Tramp-Team Polen More Vodka!
Donnerstag, 3. Juni
"More Vodka." Oder: Wie man junge Journalistinnen vom Arbeiten abhält
Polen haben nicht nur einen anderen, bodenständigeren Humor als die Deutschen, sondern werden nicht ohne Grund auch als "Italiener des Ostens" bezeichnet. Warum? Wir wollten es wissen und bekamen einen exklusiven Einblick.
Kaum ist Steffen Möller, der deutsche Kabarettist, im Kellerkabarett Piwnica pod Harenda von der Bühne, treffen wir ihn an der Bar. Wir erzählen ihm kurz von unserer bisherigen Reise. "Von Oppeln an einem Tag nach Sokolka getrampt?" Möller ist erstaunt. Die Strecke ist 700 Kilometer lang und führt durch ganz Polen.
Unglaublich, findet er, und sagt es gleich mal dem netten jungen Herrn hinter der Theke weiter. Auch der muss lachen, und sofort bietet er uns den Klub als Platz für die Nacht an. Klasse, denken wir, und freuen uns darauf, zum ersten Mal in unserem Leben in einem Club schlafen zu dürfen. "Ja, die machen zwischen zwei und drei zu", meint Möller und schlägt vor, uns bis dahin noch Warschau anzuschauen.
Wir befolgen seinen Rat und hoffen, dass die frische Nachtluft unsere Müdigkeit vertreibt. Immerhin schaffen wir es bis zu einem Internetcafe und zurück. Dann ist es Mitternacht, wir gähnen wohlig beim Gedanken an den tollen Schlafplatz. In der Bar ist man immerhin schon bei der Abrechnung, kein Gast weit und breit. Wir hoffen, dass wir uns demnächst auf unsere Nachtlager legen können. Linda sucht sich eine versteckte, höhlenartige Ecke im Kabarettkeller, rollt die Isomatte auf dem Fußboden aus. Fertig. Antje, ohne Isomatte, polstert den Tisch mit allen verfügbaren Klamotten, Schlafsack drauf. Geht schon irgendwie.
Noch mal kurz an die Bar, den Jungs Gute Nacht sagen. Mittlerweile ist ihre Zahl auf drei gewachsen: Darek, David und Adam, alle um die 20. Schrubben Gläser, rechnen die Bestellungen ab, lachen und scherzen miteinander. Bald kommen Erik und Bogdan dazu, plus zwei Gläser. "You want a drink?", fragt uns David, der freundliche Barkeeper. Wir wollen ja nicht unhöflich sein, und so ein Gläschen zum Einschlafen kann ja nicht schaden.
Wir lernen, wie man in Polen trinkt: Frauen bekommen ein Glas mit Vodka und Saft gemischt, Männer trinken den Vodka pur und schütten den Saft hinterher. So, so. Das kalte Getränk tut gut und zeigt vor allem Wirkung, denn wirklich viel gegessen haben wir noch nicht. "More vodka!", ruft Darek alle fünf Minuten und schenkt nach. Wir trinken langsam, aber wohl nicht langsam genug. Unser Polnisch wird besser und besser: Das kleine Wörterbuch hilft, Linda übt sich in der Aussprache des Polnischen, liest seitenweise Wörter aus dem Buch vor.
1.30 Uhr. Wir merken schon, dass wir keine Chance haben, bald ins Bett zu kommen. Also verlangen wir Musik, und zwar polnische. Kurze Zeit darauf dröhnt Rockmusik aus den Boxen, die Jungs singen auf Polnisch mit. Linda liest weiter im Wörterbuch - sehsuchtsvolle Blicke zum Schlafplatz. "More vodka!", ruft Darek wieder.
2.30 Uhr. Irgendwer ist auf die Idee gekommen, dass wir vielleicht Hunger haben könnten. Adam arbeitet in der Küche und zaubert eine Platte nach der anderen heraus. Darauf Brot, Käse, Wurst, Champignons, Salat, Gurken, Tomaten und Marmelade. Das Essen tut gut, wir erzählen von unserer Nacht bei den Tataren. Die Jungs halten uns mittlerweile für verrückt.
3 Uhr. Die Augen fallen uns zu. "Sorry Jungs, wir können nicht mehr." Darek ruft wieder: "More vodka!" Linda legt sich auf ihre Matratze und schläft trotz lauter Musik sofort ein. Die fünf wollen sich mit einem signierten Club-Flyer bei uns bedanken für die Nacht. Linda interessiert das nicht, der Alkohol wiegt schwerer als der Abschied. Antje nimmt ihn dankend entgegen, doch auch bei ihr ist der Schlaf stärker.
Aber nur eine Stunde, dann wird die Musik zu laut, der Rauch zu stickig und überhaupt alles zu heiß. Außerdem hat sie noch ein Problem, ein recht großes. Auf ihrer Schlafstätte, genauer gesagt auf ihren Füßen, liegt auf einmal Eriks schwerer Kopf. Ein paar Tretversuche nach unten bleiben unbeachtet. Der Tisch ist aber zu kurz für zwei.
Die Alternative: Ein neues Nachtlager suchen. Das ist auch recht schnell gefunden. Ein saunaheißer Raum mit surrenden Kühlschränken am Ende des Ganges hinter der Bühne. Das Neonlicht blendet, der Rauch im Club dringt auch hier erbarmungslos in die Lungen ein, der Schweiß fließt aus allen Poren. Keine fünf Minuten später stapft Antje erneut müde an der Bar vorbei, an den erschöpften Jungs, über die Treppe nach oben. 4.30 Uhr am Morgen ein Staunen: Durch das milchige Deckenglas des Biergartens strahlt helles Tageslicht.
Die Bänke im Biergarten sind bequem, Vogelgezwitscher und Frischluft statt Keller. Die Idylle währt kurz: Linda muss Antje eine halbe Stunde später wecken, eine Putzfrau komme gleich, habe David gesagt, der mit geschultertem Rucksack am Tor wartet. Zu zweit schleppt sich Team Polen wieder nach unten, in den Keller, in die stickig-feuchte Schlafnische. Erik mit dem Kopf auf dem Tisch ist nach zehn Minuten wach zu bekommen, er steht auf, bemerkt seine Schuhe nicht, sackt auf einen Stuhl, dann auf den Boden. Linda ruft zweimal, Erik - nicht! Dennoch kommt er ihrer Matte in Fünf-Minuten-Abständen immer näher, bis Linda schließlich die Nase voll hat und ihn auf eine Bank in der Nähe legt. "Mann, ist der schwer..." Wir nicken sofort ein, bis uns die Kollegen aus Leipzig um Acht wecken.
Fazit: Linda drei Stunden Schlaf, Antje zwei Stunden. Für die ereignisreiche Nacht legen wir Adam, der auf einer der Zuschauerbänke schläft, noch eine mephisto 97.6-Musikkassette hin. Polen können feiern, und zwar lange. Länger als wir. Aber nur, wenn sie nicht schon wieder morgens arbeiten müssen...
Die Müdigkeit kommt am nächsten Tag. Wir sitzen im Auto, haben eine Direktverbindung namens Andrzej von Warschau nach Poznan erwischt. Eine durchgehende Autobahn gibt es hier nicht. Also heizen wir die einspurige Landstraße mit 140 km/h entlang. Andrzejs Überholmanöver halten uns wach. In Polen ist es normal, dass beim Überholen nicht der ausweicht, der gerade überholt, sondern das Auto auf der Gegenfahrbahn ohne zu bremsen auf den Standstreifen wechselt.