Uni Aachen: Aufruhr im Baumhaus - DER SPIEGEL
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Uni Aachen Aufruhr im Baumhaus

Ein schmucker Neubau an der RWTH Aachen ist für einen internationalen Architekturpreis nominiert. Doch angeblich ist der experimentelle Stelzenbau nicht sicher genug, zudem fürchten Beamte lüsterne Studentenblicke unter die Röcke von Kommilitoninnen. Professoren und Studenten wehren sich gegen den Umbau.
Von Martin Herzog
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zweimal hat er sich bereits eine Erkältung eingefangen. Wenn Oliver Schumacher in die TH Aachen muss, zieht der Architektur-Student drei Pullover übereinander an, "sonst kann man in dem alten Reiffmuseum nicht arbeiten. Da zieht's durch alle Ritzen."

Hinter dem ehrwürdigen Fakultätsgebäude aus den sechziger Jahren steht der Reiff-Erweiterungsbau, beheizt, benutzbar, leer. Erst Ende Oktober wurde das Gebäude feierlich übergeben. Aber nun bleibt der gläserne, doppelstöckige Glasquader ungenutzt und soll demnächst umfassend renoviert werden, aus Gründen der Sicherheit und der Sittlichkeit: Metallblenden sind zu scharfkantig, Stahlwinkel könnten Quetschungen verursachen.

Erst genehmigt, dann geschlossen

Zudem strömen durch die Gitterroste im Boden des ersten Stocks nicht nur Licht nach unten und Luft nach oben - sie könnten auch Blicke lüsterner Studenten unter die kurzen Röcke der Kommilitoninnen provozieren. Das jedenfalls moniert das Amt für Arbeitsschutz, in Fragen von Anstand und Moral seit jeher eine Instanz.

Das unsittliche Treiben beenden soll eine Versiegelung durch Beton- oder Metallplatten. Das wiederum würde die Installation einer Belüftung notwendig machen, denn das Gitter ist vor allem als kostengünstige Klimaanlage gedacht.

Darauf reagieren die des Voyeurismus verdächtigten Studenten noch heiter. Doch die geplanten Änderungen an der Fassade treiben Professoren wie Studenten die Zornesröte ins Gesicht: Die bisherigen acht Fluchttüren auf den Längsseiten jeder Etage sollen zugunsten von zwei breiteren Türen an den Stirnseiten geschlossen werden - was im Brandfall den Fluchtweg im länglichen Bau vervielfacht, aber den Brandschutzparagraphen genügt. Zudem sollen Treppen an den Stirnseiten die Fluchtbalkone samt Wendeltreppen ersetzen. Doch gerade die machen den Neubau so markant.

"Dann ist das nicht mehr mein Haus"

"Eine Katastrophe ist das", schimpft Mirko Baum, Architekt des Stelzenbaus. "Die Fluchtwege gehören zum architektonischen Konzept. Die Feuerwehr hat das abgenommen und die Wendeltreppen sogar selbst vorgeschlagen. Jetzt soll das alles nicht mehr stimmen!" Im Falle eines Umbaus will der Professor für konstruktives Zeichnen mit dem Gebäude nichts mehr zu tun haben: "Dann ist das nicht mehr mein Haus."

1993 erhielt Mirko Baum den Auftrag für den Entwurf eines möglichst kostengünstigen Baus, der dem notorischen Raummangel an der Fakultät abhelfen sollte. Erfolgreich: Mit 4,8 Millionen Mark blieb das Baum-Haus ein Drittel unterhalb der üblichen Baukosten. Durch einen Umbau dürfte die Ersparnis zum großen Teil wieder ausgegeben werden. Wer den Umbau bezahlen soll, ist unklar.

Inzwischen beschäftigt der Streit um den Brandschutz die Düsseldorfer Ministerien: Das Wirtschaftsministerium, dem das Amt für Arbeitsschutz untersteht, will das Gebäude schließen. Dagegen beruft sich das Wissenschaftsministerium als Auftrag- und Geldgeber auf das abgeschlossene Genehmigungsverfahren.

Welchen Status der Bau momentan hat - offen oder geschlossen - ist nicht ganz klar. In einem Gespräch mit allen Beteiligten will man nun die Situation klären, doch die Fronten sind verhärtet.

Und draußen frieren die Studenten.

Mittlerweile ist der reduktionistisch entworfene Funktionsbau für den international renommierten Mies van der Rohe-Preis vorgeschlagen. Nach einem Umbau dürfte das Aachener Baumhaus als Kandidat ausfallen.