Türkischer Uni-Protestsong "Friss meinen Arsch!"
Istanbul - Subtil geht anders. "Ich ficke euer Prüfungssystem! ÖSYM - friss meinen Arsch!" Die türkische Band Deli Grubu macht ihrem Namen ("Gruppe der Verrückten", so die Übersetzung) alle Ehre: Sie ist in ihrem Song "Ö-SE-YE-ME" mehr als direkt. Die Beschimpfungen gelten der zentralen Vergabestelle für Studienplätze, der ÖSYM.
Wer nämlich an einer türkischen Hochschule studieren will, muss zuvor eine Prüfung der Behörde bestehen. Die findet nur einmal im Jahr statt und setzt die Jugendlichen unter enormen Druck.
Als Ventil fand Deli Grubu diese Verse:
Habe mich dieses Jahr angestrengt,
um mein Leben zu retten,
habe Tag und Nacht gelernt,
um die Prüfung zu bestehen,
und was hat sich jetzt geändert?
Meine Zukunft wurde ungewiss.
Ich sag euch was:
Ich ficke euer Prüfungssystem!
ÖSYM - friss meinen Arsch!
(Refrain der zweiten Strophe):
Die Prüfung soll euch im Arsch stecken bleiben
ÖSYM - friss meinen Arsch!
Mit den drastischen Worten hat die Band offenbar den Nerv vieler Jugendlicher getroffen. Der Song war über Nacht zum Hit geworden, ist mittlerweile im Internet weit verbreitet und hat auch auf Portalen wie YouTube Einzug gehalten.
Erst gelacht, dann geklagt
Doch den sieben Musikern von "Deli Grubu" hat der Protestsong jetzt eine Anklage wegen Beleidigung eingetragen. Mit dem an Schimpfwörtern reichen Lied habe die Band die Grenzen der Kunstfreiheit überschritten und die Behördenmitarbeiter der Vergabestelle für Studienplätze beleidigt, befand der Staatsanwalt in der Anklageschrift.
Auch er habe über den Song gelacht, sagte ÖSYM-Präsident Ünal Yarimagan. Dennoch habe er es als seine Pflicht angesehen, den Song unter dem Gesichtspunkt der Strafbarkeit prüfen zu lassen. Und so wurde die Staatsanwaltschaft in Ankara nach einer Anzeige der ÖSYM aktiv. Bei Verurteilung drohen den Bandmitgliedern laut türkischen Medienberichten Haftstrafen von bis zu eineinhalb Jahren.
An den türkischen Universitäten bewerben sich jährlich etwa 1,5 Millionen Jugendliche, nur jeder vierte besteht die verzwickten Aufnahmeprüfungen, auf die Bewerber sich monatelang an Privatschulen und mit Nachhilfeunterricht vorbereiten. Der Prüfungstag ist stets ein nationales Großereignis. Im letzten Jahr hatte der Student Sefa Boyar aus Protest gegen das Testverfahren versucht, einen neuen Rekord aufzustellen - er legte es darauf an, sämtliche 180 Fragen falsch zu beantworten.
may/dpa