Wissenschaft in den Siebzigern: Interview mit Manfred G. Schmidt - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Debatte um Lammerts Doktorarbeit "Fußnoten und Zitate mussten auch damals stimmen"

Waren die Regeln der Wissenschaft in den siebziger Jahren laxer, als Norbert Lammert promovierte? Nein, die wissenschaftlichen Standards galten damals wie heute, sagt der renommierte Politologe Manfred G. Schmidt.
Studenten in Aachen, 1978: Zettelkästen statt digitale Suche in der Bibliothek
Studenten in Aachen, 1978: Zettelkästen statt digitale Suche in der Bibliothek

Studenten in Aachen, 1978: Zettelkästen statt digitale Suche in der Bibliothek

Foto: imago
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Schmidt, Sie haben 1975 zur selben Zeit wie Norbert Lammert im Fach Politikwissenschaft promoviert. Heute wirft ein anonymer Plagiatsjäger dem Bundestagspräsidenten wissenschaftliches Fehlverhalten vor. Erinnern Sie sich noch an Ihre Dissertation?

Schmidt: Ich erinnere mich recht gut. Ich habe die Arbeit mit der Schreibmaschine geschrieben, das Material wurde mit Karteikarten und Zettelkästen verwaltet, eine uralte Angelegenheit.

SPIEGEL ONLINE: Hat man zu dieser Zeit alle Bücher und Aufsätze bekommen, die man für die Arbeit brauchte?

Schmidt: Die Lage war völlig anders als heute. Es gab entweder Präsenzbibliotheken mit direktem Zugang zu allen Büchern oder Bibliotheken, die den Großteil ihrer Bestände in Archiven lagerten und nur auf Bestellung lieferten, oft erst am nächsten Tag. Informationsbeschaffung war umständlich und erforderte erheblich mehr Zeit und viel größeren Aufwand als heute. Man kam zwar letztlich an alle Bücher und sonstigen gedruckten Quellen ran, musste aber eben oft warten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielten wissenschaftliche Standards?

Schmidt: Dass Fußnoten und Zitate korrekt sein mussten, war selbstverständlich. Gar keine Frage. Darüber wurde auch nicht weiter diskutiert, das waren eben die Spielregeln. An den Universitäten Heidelberg und Tübingen, die ich besuchte, war es völlig klar, dass man sorgfältig mit dem Material umgeht und die Regeln sauberen wissenschaftlichen Arbeitens einhält.

SPIEGEL ONLINE: Aber daran haben sich doch nicht alle gehalten, oder? Von einigen Lehrstühlen ist bekannt, dass Politikwissenschaft in den Siebzigern manchmal mit Wissenschaft wenig zu tun hatte. Es wurden sogar Arbeiten ohne Literaturverzeichnis abgegeben - und angenommen.

Schmidt: Natürlich gab es Unterschiede je nach Betreuer und wohl auch je nach Universität. Manche waren stark vom antiautoritären Habitus getrieben und haben deshalb absichtlich die Standards missachtet. Ich erinnere mich an einen Kollegen, ein Linksaußen unter den Professoren, der sich damit brüstete, dass er in mündlichen Prüfungen die Fragen an die Prüflinge meist selbst beantwortete. Ja, schwarze Schafe gab es überall. Aber das war nicht der Normalfall.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich die Ansprüche im Fach Politikwissenschaft seit Anfang der siebziger Jahre verändert?

Schmidt: Nein, die formalen Ansprüche nicht. Inhaltlich wird aber bei den Promotionen heute meist sogar mehr erwartet als früher. Allerdings sind die Produktionsbedingungen mittlerweile auch ganz anders. Riesige Mengen an Daten und Texten sind digital zugänglich. Die Versuchung mag größer geworden sein, zu plagiieren. Gleichzeitig sind aber auch die Möglichkeiten besser geworden, Plagiate aufzudecken. Was sich aber nicht geändert hat, sind die wissenschaftlichen Standards. Da sehe ich mehr Kontinuität als Wandel. Ähnlich wie im Fußball: Die Spielregeln haben sich über Jahrzehnte so gut wie nicht verändert.

Das Interview führte Lena Greiner


NEUE REGELN: UNIS SOLLEN ANONYME HINWEISE IGNORIEREN

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat neue Empfehlungen zur "guten wissenschaftlichen Praxis" verabschiedet: Anonymen Hinweisen auf Plagiate sollen Prüfer an den Unis demnach grundsätzlich nicht mehr nachgehen. mehr...