehmet, der türkisch-kurdische Wiener, muss "für den Chef" eine defekte Schleifmaschine von Frankfurt am Main nach Wien bringen und kann uns in seinem Transporter immerhin bis Passau mitnehmen. Wir sitzen wie die Ölsardinen mit unseren Rucksäcken in der Fahrerkabine. Luftzufuhr vermeidet Mehmet, damit er sich besser aufs Fahren konzentrieren kann.

Zwischen Daniel und Mehmet entspinnt sich ein sehr eindrucksvolles Gespräch über das Reisen in die Türkei. Mehmet kommt nämlich aus Ankara, arbeitet ein halbes Jahr in Wien und macht dann ein halbes Jahr Urlaub. Seine Reisen legt er mit seinem BMW zurück.

Das interessiert Daniel, denn er will später mit dem Auto eine Rundfahrt durch die Türkei machen. Deshalb fragt er Mehmet nach den Straßenverhältnissen auf dem Weg dorthin. Mehmet überlegt kurz: "In Serbien kannst du's vergessen, aber in Bulgarien sind sie gut". "Gute Info", denkt sich Daniel, doch Mehmet fährt fort. "In Bulgarien stehen schönere Mädchen am Straßenrand und die kosten auch nicht so viel. Blöd nur, dass ich Frau und Kind habe." Das aso zu den Straßenverhältnissen. Nach Mehmets Definition müsste die A 3, die wir gerade herunterheizen, von absolut trostloser Qualität sein. Der gute Mehmet wirft uns in Passau raus.

Wir warten eine Dreiviertelstunde, dann nimmt uns der Mobilfunk-Manager Markus mit - ein Wiener mit Schmäh. Lange Haare, Bart und ein gemütliches, ständiges Lächeln wird uns die nächsten Stunden in Richtung Wien begleiten. Markus fährt gerade von einem Treffen mit seinen sechs Cousinen aus ganz Europa zurück in die Heimat. Und schon haben wir das erste Thema: die grenzenlose Reisefreiheit in Europa.

Markus ist noch immer schwer begeistert vom vereinten Deutschland. "Und jetzt erst die EU-Osterweiterung." Ohne Probleme von einem Land ins nächste. Bei ihm kommen alte Erinnerungen hoch: das österreichische Burgenland, einst eine vereinte Region und dann jahrelang geteilt durch die Grenze zwischen Ungarn und Österreich. Markus spricht von den "Grenzfrühstücken", die Ende der achtziger Jahre direkt an der Grenze die Zusammengehörigkeit zwischen den beiden Nationen gezeigt hätten.

Und dann will er uns auf den Nachbarn Ungarn einstimmen. Er zaubert bei 140 Studentenkilometern eine CD mit "Tschuschenmusik" hervor. "Für die Wiener sind alle Deutschen Piefkes und die Süd- und Osteuropäer eben Tschuschen". Bei den Wienern hat anscheinend jeder seinen Namen weg. "Der Osterweiterung stehen die Wiener eher skeptisch gegenüber und jammern." Aber Jammern sei für die Wiener nichts Besonderes. Als Österreich 1995 weiße Markierungsstreifen auf den Straßen bekam, hätte es fast einen Volksaufstand gegeben, erzählt Markus. So fahren wir mit der Tschuschenmusik im Ohr noch durch Wien und werden von Markus in Richtung Ungarn auf einem Rastplatz verabschiedet.

Es dunkelt bereits, als uns Joseph, der erste Ungarn auf der Reise, anspricht. Joseph kann zwei Sprachen: Deutsch mit österreichischem Akzent und Ungarisch. Die Sprachen gehen aber fließend ineinander über. Er fährt mit seiner Mutter und seinem Bruder Christian nach Velence in Ungarn zum Autoreparieren. Das Auto ist relativ klein, aber wir pressen uns, nachdem wir Jospehs Mutter überzeugt haben, auf die Rückbank.

Ein vernünftiges Gespräch ist fast nicht möglich, denn wir hören bis zu unserem Zielort Techno von Scooter, Culture Beat und DJ Holigan in Disco-Lautstärke. In den kurzen Ruhepausen, zum Beispiel am Grenzübergang, referiert Joseph über seine beiden Handys, die er bei sich hat. Er erzählt, dass er für jedes ein anderes Netz wählt, um in allen Situationen und zu jeder Tageszeit günstig telefonieren zu können. Zumindest wissen wir jetzt, welches Handy-Netz wir in Ungarn nutzen sollten.

