WIE GEHT'S?
Frage: "Wie geht's?"
Karin: "Jot,
wie man im Rheinland sagt. Mein Chef ist gerade nach Hause in seinen Wahlkreis nach Ebersberg bei München geflogen - dann wird's hier im Büro immer ein bisschen ruhiger."
"Was hast du heute gemacht?"
"Wir haben an seinem Rechenschaftsbericht gefeilt, den er morgen als Kreisvorsitzender vorlegen muss. Heute Abend hat er noch eine Veranstaltung mit Spediteuren. Dafür musste ich mich mit der Ökosteuer und der Schwerlastenabgabe beschäftigen. Und gestern war die Milchquote mein Thema."
"Musst du auch so lästige Dinge machen wie Kopien ziehen?"
"Das gehört dazu, klar. Häufig muss ich auch Bürgeranfragen beantworten."
"Zum Beispiel?"
"Na, wenn einer schreibt, dass ihn das 630-Mark-Gesetz nervt, muss ich begründen, warum das alles doch ganz prima und gerecht ist."
"Politik hautnah?"
"Würd ich schon sagen. Neulich hat mich der Ewald zu einer Reise in seinen Wahlkreis mitgenommen. Dort kenne ich jetzt jeden Genossen - so viele gibt's ja nicht in Oberbayern!"
"Dein Job hat also was mit deinem Politikstudium zu tun?"
"Klar. Du weißt immer, was gerade läuft, du lernst das politische Geschäft kennen. Außerdem hat man Zugriff auf Informationen, die man als Normalstudent nicht bekommt."
"Gehen etwa 'geheime Verschlusssachen' über deinen Tisch?"
"Also, den Haushalt kenne ich natürlich, bevor er publik wird."
"Wie kriegst du Job und Studium unter einen Hut?"
"Ich arbeite 20 Stunden in der Woche, mittwochs bis freitags. Montags und dienstags bin ich komplett an der Uni, und Mittwoch- und Donnerstagabend hab ich nach dem Jobben jeweils noch ein Seminar. Man darf seine Referatstermine eben nicht unbedingt in die Sitzungswochen legen."
"Was für Seminare machst du so?"
"Zum Beispiel eines bei der Justizministerin Herta Däubler-Gmelin zur Grundrecht-Charta. Das ist zwar montags morgens um 8.30 Uhr, aber echt spannend."
"Wieso wolltest du Politik studieren?"
"Mein Vater war immer politisch aktiv - er ist Ehrenamtlicher Bürgermeister in der kleinen Gemeinde Burbach in der Eifel. Da wird man automatisch mit eingebunden. Seine Partei - die CDU - ist aber nicht meine! Ich würde auch nie für einen CDUler arbeiten."
"Habt ihr euch oft gezofft wegen der Politik?"
"Ein bisschen schon. Aber wir streiten nicht bösartig. Ich sag dann immer: Papa, du hast dich in der Partei geirrt."
"Aber er hat dich in die Politik gebracht."
"Ja. Wenn man sieht, dass man etwas bewegen kann, das ist schon toll. Neulich hatten wir im Büro einen Fall, da sollte jemand abgeschoben werden. Wir haben viele, viele Briefe geschrieben - und der Mensch konnte hier bleiben."
"Verdienst du mit deinem Job genug?"
"Ich kann mich nicht beklagen, mit rund 1500 Mark netto komme ich gut über die Runden."
"Was hältst du von 1000 Mark Grundgehalt für jeden Studi?"
"In die Richtung hat noch keiner eine Bürgeranfrage gestellt! Aber im Ernst: Prinzipiell wäre ich schon dafür, dass Studenten eine bessere finanzielle Absicherung haben. Beim Bafög kommen ja viel zu wenige zum Zug."
Aufgezeichnet von: Ulla Hanselmann