Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
meinung •Carsharing Wie schlechtes Netz in Deutschland den Sommerausflug beenden kann
Liebe Leserin, lieber Leser,
gerade in der Corona-Pandemie stehen in deutschen Großstädten immer mehr Mietwagen auf den Straßen, die mit wenigen Klicks per App gebucht werden können. Angeboten von Carsharing-Firmen wie ShareNow, WeShare oder Miles ist die Miete eigentlich unkompliziert. Auch schöne Tagesausflüge soll man damit machen können, heißt es von den Anbietern. Doch wer tatsächlich die Großstadt verlässt, stößt in der Funklochrepublik Deutschland auf Probleme.
Um ein Auto für einen Zwischenstopp zu parken, zum Beispiel an einem ländlichen Badesee, brauchen Nutzerinnen und Nutzer der Carsharing-Autos meist Handyempfang. Das liegt daran, dass die meisten Wagen der Anbieter keine Schlüssel mehr haben, sondern nur über die App geöffnet und verschlossen werden können.
Schon vor einigen Wochen durfte ich erleben, dass das einen spontanen Ausflug zum See erheblich verkomplizieren kann, weil ich den Wagen schlicht am Parkplatz beim See nicht über die App verriegeln konnte. Statt in den See zu springen, musste ich kurzerhand wieder zurück Richtung Stadt und besserer Netzabdeckung fahren, weil der Empfang nicht ausreichte.
Meine nächste Fahrt ins Umland trat ich also besser gerüstet an und sorgte dafür, dass wir Handys mit O2- und mit Telekom-Netz dabeihatten. Beim Parken hatte ich so tatsächlich ausreichend starken Empfang auf meinem Handy. Doch es ergab sich ein neues Problem: Denn natürlich muss auch das Auto Netzempfang haben, und zwar in diesem Fall von Vodafone - was weit und breit nicht verfügbar war.
Der Wagen musste schließlich abgeschleppt werden
Der Ausflug endete damit, dass das Auto abgeschleppt werden musste und wir mit dem Zug zurück in die Stadt fuhren. Der Wagen hatte die Wegfahrsperre aktiviert, die sich nur mit Mobilfunkempfang hätte deaktivieren lassen. Beim Werbeversprechen des Anbieters, dass mit seinen Autos auch längere Ausflüge ins Umland möglich seien, hatte man die Sache mit der Netzabdeckung anscheinend nicht ausreichend bedacht.
Netzabdeckung am Horizont
Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpaDoch Planung ist offenbar auch beim Sommerausflug das halbe Leben: Für meinen Wochenendausflug in Richtung Mittelgebirge habe ich vorher einfach ausgiebig die öffentlich verfügbaren Netzabdeckungskarten der drei Mobilfunkunternehmen studiert und so einen Parkplatz mit ausreichend starkem Empfang für Auto und Handy gefunden.
Blöderweise lag der nächste Parkplatz, bei dem mir die Netzabdeckung stabil genug schien, auf einer Anhöhe rund zehn Kilometer Fahrstrecke von unserem Hotel im Tal entfernt. Also habe ich mein Fahrrad in den Kofferraum geladen und bin vom Parkplatz anschließend zehn Kilometer durch das Funklochtal gefahren, bis ich schließlich am Hotel war. Eigentlich ganz einfach, die Sache mit der spontanen Mobilität in Deutschland im Jahre 2020.
Seltsame Digitalwelt: Halbherziger IT-Support
Eine Anekdote von Judith Horchert
"Nein, ich kann leider momentan nichts ausdrucken", sagt meine Mutter am Telefon, schon seit gestern nämlich habe der Drucker ein Problem. Es ist spät am Abend, es geht darum, noch schnell eine Fahrkarte für den nächsten Tag auszudrucken. Und ich weiß weder, was für einen Drucker meine Mutter benutzt, noch, was dessen Problem ist.
"Mach doch mal aus und wieder an", schlage ich halbherzig vor und schäme mich gleich dafür, den frechen "Have you tried turning it off and on again?"-Kultsatz ernsthaft ins Spiel gebracht zu haben. Wenn mir jemand an einer IT-Hotline diesen Satz entgegennuschelt, lege ich gern beleidigt bis entrüstet auf und beschwere mich irgendwo über die unverschämte Frage. Ganz anders meine Mutter: Mit großem Hurra stellt sie fest, dass jetzt plötzlich alles einwandfrei funktioniert. Sie druckt die Karte aus und bedankt sich herzlich für die Hilfe. Tja, man hilft doch auch von halbem Herzen gern.
Fremdlinks: drei Tipps aus anderen Medien
"747-400 Walk through From a Hacker’s Perspective" (englisch, YouTube-Video, 25 Minuten): Die beiden IT-Sicherheitsforscher Ken Munro und Alex Lomas führen in diesem YouTube-Video für die Hackerkonferenz Defcon durch eine ausrangierte Boeing 747. Munro und Lomas klettern in versteckte Bereiche, verfolgen Kabelläufe quer durchs Flugzeug und zeigen spannende Details der Gadgets - wie veraltete Disketten und einen Cockpit-Drucker - an Bord der Boeing-Maschine.
"Apple stumbled into a war with the gaming industry and the future of iOS is at stake" (englisch, 18 Minuten): Nachdem die "Fortnite"-Macher Epic Games öffentlichkeitswirksam den Apple-Konzern wegen der Abgabe auf App-Einnahmen angegangen haben, stellt sich die Frage, was der Konflikt für die Zukunft des für Apple so wichtigen AppStores bedeutet. Das Tech-Magazin "The Verge" sieht neben der kartellrechtlichen Problematik auch die Gefahr, dass Apple eine ganze Generation von Gaming-Fans verlieren könnte.
"Inside the Courthouse Break-In Spree That Landed Two White-Hat Hackers in Jail " (englisch, 35 Minuten Lesezeit): Die Welt der Penetrationtester, die Firmen und Behörden im offiziellen Auftrag auf Sicherheitslücken untersuchen, ist normalerweise eine verschwiegene. Doch weil ein Test auf Sicherheitslücken im US-Bundesstaat Iowa auf abenteuerliche Weise schiefging, gibt diese filmreife Rekonstruktion des "Wired"-Magazins spannende Einblicke in einen wichtigen, aber öffentlich kaum bekannten Job - der das Risiko birgt, im Gefängnis zu landen.
Ich wünsche Ihnen eine gute, sommerliche Woche.
Max Hoppenstedt