WIE GEHT'S? - DER SPIEGEL
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WIE GEHT'S?

Caroline Grosskopf, 30, studierte Modedesign in Berlin, Maastricht und Hamburg und legte am 17. April ihre Diplomprüfung an der Fachhochschule Hamburg im Fachbereich Gestaltung ab.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frage: "Wie geht's?"

Caroline: "Wunderbar, perfekt!! Heute ist bei mir ein ganz toller Film abgelaufen. Ich bin aufgewacht und hab gedacht: Hua, gleich hab ich meine mündliche Prüfung. Ich war voll aufgeregt. Und jetzt? Einfach alles vorbei! Ein irres Gefühl!"

"Und, hast du bestanden?"

"Ja, sogar mit 'sehr gut'. Das ist super gelaufen."

"Herzlichen Glückwunsch! Was musstest du machen?"

"Meine schriftliche Diplomarbeit hab ich schon im Januar abgegeben. Heute musste ich meine Kollektion und mein Konzept präsentieren."

"Jetzt bist du diplomierte Modedesignerin und stolz?"

"Ja schon, aber ich wollte auch was ganz, ganz Tolles machen. Dazu gehört eine virtuelle Modenschau. Das war ein Projekt meiner Professorin Jacqueline Otten, die inzwischen an der Bauhaus-Uni in Weimar lehrt. Zusammen mit Studenten der Medienwissenschaften von dort haben wir eine Performance mit viel Video-Animation und Projektionen in einer Tiefgarage gestaltet, ohne normalen Catwalk. Das war irre gut."

"Was war dein Diplomthema?"

"Die Zeit. Sie umgibt den Menschen. Dabei gibt es kein spezielles Wahrnehmungsorgan dafür, aber trotzdem fühlen wir die Zeit. Und richten uns nach ihr durch die Uhrzeit. Und dann haben wir noch die Eigenzeit: In der persönlichen Wahrnehmung wird da eine Minute zu einer Stunde oder eine Stunde zu Minuten. Das will ich in meiner Kleidung ausdrücken."

"In deiner Kollektion dominiert die Farbe Grau, kombiniert mit Rot, Blau und Gelb."

"Ja. Grau steht für die Uhrzeit, ist nüchtern, zurückgenommen. Farben stehen für die Eigenzeit. Rot bedeutet Dynamik und die Gratwanderung zwischen Liebe und Hass. Blau symbolisiert Harmonie, und Gelb ... was war das noch? Weiß ich jetzt gar nicht mehr. Was hab ich da noch geschrieben? Das ist wie weggeblasen."

"Macht doch nichts. Die Prüfung ist vorbei!"

"Ja, das Thema ist abgeschlossen, und jetzt hab ich Eigenzeit! Prost!"

"Und wie geht's weiter?"

"Ich möchte mich selbständig machen. Aber das muss finanziert werden ..."

"Wie willst du das machen?"

"Ich hab vor dem Studium eine Schneiderlehre gemacht. Ich möchte für Privatkunden nähen, auch für Firmen entwerfen oder im Grafikbereich frei arbeiten. Die Kür aber ist meine eigene Kollektion. Dafür muss ich Zeit haben, da will ich keine faulen Kompromisse machen müssen."

"Hast du schon Kontakte in der Branche?"

"Einige schon. Die sind ungeheuer wichtig. Bei der Modenschau zu meiner Fachprüfung zum Beispiel war Sibilla Pavenstedt Schirmherrin, und Jenny Elvers hatte meine Kleider an. Da muss ich jetzt mal nachhaken und signalisieren: Hey, ich bin fertig. Habt ihr nen Job?"

"Keine Panik, dass es nicht klappt?"

"Nee. Eigentlich gar nicht. Ich bin vor kurzem 30 geworden. Das ist schon ein besonderes Datum. Alle sagen, man ist gesetzter, hat seinen Beruf, ist gradliniger." "Ja, der Ernst des Lebens ..."

"Ich meine das gar nicht negativ. Ich bin tatsächlich ruhiger geworden. In den Jahren vorher habe ich in Wien, Berlin und Maastricht gelebt, bin über ein Dutzend Mal umgezogen. In Hamburg hab ich jetzt das Gefühl, hier ist es gerade richtig."

"Und mit 30 weißt du klarer, was du willst?"

"Vor allem, was ich nicht will!"

"Zum Beispiel?"

"Nicht mehr kellnern. Damit hab ich mein Studium finanziert."

"Und sonst?"

"In letzter Zeit ist irre viel passiert: Trennung von meinem Freund, Renovierung und Umzug in meine neue, eigene Wohnung ­ alles kurz vor der Prüfung! Trotzdem war das okay, und jetzt hab ich das Gefühl, mir steht die Welt offen, jetzt kann ich loslegen!"

Aufgezeichnet von: Gudrun Patricia Pott