Digitalisierung: Landwirt kontrolliert Kühe per App - DER SPIEGEL
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Internet der Dinge: Kühe in der Cloud

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Kuhstall-Überwachung per App Wiederkäuen in der Cloud

Steffen Hake überwacht seine Kühe per App. Ein Blick aufs Smartphone, und der Landwirt aus Niedersachsen weiß, was in seinem Stall läuft. Vor allem jedoch spart er eine Menge Geld.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Steffen Hakes Kühe sind online und werden überwacht. Jede Bewegung, jedes Kaugeräusch, jeder Rülpser landet sofort in der Cloud. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Per App kann Hake die Daten der Kühe abfragen, egal wo er gerade ist: im Stall, auf dem Acker, in der Kneipe.

Hake ist Landwirt - nicht Bauer, darauf legt er Wert. Der 28-Jährige hat seinen Beruf erlernt: drei Jahre in der Ausbildung, zwei Jahre auf der Fachschule. Auf seinem Hof im niedersächsischen Wagenfeld hält er 240 Milchkühe, um die er sich gemeinsam mit seinem Vater und einem Nachbarn kümmert. Einen Melker haben sie noch angestellt, ab und zu hilft außerdem der Großvater ein bisschen mit. Und seit einer Weile das Internet der Dinge.

Der Landwirt hat seine Kühe mit Halsbändern ausgestattet, die per Bewegungssensor und Mikrofon das Verhalten der Tiere aufzeichnen und die Daten an Hakes Rechner senden. Von dort werden sie in die Cloud geladen und lassen sich ortsunabhängig abrufen.

Er kontrolliert die Kühe per iPhone

Hake steht im Mittelgang seines Kuhstalls, am Boden liegt Kraftfutter, rechts und links mampfen die Tiere. Es riecht nach Mist und Silage. Der Landwirt zieht ein iPhone 6 aus der Tasche und öffnet die "Healthy Cow 24"-App: "Vier brünstige Kühe, sechs Kühe prüfen", steht da. Hake erfährt außerdem, dass seine Tiere 570 Minuten wiederkäuen.

Das sei irgendwie gut, meint er. So ganz genau wisse er mit dem Wert aber auch nichts anzufangen, ihm fehle der Vergleich mit Berufskollegen. Der Schnitt liege, sei ihm gesagt worden, bei 480 Minuten. Er zuckt mit den Schultern. "Ist halt wiederkaugerechtes Futter - ich hatte auch schon über 600", erzählt er. "Da haben die Israelis ganz schön geguckt."

Die Israelis, das sind Mitarbeiter der Softwarefirma SCR Diary aus Netanya, die das System "Healty Cow 24" entwickelt hat. Weil Hake einer der ersten Kunden in Deutschland war, bekam er Besuch von einer SCR-Delegation, die sich nach Verbesserungsvorschlägen erkundigte. Die Firma hat offenbar Großes vor: Auf ihrer Website formuliert sie ihr Ziel, "Weltmarktführer bei der Überwachung von Kühen zu sein".

Ein soziales Netzwerk mit Kühen

Aus Israel komme viel Technik für große Kuhställe, erklärt Hake. Obwohl die Bedingungen für Kühe nicht optimal sind, gibt es in Israel riesige High-Tech-Ställe, 1000 Kühe und mehr. Dagegen wirkt Hakes Hof mit seinen 240 Kühen fast beschaulich.

Um die Tiere rund um die Uhr im Blick zu behalten, ist die Herde aber zu groß. Deswegen hat Hake sein Vieh mit den elektronischen Halsbändern ausgestattet. Deswegen hat er das "Healthy Cow"-System installiert. Und deswegen kann er jetzt, wenn er mit seinen Kumpels in der Kneipe sitzt, schauen, wie es seinen Tieren geht, oder bekommt Push-Nachrichten, wenn die Geburt eines Kalbes zu lange dauert.

Es ist fast wie ein soziales Netzwerk, als wären die Kühe die Freunde des Landwirts. Jede hat ihr eigenes Profil, einen eigenen Status, bestehend aus Daten über Besamungszeiträume und Wiederkäuaktivitäten. Aber natürlich geht es nicht um Freundschaft, sondern um Effizienz.

Überwachung ist ökonomisch sinnvoll

Hake stöhnt über die niedrigen Milchpreise. 25 Cent bekommt der Landwirt momentan pro Liter Milch. "Milch kostet oft weniger als Wasser", sagt er. Wenn die Landwirtschaft wirtschaftlich bleiben soll, braucht sie Innovationen. Mit den Halsbändern und der App glaubt Hake, einen Weg gefunden zu haben, effizienter zu arbeiten. Die Überwachung sei ökonomisch sinnvoll.

Das System spart beispielsweise Geld bei der Besamung der Kühe: Der Zeitraum, in dem eine Kuh besamt werden kann, ist kurz. Nur etwa zwölf Stunden bleiben nach der Brunst. Um den richtigen Moment nicht zu verpassen, muss man die Tiere im Stall beobachten. Eine brünstige Kuh frisst weniger und bewegt sich mehr. Übersieht ein Bauer diesen Zeitpunkt, müssen er und die Kuh sich drei Wochen gedulden. Dann frisst die Kuh weiter, produziert auf Dauer aber weniger Milch, weil sie kein Kalb austrägt. Den Landwirt kostet das Geld.

Mit der elektronischen Überwachung merkt Hake sofort, wenn ein Tier sein Verhalten ändert. "Wir haben jetzt eine Besamungsindex von 2,1", sagt er. Im Schnitt muss eine Kuh 2,1-mal besamt werden, bis sie trächtig ist. 275 Kälber wurden in den letzten zwölf Monaten auf dem Hof geboren - eins pro Kuh.

Außerdem könne er mit dem System Krankheiten früher erkennen, sagt Hake. Davon profitieren beide, Bauer und Kuh. Werden Krankheiten rechtzeitig erkannt, könne man auf die Behandlung mit Antibiotika verzichten.

Keine Angst vor Kuh-Hackern

Die größte Gefahr beim Internet der Dinge liegt darin, dass vernetzte Maschinen und Geräte angreifbar sind. Angst vor Hackern hat Hake aber nicht. Anders als eine Maschine würden seine Kühe ja nicht über das Netz gesteuert, sondern lediglich überwacht. Ein Angreifer könne ja keine Kontrolle über die Tiere erlangen. Trotzdem findet der Landwirt den Gedanken, dass Dritte seine Betriebsdaten lesen können, nicht schön.

"Wobei", sagt er dann, "ich habe ja nichts zu verbergen." Da denkt der vernetze Landwirt wohl wie viele andere vernetzte Bürger. Und auch Hakes Kühe nehmen die Überwachung ungerührt hin: Sie fressen, schlafen und rülpsen in den Sensor.

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