Uni Bolognese Mehr Kälte im Studium
Studenten- und Schülerdemo (Frankfurt im Juli 2009): Mit der Gesamtsituation unzufrieden
Foto: Boris Roessler/ picture-alliance/ dpaWas sind das nur für Menschen, diese Bachelor-Studenten? Nur Opfer einer ausufernden Bildungsbürokratie, die in ihrer 50-Stunden-Woche von Prüfung zu Prüfung hetzen und die Idee der Bologna-Reform in Bausch und Bogen ablehnen? Ganz so ist es nicht, belegt nun eine Studie im Auftrag des Bundesbildungsministeriums. Untersucht wurde, wie es den Studenten in den neuen Studiengängen ergeht, was ihnen Sorgen bereitet und was sie grundsätzlich von der Idee der Studienreform halten.
Das Ergebnis: Bachelor-Studenten sind heute leistungsorientierter als frühere Studentengenerationen. Zugleich fühlen sie sich aber mehr gestresst und sind vom Studienbeginn an in Sorge, nicht für das weiterführende Masterstudium zugelassen zu werden. Auch kann sich jeder vierte Bachelor-Student vorstellen, sein Studium unterwegs abzubrechen.
Die umfangreiche Untersuchung zu Erfahrungen von Bachelor-Studenten besteht größtenteils aus dem 10. Studierendensurvey der Arbeitsgruppe Hochschulforschung an der Uni Konstanz um den Wissenschaftler Tino Bargel. Die Konstanzer Forscher werteten dazu rund 8.300 Datensätze von Studenten aus dem Wintersemester 2006/2007 aus und ergänzten die Daten mit Ergebnissen aus weiteren Erhebungen.
Bachelor-Studenten machen sich den Druck teilweise selbst
Wie die Studie zeigt, unterstützen 80 Prozent der Bachelor-Studenten grundsätzlich die Ziele des "Bologna-Prozesses" mit den aufeinander aufbauenden Bachelor- und Masterabschlüssen. Denn in der Theorie klingen die Ziele der 1999 beschlossenen Reform ja positiv und ehrenwert: Studiengänge sollen internationaler ausgerichtet sein, Auslandsaufenthalte erleichtert und die Vergleichbarkeit von Ausbildungsstandards gefördert werden.
Soweit die Theorie. An der Umsetzung der Ziele haben die Studenten allerdings einiges auszusetzen. Die Studie ergab heftige Klagen über organisatorische Mängel sowie über die inhaltliche Umsetzung der Studienreform durch die Universitäten.
Bargel sagte, die meisten jungen Menschen wollten heute effektiv studieren und auch einen schnellen Abschluss machen. Bachelor-Studenten seien besonders überzeugt, dass eine gute Abschlussnote und ein schneller Abschluss ihre beruflichen Chancen steigern kann - und zwar "deutlich mehr als die Diplom-Studenten", die im alten System studieren. Allerdings werde die Anpassung an die verkürzt Studiendauer im Bachelor "weniger durch eine innere Überzeugung getragen, sondern häufig als eine pflichtgemäße Erfüllung oder als erzwungene Anforderung erlebt". Anders ausgedrückt: Die Studenten sehen flottes Studieren als zweckmäßig an, wollen zwar nicht wirklich - aber tun es trotzdem.
Kaum mehr Arbeitsstunden pro Woche als im Diplom
Das Gros der Studenten im Bachelor empfindet ihr Studium als geregelt und durch Vorgaben festgelegt. Es mangele jedoch an einer guten Gliederung und vor allem an klaren Prüfungsanforderungen. Die Folge: Die Studenten sehen das Studium stark reguliert, über die Hälfte klagt aber trotzdem über "einige" oder "größere" Probleme bei der Studienplanung.
Dass Lehrinhalte in Modulen unterrichtet werden, stört ebenfalls etwa die Hälfte der Befragten; 46 Prozent gaben an, sie hätten "einige" beziehungsweise "größere" Schwierigkeiten mit der Modularisierung. Das Punktesystem, nach dem alle Veranstaltungen und Leistungen mit ECTS-Creditpunkten bewertet werden, beurteilen die Studenten hingegen positiv.
Überraschende Erkenntnis: Das Studium der neuen Art verschlingt statistisch nicht mehr Zeit als ein klassischer Diplomstudiengang. Mit etwas über 35 Stunden pro Woche bestünden keine nennenswerten Unterschied zum früheren Studentenleben, heißt es in der Untersuchung. Allerdings habe der Aufwand für den Besuch von Lehrveranstaltungen zugenommen, der für das Selbststudium dagegen abgenommen.
Jammern die Studenten etwa grundlos über Stress im Bachelor? Nein, schreibt Tino Bargel und reiht dann prägnant die Konstruktionsfehler des Bachelor-Studiums aneinander: Der "oft geäußerte Eindruck von Überforderung und Hetze" entstehe demnach durch eine Fülle von Regeln, mehr Verpflichtungen, Anwesenheitspflicht, zu viele Prüfungen, zu wenig Transparenz, unzureichende Gliederung, überladene Module, mangelnde Rückmeldung für die Studenten und zu wenig Flexibilität.
Der Spaß am Studentenleben bleibt auf der Strecke
Die Konfusion, in die viele Studenten die Bachelor-Bürokratie an ihren Hochschulen stürzt, hat immerhin einen schönen Nebeneffekt: Die Studenten rücken enger zusammen. Kontakte zwischen den Studenten hätten sich intensiviert, die Kontaktdichte liege höher als bei Diplomstudenten und habe bei Bachelor-Studenten an den Unis inzwischen Fachhochschulniveau erreicht, so die Studie. Vier von fünf Studenten sind mit den Kontakten untereinander zufrieden.
Dazu passt, dass sich die Lehrenden offenbar nur ungenügend um ihre Studenten kümmern. Jeder Fünfte gab an, überhaupt keinen Kontakt zu den Lehrenden zu haben, beinahe die Hälfte gab an, selten persönlich mit ihre Dozenten zu tun zu haben. Dagegen sagten nur sieben Prozent, sie hätten unmittelbaren Zugang zu den Lehrenden. Bildungsstaatssekretär Thomas Rachel (CDU) nannte den Befund "erschreckend".
Hochschulforscher Bargel sagte, zu wenig Betreuung sei kein Phänomen des Bachelor-Studiums, sondern der Massenhochschule. Ähnliche Kritik gebe es auch aus Diplom-Studiengängen. Bargel sagte weiter, die Studenten empfänden "mehr Kälte" im Studium; sie hätten nicht mehr so großen Spaß am Studentenleben und am Erkenntnisgewinn wie die Generationen vor ihnen.
Die Übertragung des Studenten-Auswahlrechts für die weiterführenden Master-Studiengänge an die Hochschulen hat laut Bargel bei vielen Studenten zu einem Klima der Verunsicherung geführt: "Der Weg ins Masterstudium erscheint vielen als nicht steuerbar." Sie befürchten Ungerechtigkeiten und soziale Selektion. Gleichwohl ist die Sorge vieler Studenten, allein mit dem Bachelor-Abschluss keinen guten Arbeitsplatz zu finden, im Vergleich zu früheren Untersuchungen leicht rückläufig.
Ralf Dobischat, Präsident des Deutsche Studentenwerkes, erinnerte an die teils wilden Studentenproteste im Wintersemester und sagte, sie seien berechtigt gewesen. Es gebe weiter "Verbesserungsbedarf" bei den Modulen und Prüfungsanforderungen. Außerdem müssten sich Professoren den Studenten öfter zeigen und die "Distanz überwinden".