Schon bald fahren wir von der Autobahn ab, um über Landstraßen nach Agard zu kommen, unserem Zielort am Velence-See. Während einer kurzer Tank- und Ruhepause, das Techno-Tape läuft bereits zum zweiten Mal, erklärt uns Josephs Mutter mit Händen und Füßen, dass alle Autofahrer normal sind, nur nicht die Trabant-Fahrer. Sie meint, die wollen mit ihren kleinen Autos immer was beweisen und fahren wie die Verrückten. Markus, ein alter Trabbi-Veteran, fühlt sich in seiner Ehre gekränkt, hört aber gekonnt weg.

Wir kommen kurz nach Mitternacht in Agard an - viel zu spät, um noch ein Dach über dem Kopf zu suchen. So schlafen wir mit dem Blick in den Sternenhimmel auf einer Parkbank am Velence-See ein.

Endlich! Ankunft am Plattensee

Im dritten Teil:

31. Mai 2004
Erfrischung im Balaton

Aufgeweckt durch je zwei Kaffee, einen Balaton-Schokoriegel und die nun einsetzende Sprachbarriere beim Bestellen, stellen wir uns gegen neun an die Bundesstraße Richtung Balaton. Nicht nur, dass niemand in unsere Richtung will, nein, wir werden von den Ungarn komplett ignoriert. Dafür grillt die Sonne unsere Köpfe.

Kurz vorm Verzweifeln und den ersten Tränen nahe, setzt ein Daihatsu zum Bremsmanöver an. Unser Ziel Szekesfehervar stimmt exakt mit den Vorstellungen der Kleinfamilie überein. With little english und Zeichensprache erklären wir den Dreien, wo unser eigentliches Ziel, der Balaton, liegt.

Es gibt eine kurze Diskussion zwischen unseren Fahrern, dann steht fest: Kurzfristig wird ein Ausflug zum Balaton gemacht. Richtung Siofok, der Touristenhochburg. Thomas, der Familienvater, tankt extra noch mal. Wenn das nicht Gastfreundschaft ist, was dann. Wir springen in den Balaton und sind glücklich.

Nichts wie weg vom ungarischen Ballermann

Für uns gibt es nur einen Gedanken: Raus aus Siofok. Das Baden im traumhaften Balaton war ganz nett, nur war der Strand überfüllt mit deutschen Touristen, Familien und "coolen" Jungs. Eine ballermanndeske Szenerie. Diesmal stehen wir erstaunlicherweise nicht lange am Straßenrand. Esther Sergõ mit ihren beiden Kindern nimmt uns mit nach Szekszárd (sprich: Sex-Gard).

Esther Sergõ ist Blumenhändlerin, arbeitet ehrenamtlich für die Caritas und verfügt über rudimentäre Deutsch-Kenntnisse. Es sei das erste Mal in ihrem Leben, dass sie Anhalter mitnehme, erzählt sie uns. "Warum, ist denn Trampen gefährlich?", fragen wir. "Ja, aber für die Fahrer. Es gab schon viele Überfälle." Wir nehmen deshalb ihre mutige Geste als Kompliment.

Wir fahren durch eine traumhafte Landschaft. Grüne Weinberge soweit das Auge reicht, kleine Dörfer und Städtchen am Straßenrand und zu jedem Ort erzählt uns Esther eine kleine Geschichte, meistens über die jeweilige Qualität des Weines. Sie beschwört uns, den berühmten roten Wein von Szeszgard zu probieren. Wir willigen ein. Als Belohnung für unsere Zusage gibt es eine Schale mit Erdbeeren vom Stand am Straßenrand.

