Web meets TV: Sandmännchen am Wasserloch - DER SPIEGEL
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Web meets TV Sandmännchen am Wasserloch

Der erste Film war ein Studienprojekt: 120 Minuten Fernsehen mit Bildern von über 1000 Webcams. Jetzt ist die FH Mainz voll im Geschäft - ab 7. Dezember füllt das ZDF sein Nachtprogramm mit den "Webcamnights". Und wenn die Zuschauer dabei einschlafen, sind die Macher gar nicht böse.
Von Carsten Heckmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Andreas liebste Webcam steht in der Wüste Südafrikas. Mitten in der Wüste, an einem Wasserloch. Im Minutentakt werden die Bilder aktualisiert, aber leider kommen die Tiere nicht im Minutentakt. "Natürlich kann ich nicht ewig auf die Leoparden warten", klagt Andrea.

Natürlich nicht. Schließlich sind noch die Bilder anderer Kameras zu betrachten, die im Internet übertragen werden - über 1000 anderer Kameras. Andrea Lang, Mediendesign-Studentin an der Fachhochschule Mainz (FH), ist eine von vier Enthusiasten, die dort am Projekt "Webcamnights" mitarbeiten.

Das Projekt ist eine Auftragsarbeit für das ZDF. Der Sender will ab 7. Dezember aneinandergereihte Webcam-Bilder ausstrahlen, im Nachtprogramm zwischen Sendeschluss und Frühstücksfernsehen. "Was zum Abschalten" soll's werden, sagt FH-Projektleiter Uli Kern, mit "Postkartenwert" und ruhiger Musik dazu. Verschieden lange Sequenzen werden es sein, mit vielen Sehenswürdigkeiten als Motiven. Eine Stunde ist schon fertig.

In 120 Minuten durch die Zeitzonen

Die Zuschauer werden einiges zu sehen bekommen, von der Frankfurter Skyline bis zu der von Karachi, von den Niagara-Fällen bis zum Vulkan Popocatepetl. Optisch möglichst reizvoll, aber nicht zu sehr, denn: "Unser Ziel ist ja, dass die Leute dabei einschlafen", stellt Andrea Lang klar. Das Sandmännchen bekommt Konkurrenz.

Und dafür so viel Aufwand. Bis zu zehn Stunden am Tag sind Andrea und ihre drei Mitstreiter auf Bildersuche, sortieren Gesehenes, befragen Webcam-Betreiber, klären Bildrechte. Die 24-Jährige ist dabei die einzige Studentin und macht das zum ersten Mal. Die anderen sind inzwischen diplomierte Designer und machen das zum zweiten Mal.





Das Resultat des Vorgänger-Projekts ist 120 Minuten lang: ein Fernsehfilm, eine Premiere, ausgestrahlt im März im ZDF und online noch zu sehen. Zudem wurde der Film auf der Internationalen Funkausstellung mit dem "Digiglobe" ausgezeichnet.

Die Filmcollage ist gespickt mit ungewöhnlichen Webcam-Ansichten, Zeitraffer-Bildern auch von Kameras, die nur ein Bild pro Stunde senden, wenn überhaupt. Dazu sind Interviews mit Webcam-Betreibern zu sehen, zwischendrin Ansagen eines Moderators. Das Ganze ist angelegt als Reise durch die Zeitzonen, "mit einem richtigen Spannungsbogen", wie Uli Kern betont.

Für Kern ist aus dem Studienprojekt vom letzten Jahr ein richtiger Beruf geworden, so wie aus dem Experiment ein Film. Jetzt ist er angestellt am Mainzer FH-Institut für Mediengestaltung und Medientechnologie. Und er scheint sich auch berufen zu fühlen.

"Webcam-Bilder haben eigene Ästhetik"

"Mit Webcam-Bildern kann man etwas Eigenes schaffen", sagt Kern. "Sie haben eine eigene Ästhetik, wenn auch nicht so eine gute Qualität wie TV-Bilder." Zudem könne man die aus dem Web gezogenen Ansichten in ein anderes Medium und gleichzeitig in einen anderen zeitlichen Zusammenhang bringen.

"Wenn wir im Zeitraffer einen Schatten die Klagemauer entlangwandern lassen, dann hat das ein Betrachter des Webcam-Bildes der Mauer so nie gesehen. Er sieht ja eine Momentaufnahme", erläutert der Designer. Er zählte im März 2000 zu denen, die die Idee zu dem Webweltfilm hatten. Dann kam ein Kontakt zu einem 3-Sat-Redakteur zustande, und die Erfolgsgeschichte begann.

Eine Geschichte von inzwischen über einem Jahr Cam-Gucken, bis die Augen schmerzen, aber auch von skurrilen Entdeckungen: Wer hätte gedacht, dass eine schwedische Familie Ansichten aus ihrem Kühlschrank ins Netz stellt. Oder ein Sheriff in Arizona Bilder von seinen Gefängniszellen.

Ab und zu kann man auch selbst noch zum Kameramann werden, die Webcam schwenken und Gegenstände oder Personen heranzoomen. "Solche Cams sind auch sehr spannend", sagt Andrea Lang. "Obwohl ich es persönlich unangenehm fände, so beobachtet zu werden."

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