Toiletten-Prosa Ich sitze, also kritzle ich
Juristen sind steif, Historiker faul, Wirtschaftsstudenten oberflächlich und Informatiker sozialscheu - jeder Uni-Fakultät schleicht ein passendes Vorurteil nach. Ob's stimmt, müsste eigentlich eine bisher wenig beachtete studentische Ausdrucksform beweisen oder widerlegen: die WC-Prosa.
Klotür auf, dann zu und, klack, den Riegel umgedreht: Weg ist die feindselige äußere Uniwelt. Und wo ist der Student ehrlicher als in der Anonymität einer Toilettenkabine? Hier kann er, fernab der Konventionen der eigenen Akademikerzunft, spontan und ohne Zeitdruck der Menschheit mitteilen, was ihn im Innersten beschäftigt.
Zeit für eine Entdeckungsreise durch die Universitätstoiletten der Freien Universität Berlin. In die Hauptmensa gehen Studenten aller Fächer. Das größte Herren-WC der Uni befindet sich unterhalb des Eingangsfoyers und eröffnet mit zehn einladenden Toilettentüren viel Platz für Sprüche oder ganze Geschichten. Und was hat der Student von heute zu sagen? Nichts. Jede Tür zwei Quadratmeter großes weißes Schweigen.
Woran es liegt - Andrea Spieker von der Hochbauverwaltung kennt die Antwort: Wird ein neuer Spruch im Hauptgebäude entdeckt, kommt binnen einer Woche der Maler. Jede größere Schmiererei werde fotografiert und angezeigt, sagt Spieker. Hier wird jeder Spruch in der Behördensprache zur "Schmiererei". Und es sind ja nicht nur Weisheiten und Witze, es sind auch widerliche rassistische und sexistische Parolen.
Andrea Spieker bestätigt, dass es heute weniger "Schmierer" gebe als früher: "Die Klientel hat sich verändert." Das Übermalen von Sprüchen komme bei den Studenten an, denn es "studiert sich einfach besser, wenn es sauber ist". An den Wänden der einzelnen Fakultäten geht es allerdings nicht ganz so sauber zu.
Die Denker - Geschichte und Philosophie
Die Geisteswissenschaftler bieten reichlich Angriffsfläche für Vorurteile. Viele assoziieren den bärtigen, langhaarigen Altertumsstudenten, der einen schwarzen Mantel trägt, Gothic-Musik hört und am Wochenende Opas Garten nach alten Knochen umgräbt. Marija dagegen stellt sich eher den "netten Lehrer-Typ mit Brille, Fleecepulli und Sandalen vor", so die BWL-Studentin im vierten Semester.
Historiker-Örtchen: Parolen nach vorn
Foto: FU BerlinWelches Bild zeichnet die WC-Prosa? An den Toilettenwänden im Untergeschoss des kühlen Historikerbaus setzen sich dicke Buchstaben zu Wachrufen wie "Hört auf zu studieren und fangt an zu begreifen!" und Parolen wie "Leben statt Arbeiten!" zusammen. Neben einem Zitat von Einstein steht ein gut gemeinter Rat: "Wer bis zum Hals in Scheiße steckt, sollte den Kopf nicht hängen lassen!" Der Historiker zeigt sich gesellschaftskritisch und belehrend. Jeder Satz endet mit einem Ausrufezeichen.
Dem Philosophiestudenten werden von anderen Kommilitonen mehrheitlich solche Adjektive zugeordnet: "lebensfremd", "kompliziert", "arbeitslos", "links", "nachdenklich". Piotr W., braune Sandalen, rahmenlose Brille, Informatikstudent im zweiten Semester, fügt hinzu: "Alle, die es hier in einem Fachbereich nicht schaffen, wechseln zu den Geisteswissenschaften. Da ist es echt entspannter."
Im Philosophieinstitut ist die Suche wenig ertragreich. Das verwinkelte Gebäude strahlt Wohnzimmeratmosphäre aus. Der Klobefund ist mager, aber eindeutig. Ähnlich gesellschaftskritisch wie bei den Historikern wird hier "kreativer Widerstand massenhaft" gefordert, vor dem Studenten als "Denkfabrik" gewarnt oder gegen den "Überwachungsstaat" protestiert. Die aktuellen Parolen sitzen.
