Bosch: Künstler bringen die Ingenieure auf Ideen - DER SPIEGEL
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Bosch Wild, aber nicht zu wild

Der schwäbische Traditionskonzern Bosch wagt ein Experiment: Künstler sollen die Ingenieure auf bahnbrechende Ideen bringen. Kann das funktionieren?
Foto: Frank Eppler
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie schnell Ideen manchmal Gestalt annehmen, darüber kann Julian Palacz immer wieder staunen. Gerade beobachtet er eine riesige Maschine, wie sie aus einem Stahlklotz eine Form ausschneidet: Es ist das Muster, das er mit dem Finger zeichnet, wenn er sein Handy entsperrt. Palacz hat sich dabei gefilmt, ein Programm hat die Bewegung in eine Zeichnung übertragen. Er scheint selbst davon beeindruckt, wie sich das Virtuelle materialisieren lässt. "Das sind meine Daten", sagt er und klingt ein bisschen bewegt.

Der 35-jährige Wiener ist Künstler; in seinen Werken macht er Daten sichtbar, greifbar und fühlbar. Normalerweise arbeitet er in seinem Atelier und zeigt die Werke bei Ausstellungen in Wien, Warschau oder Shanghai. Jetzt aber ist er "Artist in Residence" bei Bosch, dem schwäbischen Traditionsunternehmen, 1886 gegründet. Hier entstehen Palacz' Werke unter Beobachtung: Seine Einfälle sollen die Bosch-Ingenieure auf neue Gedanken bringen, dabei helfen, das Unternehmen in die digitale Zukunft zu bringen.

Über seinem Arbeitsplatz hat Palacz ein Schild aufgehängt: "Strange Agent at Work". Das ist so was wie sein Auftrag für die nächsten Monate: ein sonderbarer Agent zu sein, der durch seine Arbeit das Vertraute stört und zugleich inspiriert.

Palacz' Atelier ist jetzt die "Platform 12", eine Denk- und Experimentier-Etage im obersten Stockwerk des Bosch-Forschungscampus in Renningen bei Stuttgart. Hier sollen die Bosch-Ingenieure radikal umdenken und Dinge entwickeln, die "disruptiv" genannt werden. Speziell dafür ist der Raum gestaltet - und Palacz gehört sozusagen zum Inventar.

3-D-Drucker summen, auf einer Werkbank liegt neben Hammer und Zollstock eine Gummiente. In der Mitte des großen, offenen Raumes schwebt ein Planet aus Pappmaschee, er ist an einer Stelle aufgerissen, ein Infusionsbeutel baumelt heraus.

Am Fenster hängt ein Plakat mit den Regeln, die hier gelten. Eine davon lautet: "Dare to be wild!" - "Wage es, wild zu sein!". Darunter prangt das Logo von Bosch, dem Familienkonzern, mit dem die meisten Menschen von Kühlschränken über Bohrmaschinen bis hin zu Einspritzpumpen für Diesel alles Mögliche verbinden. Wildheit gehört nicht dazu.

Bis jetzt. Denn ohne Wildheit wird es in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr gehen. Bosch ist ein Weltkonzern mit 402.000 Mitarbeitern, 125 Entwicklungsstandorten und 78,1 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2017 - ein Rekord. Aber Bosch ist vor allem Zulieferer für die Autoindustrie. Und damit von einer Industrie abhängig, die sich grundlegend wandelt: Elektrofahrzeuge, Carsharing und autonomes Fahren werden einiges dessen, was die Autobauer bislang gut können, in naher Zukunft wohl überflüssig machen, etwa den Verbrennungsmotor. Die Zulieferer bekommen Probleme, wenn sie sich nicht neu orientieren.

Bosch produziert daher bereits jetzt für das "Internet der Dinge" (IoT): 38 Millionen internetfähige Produkte hat der Konzern 2017 verkauft, wie der Jahresbericht stolz vermerkt. Ingenieure arbeiten an 170 IoT-Projekten in den Bereichen Mobilität, Gebäudetechnik oder vernetzter Landwirtschaft. Auch ein Kompetenzcenter für künstliche Intelligenz (KI) hat Bosch eröffnet, rund 300 Millionen Euro sollen bis 2021 dorthin fließen. Doch in beiden Feldern konkurrieren unzählige Unternehmen - und Bosch ist bisher nicht für schnelle Innovationen bekannt.

Das soll sich nun ändern, dafür hat das Unternehmen 2015 die "Platform 12" ins Leben gerufen. Das Konzept kam von der "Wimmelforschung", einem Berliner Künstlerduo. "Es ist kein Ort zum Suchen, sondern ein Ort zum Finden", beschreibt es die Bosch-Innovationsmanagerin Cordula Schumacher. Die Mitarbeiter dürfen sich jederzeit hier aufhalten, auch ohne konkretes Anliegen, sie sollen offen sein für die Ideen, die dann kommen.

