Screenshot aus dem Awkward-Erklärvideo: Zehn-Sekunden-Geständnisse mit mehr oder weniger starker Verpixelung
Foto: SPIEGEL ONLINENach Whisper und Secret kommt jetzt Awkward: Mit der iOS-App einer Berliner Firma lassen sich zehnsekündige Geständnisvideos aufnehmen. Ihr Gesicht können die Nutzer automatisch verpixeln lassen, die Stimme bleibt jedoch erkennbar.
"Und jetzt viel Spaß, es wird peinlich, versprochen" - mit dieser Aussage endet das Erklärvideo beim ersten Awkward -Start. Und schon ist man drin in der Welt der Pixel-Clips: Er habe seinem Neffen verraten, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gibt, sagt ein Nutzer. Eine Frau erzählt, dass sie als Baby die Hälfte einer toten Eidechse gegessen hat, die sie unter der Couch gefunden hat. Und eine Studentin verrät, dass sie mit ihrem College-Professor ausging - nicht, weil der attraktiv war, sondern für eine bessere Note.
Untermalt werden solche Videos von einem durchlaufenden Gitarren-Geklimper, Awkward - das Wort heißt auf Deutsch in etwa "peinlich" oder auch "für alle Beteiligten unangenehm" - präsentiert sich als Gute-Laune-Plattform. Man soll wohl weniger über krasse Geständnisse staunen, als in sich hineinkichern. Wobei natürlich offen bleibt, ob die teils witzigen, teils profanen Aussagen überhaupt stimmen.
Whisper und Secret als Vorbilder
Mit einer ähnlichen Form der Unterhaltung hatten schon Whisper und Secret Erfolg. In diesen Apps werden die Geheimnisse allerdings mit Texten vor einem Hintergrundbild präsentiert. Mitunter geraten durch Whisper-Nachrichten sogar Prominente aus Hollywood oder dem Silicon Valley in die Schlagzeilen.
Apps Whisper und Secret: Dunkle Geheimnisse, flotte Märchen
Awkward, wie die Konkurrenz gratis, ist ein gutes Stück weniger anonym als seine großen Vorbilder. Man muss zwar auch hier keinen Namen oder Adressdaten eingeben. Doch allein durch die Videoform ist das Risiko zwangsläufig gegeben, von Bekannten oder gar per Gesichtserkennungssoftware identifiziert zu werden. Um dem zuvorzukommen, bietet die App die Möglichkeit, selbstgemachte Videos mithilfe eines Schiebereglers mehr oder weniger stark zu verpixeln. Dann erinnert der eigene Clip an die Statements anonymer Informanten in Fernseh-Reportagen. Die eigene Stimme dagegen lässt sich nicht direkt in Awkward verfremden.
So ist eine Warnung, die fettgedruckt nur in den Akward-Geschäftsbedingungen auftaucht, dann doch zu wenig prominent platziert: "Wir können nicht garantieren und garantieren nicht, dass es niemandem gelingt, Sie an Ihrer Stimme, am Kontext oder mit irgendwelchen anderen Mitteln zu erkennen, inklusive technischer Bildverbesserung. Bedenken Sie dies, bevor Sie Inhalte einstellen."
In der Datenschutzerklärung wird darauf verwiesen, dass die Awkward-Inhalte auch per Facebook oder WhatsApp verbreitet werden könnten - auf diesem Weg könnten eigene Clips also ein größeres Publikum erreichen als ursprünglich vom Ersteller gewollt.
Dass Awkward für Diffamierungen oder im Stil von Vine als Werbeplattform für Produkte genutzt wird, wollen die Macher unter anderem mit einem Melde-System verhindern. In den Geschäftsbedingungen heißt es, dass nur Videos in Geständnis-Form zugelassen sind, ebenso sei es verboten, persönliche Daten Dritter und Informationen über illegale Aktivität preiszugeben. Wer die App nutzt, müsse außerdem mindestens 14 Jahre alt sein.
Technisch hat die getestete iPad-Version noch Verbesserungspotenzial. So fehlt zum Beispiel eine Rangliste der beliebtesten Videos, bislang wischt man sich etwas orientierungslos Video für Video durchs Archiv, bei jedem Neustart wieder von vorn. Das ist einige Minuten lang unterhaltsam, doch dann nervt schon die Hintergrundmusik. Ob man die dann händisch abstellt oder bei der Gelegenheit gleich die ganze App schließt, das ist keine leichte Entscheidung. Ich gestehe, nach einem Dutzend Pixel-Videos das Interesse verloren zu haben.