Zynischer Vorschlag: Protestler nach Weißrussland - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Zynischer Vorschlag Protestler nach Weißrussland

Diese Einladung hat den seit Wochen rebellierenden französischen Studenten gerade noch gefehlt: Ausgerechnet die Diktatur in Weißrussland forderte sie auf, doch an den dortigen Hochschulen zu studieren - die Situation sei besser als in Frankreich.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die autoritär regierende weißrussische Führung hat protestierende französische Studenten zum Studium in Weißrussland eingeladen. Alexander Dschuk, stellvertretender Bildungsminister des Lukaschenko-Regimes, sagte im weißrussischen Fernsehen, wenn die französischen Studenten von den Universitäten ausgeschlossen würden, seien sie willkommen.

"Weißrussland ist nicht Frankreich, und unsere Situation ist in nichts mit der in Frankreich zu vergleichen, wo die Regierung bereits den Ausschluss der protestierenden Studenten angekündigt hat", sagte Dschuk. Eine ziemlich dreiste Behauptung - Frankreichs Regierung liegt zwar seit Wochen im Clinch mit Studenten und Gewerkschaften, die sich vehement gegen das umstrittene Gesetz zur Lockerung des Kündigungsschutzes für Berufseinsteiger wehren. Bei allen Querelen hat aber niemand Studenten mit der Zwangsexmatrikulation gedroht.

Es ist ohnehin nicht zu erwarten, dass viele angehende Akademiker in Frankreich dieser Einladung Folge leisten werden. Weißrussland war nach der international scharf kritisierten Präsidentschaftswahl Mitte März in Weißrussland hart gegen Regierungsgegner vorgegangen. Mehrere hundert Oppositionsanhänger wurden festgenommen, darunter viele Studenten. Viele von ihnen sitzen noch immer im Gefängnis, weil sie "an einer nicht genehmigten Demonstration" teilgenommen haben. Ihnen droht zudem der Verweis von den Universitäten.

Anders die Situation in Frankreich: Nicht die französischen Behörden halten die Studenten vom Studium ab, sondern ihre Kommilitonen. Mit Blockaden, Streiks und Demonstrationen wollen sie das Gesetz vom Premierminister Dominique de Villepin, das eine Kündigung ohne Angabe von Gründen in den ersten zwei Berufsjahren ermöglicht, kippen.

In der weißrussischen Hauptstadt Minsk kam es am Wochenende trotz der starken Polizeipräsenz wieder zu Protesten. Etwa 50 Demonstranten brachten als Ausdruck ihres Unmutes zahlreiche Luftballons im selben Augenblick zum Platzen. Unmittelbar danach wurden die überwiegend jungen Leute von der Polizei vertrieben. Der umstrittene Präsident Alexander Lukaschenko - Europas letzter Diktator - soll voraussichtlich am Wochenende für eine dritte Amtszeit vereidigt werden, wie das Präsidialamt heute auf seiner Internetseite mitteilte.

jaf/AFP/AP