Die Umgebung soll verunsichern, das Denken soll die Richtung wechseln können. Deshalb ist hier alles anders: Uhren gehen falsch, Schubladen stecken hochkant in einem Schrank, und eine "Safety Card" zeigt unter dem Stichwort "never do" einen klassischen Aktenkoffer, eine Tafel und bunte Post-its. Die Krönung der Verunsicherung ist der Künstler. Alle drei Monate zieht ein anderer in die zwölfte Etage ein, ausgewählt von einer Jury der Akademie Schloss Solitude, finanziert über ein Stipendium.

Produkte für eine kommerziell erfolgreiche Zukunft entwickeln, ausgerechnet mit Kunst, die ja immer nur Selbstzweck sein will - wie kann das klappen?

Julilan Palacz

Julilan Palacz

Foto: Bosch

Als Julian Palacz von der Schneidemaschine zurückkehrt, stehen sie an seinem Platz, die Ingenieure mit dem Bosch-Logo auf den blauen Poloshirts. Einer von ihnen ist Elmar Kroner, Leiter des Bereichs Fügetechnologie, er betrachtet nachdenklich eines der Werke von Palacz: Der Künstler hat zwischen dem Parkplatz und dem Gebäude eine Stunde lang alle Bewegungen aufgezeichnet, morgens zur Rushhour. Die Daten hat er in eine großformatige Computerzeichnung übersetzt.

Für einen Moment kann man erahnen, wie hier Ideen entstehen. "Könnte man anhand dieser Bewegungen uns Bosch-Mitarbeiter beispielsweise von Daimler-Mitarbeitern unterscheiden?", fragt Kroner. Eine Assoziationskette führt von dort zu der Frage, ob man auf diese Weise wohl auch unterschiedliche Bewegungen von Robotern von Wettbewerbern unterscheiden und damit vielleicht Plagiate identifizieren könnte.

"Wir hatten natürlich schon immer Ideen, wir sind ein Tüftlerunternehmen", sagt Cordula Schumacher. Aber die Konkurrenz ist größer als früher - die Einfälle müssen deshalb noch besser sein: "Wir gehen davon aus, dass von 100 Ideen eine fliegt", sagt Schumacher.

Allein dass Julian Palacz mit Computern arbeitet, dass er programmieren kann und sich mit Daten beschäftigt, irritierte die Ingenieure anfangs - und brachte vermeintliche Gewissheiten ins Wanken. "Ein Künstler arbeitet auf Leinwand oder mit Stein", zitiert Palacz ein häufiges Vorurteil. Er aber eben nicht. Sicherheitshalber hat er seine Werke mit Schildern versehen wie "Bitte nichts berühren oder bewegen".

Schließlich sind die Regeln hier oben komplett anders als im restlichen Campus. "Clean desk" heißt es in den Büros: Nichts darf herumliegen, die Bildschirme sind immer zu sperren - die Ideen sind heilig. Hier oben in der "Platform 12" aber darf jeder alles benutzen, verändern, liegen lassen. An den Projekten anderer weiterzuarbeiten ist erwünscht. Für manche Künstler hat das schon zu herben Verlusten geführt, einer der Vorgänger von Palacz fand eines Morgens eine Skulptur angesägt vor.

Hier treffen Welten aufeinander - und das ist die Absicht dahinter. Unter den erstaunten Blicken der Bosch-Leute präsentiert Palacz seinen "digitalen Eremiten": ein Gerät, das misst, wie viele WLANs und Bluetooth-Verbindungen in seiner Umgebung aktiv sind. Auf dem Display erzählt der Eremit eine Geschichte, die umso trauriger wird, je mehr andere Geräte es registriert. "Im Wald erzählt er fröhliche Geschichten", sagt Palacz, während die Bosch-Leute etwas ratlos dreinblicken. Palacz grinst: "Stellt euch vor, ihr müsstet als einziger Ingenieur mit 1200 Künstlern arbeiten. Dann wisst ihr, wie orchideenhaft ich mich hier fühle."

Aber wo Welten aufeinanderprallen, wird auch Energie freigesetzt, kann etwas Neues entstehen. Immer wieder habe ihn dieser Ort auf interessante Gedanken gebracht, berichtet Ingenieur Kroner, etwa als eine Künstlerin sich mit dem Thema "Hand" beschäftigte: "Wie wichtig sind unsere Hände für unser Denken?", fragt er. "Und wie beeinflussen Robotik und Automatisierung unser Denken, indem sie uns Handarbeit abnehmen?"

