Tempolimit gefordert: Zahl der Verkehrstoten nach oben korrigiert - DER SPIEGEL
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Deutsche Unfallstatistik Mehr Unfallopfer auf Autobahnen – breites Bündnis fordert Tempolimit

Auf deutschen Straßen sterben acht Menschen pro Tag, zuletzt stiegen die Opferzahlen besonders auf Autobahnen. Verbände von Umwelthilfe bis Gewerkschaft der Polizei fordern, beim Dauerstreitthema Tempolimit umzudenken.
Unfall auf der Autobahn A14 bei Leipzig
Unfall auf der Autobahn A14 bei Leipzig

Unfall auf der Autobahn A14 bei Leipzig

Foto: Erik-Holm Langhof / IMAGO

Die Zahl der Verkehrstoten ist 2023 noch stärker angestiegen als angenommen. Nach endgültigen Zahlen  des Statistischen Bundesamtes kamen im vergangenen Jahr 2839 Menschen bei Straßenverkehrsunfällen ums Leben. Das waren 51 Tote mehr als 2022 – und nicht 42, wie bei den vorläufigen Zahlen vom Frühjahr. »Pro Tag wurden damit im Jahr 2023 durchschnittlich acht Menschen auf deutschen Straßen getötet«, berichteten die Statistiker am Freitag in Wiesbaden. Auffällig stark stieg die Zahl der Unfälle mit Personenschaden auf Autobahnen, um 7,5 Prozent auf 19.000. Dabei starben laut der Mitteilung 302 Menschen. Zu schnelles Fahren wurde mit 43 Prozent der Fälle als Hauptursache benannt. Auf Landstraßen, wo weiterhin die meisten Verkehrstoten gezählt wurden, spielten auch weitere Faktoren wie Gegenverkehr oder ungeschützte Hindernisse wie Bäume eine große Rolle.

Ebenfalls am Freitag forderte in Berlin ein breites Bündnis aus Verbänden auf die sofortige Einführung eines generellen Tempolimits in Deutschland – für mehr Klimaschutz ebenso wie für sichereren Verkehr.

»Obwohl die Klimaziele für 2030 absehbar verfehlt werden  und die hohe Zahl der Verkehrstoten in Deutschland zuletzt sogar wieder anstieg«, halte die Bundesregierung an ihrer Blockadehaltung dagegen fest, kritisierten die Umwelt- und Verkehrssicherheitsverbände sowie die Gewerkschaft der Polizei NRW. Zahlreiche andere europäische Länder hätten dagegen bestehende Geschwindigkeitsbegrenzungen verschärft. SPD, Grüne und FDP hatten in ihrem Koalitionsvertrag 2021 ein allgemeines Tempolimit ausgeschlossen, seitdem aber immer wieder über das Thema gestritten.

Tempolimit 100 oder 130

Neben einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100 Kilometer pro Stunde auf Autobahnen drängt die Deutsche Umwelthilfe (DUH) als Teil des Bündnisses darauf, die Höchstgeschwindigkeit außerorts auf 80 Kilometer pro Stunde zu senken und innerstädtisch eine Regelgeschwindigkeit von 30 Kilometer pro Stunde einzuführen. Mit diesen Maßnahmen ließen sich jährlich mehr als elf Millionen Tonnen CO₂ einsparen, teilte der Bundesgeschäftsführer der DUH, Jürgen Resch, mit.

Die Novelle der Straßenverkehrsordnung (StVO), die am Freitag Thema im Bundesrat ist, geht ihm zwar nicht weit genug. Dennoch müssten die Städte die neuen Möglichkeiten konsequent nutzen. Die Reform sieht unter anderem vor, dass Behörden künftig einfacher Geschwindigkeitsbegrenzungen auf 30 Kilometer pro Stunde anordnen können – etwa beim sogenannten Lückenschluss zwischen schon existierenden Tempo-30-Strecken oder vor Spielplätzen und hochfrequentierten Schulwegen. »Bei konsequenter Umsetzung können unsere Städte zumindest ein Stück weit sicherer, leiser und sauberer werden«, so Resch. Mehr als 1000 Kommunen und der Deutsche Städtetag hatten gefordert, lokal auch über flächendeckendes Tempolimit 30 entscheiden zu dürfen, das bringt die Reform aber nicht.

Nicht alle Mitglieder des Bündnisses schlossen sich der Umwelthilfe-Forderung nach Tempo 100/80/30 an. Andere beschränkten sich darauf, dass auf deutschen Autobahnen maximal 130 Kilometer pro Stunde gelten sollten, wie etwa die Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland. »Verschiedene Studien haben nachgewiesen, dass eine Entschleunigung des Verkehrs zu einer signifikanten Reduzierung von tödlichen Unfällen und schwerstverletzten Verkehrsteilnehmern führt«, begründete deren Vorsitzende, Silke von Beesten, das Anliegen.

Michael Mertens von der Gewerkschaft der Polizei NRW hält ein Tempolimit auch vor dem Hintergrund anvisierter Elektromobilität für wichtig: Ohne eine dramatische Verkürzung der Reichweite ließen sich Elektrofahrzeuge nicht mit Geschwindigkeiten über 130 km/h bewegen. »Dadurch verändert sich der Verkehrsfluss auf den Autobahnen, und einzelne deutlich schnellere Fahrzeuge stellen ein immer größeres Unfallrisiko dar.«

Mehr Opfer zu Fuß

Die Polizei zählte 2023 insgesamt 2,5 Millionen Verkehrsunfälle auf Deutschlands Straßen, das waren 4,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei 2,2 Millionen Unfällen blieb es bei Sachschäden. Bei rund 292.000 Verkehrsunfällen wurden Menschen verletzt oder getötet, 70 Prozent davon geschahen innerorts. Die meisten Verkehrstoten – knapp 58 Prozent – wurden jedoch auf Landstraßen gezählt.

1192 Menschen kamen als Insassen eines Pkw ums Leben, 550 auf Krafträdern. Die Zahl der getöteten Fußgängerinnen und Fußgänger stieg um 18,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 437. Auf Fahrrädern starben mit 446 noch etwas mehr. Das bedeutete einen Rückgang um 5,9 Prozent gegenüber 2022, im langfristigen Vergleich seit 2010 jedoch nahm die Zahl der getöteten Radfahrerinnen und Radfahrer um 17 Prozent zu – gegen den allgemeinen Trend: Insgesamt wurden zuletzt 22 Prozent weniger Verkehrstote als damals verzeichnet.

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Fassung dieses Artikels stand unter der Überschrift »Mehr Todesfälle auf Autobahnen – breites Bündnis fordert Tempolimit«. Tatsächlich erfasste die Polizei im Jahr 2023 auf Autobahnen 19.086 Verkehrsunfälle mit Personenschaden, 7,5 Prozent mehr als noch 2022. Dabei starben 302 Menschen, zwölf weniger als die 314 im Vorjahr. Wir haben die Überschrift korrigiert.

ahh/dpa/AFP