Die Macher - Jura und BWL
BWLer und Juristen müssen sich nicht weniger harte Urteile der anderen Institute gefallen lassen. Sie seien, O-Ton der Kommilitonen, "karrieregeil", "oberflächlich", "spießig" und "dekadent". Sven, BWLer im fünften Semester, mit engem weißem T-Shirt und blonden Strähnchen, beschwert sich, dass alle immer denken würden, er "studiere BWL nur, weil ich nicht weiß, was ich sonst machen sollte".
BWLer-Toilette: "Deine Mutter" und "Nazis aufs Maul"
Foto: FU BerlinDie BWL-Studenten belegen hinter den Historikern Platz zwei auf der Liste der produktivsten WC-Autoren, schlagen die Philosophen aber deutlich. Wie es der Schwerpunkt des Faches vermuten lässt, geht es hier ums Geschäft: "Ich brauche Gras für 500 Euro", steht in der ersten Kabine.
Ansonsten widmet man sich den absurden Erkenntnissen des Alltags, und die Wirtschaftsstudenten zeigen, dass auch sie gerne mal ein wenig lachen und richtig lustig und locker drauf sind, echt. Sie können ordinär sein, aber auch ernährungsbewusst ("Kein Döner mehr").
Zwischen viel Vulgärem und expressionistisch-stümperhaften Zeichnungen von Genitalien mogelt sich auch eine einsame, aber weitsichtige Forderung: "Kein Sex mit Nazis."
Überraschend wenige Sprüche zieren die WC-Kabinen der Juristen. Entweder haben Studenten der Jurisprudenz einfach wenig Zeit oder sie bevorzugen den heimischen Abort. Die Wände sind blitzblank, vielleicht aus Angst, man könne identifiziert und juristisch belangt werden. Der einzige Fund stammt aus der Feder eines fachfremden Besuchers, der die angehenden Juristinnen auf der Herrentoilette lobt: "Ihr habt hier echt die heißesten Mädels. Respekt."
Die Logiker - Informatik, Naturwissenschaften
"Meine Kommilitonen", sagt Florian, Informatikstudent im fünften Semester, "kommen morgens mit einem Energy Drink und Augenrändern in die Vorlesung, weil sie die ganze Nacht im Keller 'World of Warcraft' gespielt haben."
Was den Vorzeigeinformatiker angeht, sind sich die anderen Institute einig: "sozialscheu", "Freaks", "sexlos", "introvertiert" und "verwirrt". Vivienne S. will eigentlich ab dem nächsten Semester Informatik studieren. Doch sie zögert noch, schließlich "reden die einfach nicht miteinander".
Offensichtlich schreiben Informatiker auch nicht mehr mit der Hand. Der hartnäckigste Entdeckergeist wird nicht belohnt. Bisher hat sich keiner die Mühe gemacht, nur eine Toilettenwand des neuen und modernen Institutsgebäudes zu beschriften.
Erst bei den Physikern und Chemiestudenten tauchen einige wenige Sprüche auf. Ist der Naturwissenschaftler mitteilungsfaul, unkreativ oder rundum sorgenfrei? Oder sind die Toiletten zu neu, als dass sie beschmiert werden könnten, und warten nur auf einen, der anfängt?
Fazit - Aufgeklärte Spielverderber
Das Ergebnis: Abgesehen davon, dass der Gang auf das stille Örtchen anscheinend nicht zu literarischer Höchstleistung anregt, muss man sagen, dass die "WC-Prosa" ein schwaches Bild des heutigen Studenten zeichnet. Auch die Unterschiede der einzelnen Fakultäten sind in Bezug auf die Klo-Kritzeleien uneindeutig.
Klos unter der Mensa: Jede Menge Papier und keine Parolen
Foto: FU BerlinÜber den modernen Studenten sagen Toilettengraffiti nicht mehr viel aus. Vollversammlungen und Demonstrationen sind schlecht besucht, studentische Gremien unbeliebt - und Kabinentüren oft unbefleckt.
Wenn es ihn gibt, dann ist der Student von heute aufgeklärt, Frau und Spielverderber. Marlies K. trägt Turnschuhe, eine Hose mit Löchern, ein Polohemd und einen Rucksack. Sie studiert Politik, Philosophie und Englisch.
Also, Marlies, warum wird auf dem Klo nicht mehr gedichtet? Ihre Stirn legt sich in Falten, dann sagt sie: "Man kann das ja alles nicht so verallgemeinern." Na bitte. Ein Spruch gemacht für eine Wand.