Uni-Zwangsfusion: Bedingt paarungsbereit - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Uni-Zwangsfusion Bedingt paarungsbereit

Die Rektoren in Essen und Duisburg bangen um ihre Jobs. Die NRW-Landesregierung hat, bundesweit einmalig, beschlossen, dass die beiden Universitäten fusionieren müssen. Aber die wollen nicht so recht - jedenfalls nicht "um jeden Preis".
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für die rot-grüne Landesregierung ist die Sache klar: Die Universitäten in Essen und Duisburg müssen fusionieren, auch wenn sie sich noch so heftig wehren. Am Mittwoch hat das Kabinett in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause einen Gesetzentwurf beschlossen, der in den nächsten Monaten beschlossen und zum 1. Januar 2003 umgesetzt werden soll. Nach dem Willen der Regierung werden beide Hochschulen zu einer "neuen leistungsfähigen Universität zusammengeführt, die sich im internationalen Wettbewerb behaupten kann".

Beide Universitäten sehen das etwas anders - sie befürchten, sich nicht einmal im nordrhein-westfälischen Wettbewerb behaupten zu können. Am Mittwoch übten sie heftige Kritik am Wissenschaftsministerium. Das Gesetz müsse dringend nachgebessert werden, meint der Duisburger Rektor Ingo Wolff. Und sein Essener Kollege Karl-Heinz Jöckel polterte: "Die Landesregierung kombiniert ein von den beiden Hochschulen einhellig so nicht gewolltes Gesetz mit dem finanziellen Unvermögen, die Fusion tatsächlich auch möglich zu machen."

Derweil pries Bildungsministerin Gabriele Behler (SPD) die Elefantenhochzeit in den höchten Tönen: "Sie eröffnet den Standorten die einmalige Chance, durch Synergie-Effekte beispielsweise bei der Verwaltung neue wissenschaftliche Schwerpunkte zu setzen und auszubauen. Für das Ruhrgebiet bedeutet dies einen auch über den Hochschulraum hinaus wichtigen Innovationsschub und Rückenwind für die noch immer schwierigen Aufgaben des Strukturwandels."

Den "Profilgewinn", von dem Behler schwärmt, sehen die Hochschulen mit gemischten Gefühlen. Beide werden Federn lassen müssen und in einzelnen Fachbereichen abspecken oder sie ganz auflösen müssen. Und zugleich befürchten sie, dass sowohl für den Fusionsprozess als auch anschließend für die Arbeit an der vereinigten Großuniversität nicht genügend Geld zur Verfügung steht.

Vor allem aber passt den Rektoraten die Absicht Behlers nicht, der fusionierten Uni für die Gründungsphase eine "Führungspersönlichkeit von außen als neutrales und ausgleichendes Element" zu verpassen - als Dienstvorgesetzter des gesamten Hochschulpersonals. Duisburgs Rektor Wolff hält die neue Leitungsstruktur für "nicht praktikabel", und Karl-Heinz Jöckel aus Essen zürnt ebenso: "Wir brauchen und wollen auch in der Gründungsphase keinen verlängerten Arm des Wissenschaftsministeriums."

Unterdessen ahnt Bildungsministerin Behler offenbar, dass sich die Professoren der beiden Hochschulen auch nach der "Fusion um jeden Preis", so Jöckel, heftig befehden könnten. Schließlich waren sie sich schon in der Vergangenheit nicht grün.

Im Zuge der Vor-Fusions-Panik kam es in Essen sogar zu einer veritablen Palastrevolte: Bereits im Dezember hatte der Senat die Rektorin Ursula Boos-Nünning, noch keine zwei Jahre im Amt, mit einer Aufforderung zum Rücktritt abgewatscht. Nach einem konstruktiven Misstrauensvotum im Mai musste sie schließlich gehen, weil sie nach Ansicht vieler Senatsmitglieder allzu kompomissbereit über die Vereinigungsmodalitäten verhandelte hatte.

Von Jochen Leffers