Wlada entdeckt Russland: Schwitzen in Sibirien
Wlada in Russland Einmal auspeitschen, bitte
Tante Nadja hält, was sie verspricht: Unter den Plastikborsten ihrer Motschalka schwinden alle Krankheiten und Sorgen, der Dreck einer einmonatigen Reise, alle Pickelchen und Hautmacken. Leider aber auch die obere Epidermis. So muss sich eine Teflonpfanne fühlen, die mit Stahlwolle abgeschrubbt wird.
"Wer schön sein will, muss leiden", sagt Tante Nadja und fängt mich mit der langen Motschalka ein - einem länglichen Schwamm mit zwei Schlaufen für die Hände. Jetzt stehen wir Nase an Nase unter der Dusche. Ich kann weder vor noch zurück: Sie hat mich quasi an ihren Bauch geschnallt. Immer wieder ratscht es von links nach rechts über meinen Rücken, als würde Tante Nadja mich in der Mitte durchsägen.
Ich bin im sibirischen Tomsk und zum ersten Mal in einer öffentlichen Banja. Zuvor dachte ich: Schwitzen ist kulturübergreifend gleich. Und doch liegen Welten zwischen der russischen Banja und der finnischen Sauna, die meist in Deutschland benutzt wird. Dabei unterscheiden sich die beiden äußerlich kaum voneinander - bloß dass in der slawischen Variante Männer und Frauen eher unter sich und in nassem Dampf schwitzen.
Allerdings unterscheidet sich die Motivation der Besucher: Die deutsche Sauna stärkt die Abwehrkräfte und verbessert das Hautbild. Die russische Banja auch - aber das ist nur Nebenwirkung. Hauptsächlich dient sie als Kulisse, in der man Seelen ausschüttet und sogar Geschäftsgespräche führt. In Deutschland schmort jeder still im eigenen Saft. Die Banja schweißt Freund wie Feind zusammen - und wie ich jetzt weiß, auch gänzlich Unbekannte.
Mit Captain Hook in der Banja
Eine halbe Stunde vorher beobachtet eine dralle Frau mit dem Gesicht einer gealterten Porzellanpuppe, wie ich die Vorhalle der Banja mit dem Fotoapparat dokumentiere: die Bierflaschen, die Besucher zur zusätzlichen Entspannung kaufen können. Die lustigen Frottee-Babydolls und natürlich die Banja-Feger, also getrocknete Äste. Die Russen weichen sie im Wasser ein, um sich damit in der Banja auszupeitschen. "Paparazzi?", fragt mich die Frau.
Sie stellt sich als Nadeschda vor, ich soll sie aber Tante Nadja nennen, das täten alle. Als ich klein war, waren fast alle Erwachsenen, Tanten, Onkels, Opas und Omas. Nur Lehrerinnen musste ich mit Vornamen und Vatersnamen ansprechen. Einen Nachnamen hatten für mich früher nur Popstars und der Präsident.
Früher arbeitete Tante Nadja als Krankenschwester. Als Rentnerin hat sie nicht viel Geld, einen Banja-Besuch leiste sie sich trotzdem einmal die Woche. Das erzählt sie mir, während wir die knarrende Holztreppe zur Umkleidekabine hinaufsteigen. Das Treppenhaus ist dunkel und riecht modrig, unter der Tür der Umkleidekabine kommt ein bisschen Dampf hinaus. Quietschend geht die Tür auf, ein dunkler Umriss… es ist: Captain Hook!
Vor Schreck greife ich Tante Nadjas Hand. Ein paar Stufen später erkenne ich, dass Captain Hook eine Banja-Mitarbeiterin ist, die einen riesigen Haken in der Hand hält. Mit diesem öffnet sie die Holzspinds und kratzt sich manchmal am Rücken.
Philosophieren bei über 100 Grad
Ich versuche, alle Bewegungen der Damen in der Umkleide zu kopieren. Man muss trotzdem kein Genie sein, um mich als Fremde inmitten der Rentner zu identifizieren. Es ist ungefähr so schwer wie: Banane, Mango, Apfel, Rasenmäher. Finde den Fehler! Das einzige, was ich äußerlich mit den üppigen Matronen gemeinsam habe, ist mein Jutebeutel, den ich aus Berlin mitgebracht habe.
Ansonsten fehlt es mir an Equipment. Jede Rentnerin ist mit Thermoskanne ausgerüstet und Einmachgläsern mit Plastikkappe, in denen sich Honig und saure Milch befinden oder gänzlich undefinierbare Substanzen. "Zum ersten Mal in der Banja?" Tante Nadja fängt meinen fragenden Blick ab. "Komm, ich bring's dir bei", sagt sie, jagt mich unter die Dusche und fängt an zu schrubben.
Weich gerieben und empfindlich wie ein frisch gepelltes Ei sitze ich danach in der Banja, unfähig mich von der Stelle zu rühren. Ich schiele mit Ehrfurcht auf den eingeweichten Banja-Feger, mit dem Tante Nadja mich auspeitschen will. Der ist aber erst später dran. Zuerst muss ich mich aufwärmen.
Tante Nadja kippt etwas Birkensud auf die heißen Steine. "Das ist ja unaushaltbar heiß!", schimpft eine Grauhaarige. "Es scheint dir nur so", antwortet Tante Nadja. "Ist nicht alles in diesem Leben Schein?", sagt eine Dame in einer Frottee-Haube. Ich nehme an dieser Diskussion nicht teil, ich bin damit beschäftigt, lebenserhaltende Körperfunktionen am Laufen zu halten.
Danach lässt Tante Nadja den Feger an meinem Körper spazieren. Es heißt, es regt die Durchblutung an. Um mich von der Hitze abzulenken, versuche ich mich darauf zu freuen, dass ich einen weiteren Punkt von meiner Noch-Nie-Liste abhaken kann. Dort stehen Dinge, die ich noch nie in ihrer russischen Ausführung gemacht habe. Ich habe noch nie auf Russisch geflucht. Ich hatte noch nie einen russischen Kater. Ich war noch nie auf einem russischen Date, auf einem russischen Amt oder in einem russischen Club. Aber jetzt immerhin in einer russischen Banja.
Zurück im Duschraum. Drei Rentnerinnen haben sich um das Shampoo und die Haarspülung versammelt, die ich in der Dusche vergessen habe. Eine liest Silbe für Silbe die Aufschriften vor - sie hat Deutsch in der Schule gelernt. "Bi-o-Bren-ness-el und Bi-o-Ca-len-du-la. Bi-o-Ho-nig und Bi-o-man-del."
"Was ist denn dieses Bi-o?", fragt die Dame. Ich nenne ihr ein paar Richtlinien: Natürliche Inhaltsstoffe, schonende Herstellung, umweltfreundlicher Anbau aus erneuerbaren Ressourcen. "Ach", sagt sie ziemlich unbeeindruckt. "Und was kostet das?" Der Preis lässt die gesamte Gruppe zischen. "Aiaiai, die ziehen euch aber ab da drüben! Davon kann ich mich eine Woche lang ernähren", sagt eine und schleppt ihr Einmachglas herbei. Ich soll mir den Kopf mit ihrem Brennesselsud waschen. Die zweite schlägt vor, mir Locken mit Bier einzudrehen. Eine andere bringt eine Marmeladendose mit einem Honig-Ei-Gemisch aus eigener Herstellung, für besseren Haarwuchs. "Keine Sorge, das ist ganz sicher aus erneuerbaren Ressourcen", sagt sie. "Kommt von meinen Hühnern."