Uni-Aktmodell "Denk einfach, vor dir sitzt Blumenkohl"
Langsam öffne ich meinen Gürtel, ziehe die Jeans aus und lege sie zusammen. Es folgt mein T-Shirt, und auch Slip und BH falte ich, lege sie auf den Stuhl in der Ecke und streiche alles glatt. Ich schaue an mir runter, es gibt nichts mehr auszuziehen.
Die Uhr tickt. Ich krame einen lachsfarbenen Baumwoll-Schal aus der Tasche und wickle ihn mir eng um den Körper. "Denk einfach, vor dir sitzt Blumenkohl", hat eine Freundin mir geraten. Das werde ich tun. Sicherheitshalber beginne ich mir einzureden, ich sei eine Blumenvase. Oder eine Birne. Hauptsache ein Stillleben. Hauptsache kein Aktmodell.
Sonst sitze ich auf der anderen Seite, auf einem der 35 Stühle, die im Kreis um das Podest aufgebaut sind. Es steht in einem Atelier der Uni Münster und ist etwas größer als eine Matratze. Darauf räkelt sich jeden Montag drei Stunden lang viel nackte Haut, und die habe ich schon oft ungeniert mit meinen Augen abgetastet und aufs Papier gebracht. Jetzt ist das Podest noch leer.
Leise patschen meine Füße auf den grauen Steinboden und hinterlassen Schweißflecken, die langsam wieder verschwinden. Ich bin angekommen und steige auf das Podest. Leider keine Matratze, sondern hartes Holz. Darüber liegt wenigstens ein weiches, schwarzes Tuch. Meine Hände krallen sich in meinen Schal. Blumenvasen können nicht reden, trotzdem sage ich: "Ich fange mit einer Minute an." Später werden Posen für drei, fünf, sieben und zehn Minuten folgen.
Ich versuche, meinen Körper zu verlassen
Ich lasse den Schal auf den Boden plumpsen, knicke die Hüfte nach rechts, stemme die Hand in die Seite und versuche, lässig zu wirken. Ich bin aber total verkrampft, atme flach und würde am liebsten die Augen zusammenpressen. Stattdessen klammere ich mich an den Sekundenzeiger in meinem Wecker, der links vor mir auf dem Podest steht. Wenn ich nur den kleinen Zeiger anschieben könnte... Drei Stunden vorwärts. Es geht nicht. Ich versuche, meinen Körper zu verlassen und mich auf einen der Stühle zu setzen. Ich stelle mir vor, wie ich mich beobachten und zeichnen würde. Das geht und beruhigt mich ein wenig.
Endlich. 58. 59. 60. Nächste Pose. Wieder starre ich auf meinen Wecker, als wäre er ein Fernseher. Wieder kriecht der Zeiger vorwärts, dafür läuft jetzt meine Nase. Zu dumm. 58. 59. 60. Ich lege mich auf den Rücken, dann brauche ich kein Taschentuch. Ich verschränke die Arme hinter meinem Kopf, drehe den Kopf zur rechten Seite, schaue auf meine rasierten Achseln und rieche Schweiß. Helen aus Charlotte Roches Roman "Feuchtgebiete" mag Schweiß. Er ist ihr lieber als Chemie. Ich würde jetzt aber lieber mein Parfum riechen.
58. 59. 60. Ich drehe mich auf den Bauch und stütze den Kopf in die Hände. Ich traue mich nicht, jemandem in die Augen zu schauen. Stattdessen sehe ich Schuhe. Weiße Basketballschuhe von Nike. Blaue Birkenstocksandalen mit blauen Socken. Schwarze Flip-Flops mit Perlen.
Die Brüste hängen wie Säcke - ein Riesenschreck
Und ich sehe ein Bild, das ein Mann mit kariertem Hemd und grauen Haaren schräg auf seinem Schoß liegen hat. Ich bekomme einen Riesenschreck. Diese Frau auf dem Bild bin nicht ich! Die Hüftknochen ragen aus dem Körper wie zwei zackige Felsen, die Brüste hängen wie zwei schwere Säcke, der Bauch sieht aus wie ein schlaffer Luftballon.
Ich drehe mich wieder auf den Rücken und starre an die Decke. Die Neonröhren piepen leise - ein bisschen ist das wie Tinnitus. Ich denke an diese Träume: Ich habe vergessen, mir etwas anzuziehen, und stehe nackt auf einem großen Platz voller Menschen. So ist es nicht, wenn ich hier auf dem Podest liege. Hier wäre ich angezogen deplatziert.
58. 59. 60. Der große Zeiger landet auf der Zwölf, der kleine auf der Zehn. Endlich darf ich das Podest verlassen. Ich wickle mir meinen Schal um den Körper, flitze die fünf Meter zur Kabine. Jetzt - außerhalb des Podestes - fühlt es sich doch ein bisschen an wie in den Träumen. Mein Kopf ist knallrot, meine Beine sind schwer, und meine linke Schulter schmerzt.
60 Euro Lohn trösten nur wenig. Aber ich weiß jetzt schon, was ich mir davon kaufen werde: was zum Anziehen.
Anmerkung der Redaktion: Der Name der Autorin wurde geändert.