Billiger Wein, Fischsuppe und Armut

Der schwere, trockene Rotwein ist vorzüglich und steigt sofort in den Kopf. Wir sitzen mit Esther und der Familie auf der Terrasse im Garten. Rex und Sultan, die beiden großen Hunde des Hauses, bellen zur Begrüssung. "Diesen Wein füllen unsere Freunde für uns ab,", sagt Esthers Tochter Bettina und schenkt uns aus der 2-Liter-Cola-Flasche zum wiederholten Male nach, "acht Liter für einen Euro. In Frankreich kostet ein Liter von diesem Wein acht Euro." Man schmeckt es. Im Hintergrund kommt Topfgeklapper aus der Küche. Vater Laszlo kocht, ihm zur Seite sein Kumpel Stefan. Er assistiert, muss Gewürze reichen und umrühren, denn Chefkoch Laszlo bereitet eine Fischsuppe zu.

Die 5-Sterne-Fischsuppe

Fischsuppe ist nicht gleich Fischsuppe, und wenn Laszlo eine Fischsuppe kocht, ist das eine mehrstündige Operation. Deswegen muss auch zu zweit gearbeitet werden, der Chefkoch mit seinem Assistent. Laszlo ist nämlich nicht irgendein Koch, sondern der amtierende Stadtmeister im Fischsuppekochen und in Vorbereitung auf den regionalen Wettbewerb.

Es geht ums Timing beim Zugeben der Zutaten: Eine Messerspitze zuviel Chilipulver und die Suppe ist keine original Laszlo-Suppe mehr. Deswegen dürfen wir auch nicht stören. Hochkonzentriert steht Laszlo in der Küche und überprüft laufend die Konsistenz der Suppe. Genau in dem Moment, in dem Wasser und Paprika eine Einheit bilden, ist die Suppe fertig.

Grob gesagt ist der Unterschied zwischen deutscher und Szekszárder Fischsuppe die Menge an Paprika. Die Szekszárder essen gerne scharf und so pulvert Esther auch noch extra Chilipulver in die Suppe, während uns bereits der Schweiß die Stirn herunterrinnt.

Die Suppe wird zusammen mit Nudeln gegessen. Der grätenreiche Fisch wird komplett zerteilt und gesondert serviert. Sohn Peter hat ihn im benachbarten Fluss geangelt. "Wenn ihr eine Gräte verschluckt, dann haben wir Weißbrot zum Hinterher-Essen", beruhigt uns Peter. Markus darf die Fischeier essen, der beste Teil vom Fisch. Daniel bekommt den Kopf. Vorzüglich.

Beim Essen entspinnt sich ein Gespräch: Ob es in Deutschland viele arme Menschen gibt, will Bettina wissen. "Bei uns in Szekszárd gibt es nämlich nur ganz reiche oder ganz arme Leute." Augenscheinlich gehören die Sergõs zu den Reicheren. Etwas verlegen schaut Laszlos Kumpel Stephan in seinen Suppenteller.

Reich und Arm auf einem Berg

Es stellt sich raus, dass Stephan zu den Ärmeren in Szekszárd gehört. Trotzdem lädt er uns zu sich nach Hause ein. Wir gehen mit, doch von Armut ist auf dem Weg keine Spur. Durch die saubere Innenstadt und ein Villenviertel führt uns Stephan auf "seinen" Weinberg. Direkt neben den Villen türmen sich auf einmal Müll und Schrott auf. Jetzt ist es offensichtlich: Wir haben Stephans Viertel erreicht. Sein Haus liegt direkt am Berg und bietet einen romantischen Blick ins Tal. "Immer wenn ich hier stehe, bin ich doch ein reicher Mann", sagt Stephan.

Hinter der Fassade sieht es jedoch etwas anders aus. Ein Zimmer, fünf Betten, ein Fernseher und drei Kinder. Das Haus von Stephan hat gerade mal 25 Quadratmeter Wohnfläche. Dabei hat er gar keinen schlechten Job, er arbeitet als Geldbote für die ungarische Post, während seine Frau auf die Kinder aufpasst. Sie kocht uns einen Kaffee, Stephan führt uns durch die Weinreben. Die stehen nicht auf seinem Grundstück, sondern direkt nebenan.

Weil der Nachbar nicht da ist, nutzt Stephan die Chance, um uns sein ganzes Wissen über den Weinanbau in fließendem Ungarisch zu erklären. "Ich hätte auch gern einen Weinberg", verrät sein Gesicht. Wir trinken den Kaffee und wandern zurück auf die reiche Seite des Berges zu den Sergõs.

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