Die Gretchenfrage allerdings kontert Kroner mit einer Rückfrage: Hat die "Platform 12" schon konkret Einfluss gehabt auf seine Arbeit rund um Metall-Kunststoff-Verbindungen? "Wie kann man den Einfluss eines inspirierenden Umfelds überhaupt messen? So viel steht fest: Mich inspiriert die ›Platform 12‹. Ich komme dort auf neue Ideen." Aber ob Bosch damit mehr verdient oder die Menschen glücklicher sind? Der Wert der Ideen lässt sich kaum messen.

Tatsächlich ist ein Muster erkennbar: Die Ingenieure überlegen, was der Markt will. Was sich verkauft. Und die Künstler werfen ein: Es muss auch um Nachhaltigkeit gehen. Und was ist mit der Ethik? Ideenbeispiele, die in der "Platform 12" entstanden und groß geworden sind, will Bosch nicht verraten. Nicht einmal Zahlen gibt es. "Wir messen bewusst nicht", sagt Innovationsmanagerin Schumacher. Jede Zahl würde Druck ausüben. Und unter Druck klappt es mit den Ideen nicht.

Jeder Forscher in Renningen darf sich in zehn Prozent seiner Arbeitszeit ganz auf kreative Aufgaben konzentrieren, wo immer er möchte, ohne Rechenschaftspflicht. Innovationsförderung lässt Bosch sich ordentlich Geld kosten - weltweit steckte der Konzern im vorigen Jahr 7,3 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung. Als besonders zukunftsweisend gelten bei Bosch in Deutschland neben der "Platform 12" auch der firmeneigene Start-up-Inkubator "Grow" und das Kompetenzcenter für KI.

Auch in diesem Forschungszentrum haben die Wissenschaftler große Freiheiten, dürfen ihre Ergebnisse publizieren. Das ist bei US-Unternehmen wie Google, Microsoft oder Facebook oft bereits Standard, in Deutschland aber noch die Ausnahme, es macht Bosch als Arbeitgeber für KI-Forscher interessant.

Allerdings berichten Insider der Start-up-Plattform "Grow", dass den Konzern offenbar schnell der Mut verlässt, wenn die ökonomische Zukunft einer Idee nicht gleich absehbar ist: Man möchte wissen, wie viel man mit einer Innovation verdient, bevor man sie fördert. So werden viele der Start-ups wieder gestoppt, bevor sie überhaupt eine Chance auf dem Markt haben - zuletzt traf es den niedlichen Roboter Kuri, eine Mischung aus robotischem Familienmitglied, Soundsystem und Spielzeug.

"Alle wollen disruptive Ideen haben. Aber wenn man etwas planen kann, ist es nicht disruptiv", sagt Kroner, der inzwischen mit Palacz und einem Kollegen auf einem Sofa zwischen Kissen mit dem Aufdruck "Intergalaktischer Couchdoktor" Platz genommen hat. Kroner hat schon mehrmals am 3-D-Drucker gestanden und gespannt gewartet, ob eine Idee in seinem Bereich auch dreidimensional funktioniert. Aber weiß man das nicht vorher? "Wenn wir alles vorhersagen könnten, wären wir schlechte Forscher, denn dann forschen wir nicht an der Grenze."

Während Palacz mit den Ingenieuren Visionen spinnt, lässt sich in einer anderen Ecke der "Platform" beobachten, wie es einer Innovation ergeht, wenn sie die eine von hundert ist, die weiterentwickelt wird. Hier haben sich drei Herren vor einer Tafel versammelt, zwei von ihnen arbeiten in verschiedenen Abteilungen, sie haben sich hier auf der "Platform" kennengelernt. Hier entstand auch die Idee, die höchster Geheimhaltung unterliegt. Der Dritte ist Daniel Jesenek, er soll dabei helfen, Prototypen zu bauen. "Wir sind die Enabler", sagt er, die Möglichmacher.

Gut möglich, dass die Künstler hier auf der "Platform 12" dabei helfen, auf neue Gedanken zu kommen. Aber wenn daraus Produkte entstehen sollen, wird das Denken wieder traditionell: "Die Künstler beschäftigen sich eher mit dem Footprint des Menschen, mit Nachhaltigkeit. Bei uns geht es um beides: Wir wollen, dass Bosch-Produkte nachhaltig und auf dem Markt erfolgreich sind", sagt Jesenek.

Auf der Tafel entwickelt sich ein Plan, im Gespräch geht es um galvanische Verfahren, thermodynamische Modelle - und natürlich den Zeitplan. "Im September soll es losgehen." - "Dieses Jahr ist bei uns alles dicht." - "Bei uns hat jeder Forscher dienstagvormittags Zeit für Innovationen." Am Ende fotografiert einer der beiden die Tafel, "so haben wir ein Protokoll".

Es wird sich zeigen, wie disruptiv dieses neue Produkt ist - wenn es denn jemals auf den Markt kommt. Bei Julian Palacz dauert es oft nicht lange, bis ein Einfall zum Kunstwerk wird. Bei einem Produkt vergeht meist sehr viel mehr Zeit.