Computer-Duell Wettkampf der Code-Knacker
Der alte Röhren-Riese hatte keine Chance. Mehr als einen Tag brauchte der Nachbau des legendären Colossus, um die Aufgabe zu erfüllen: eine mit dem einst streng geheimen Lorenz-Code der deutschen Wehrmacht verschlüsselte Nachricht dechiffrieren. Als Gegner trat der Amateurfunker Joachim Schüth aus Bonn an. Sein Standard-Laptop löste das Problem deutlich schneller. Bereits zwei Stunden nach Beginn des Wettbewerbs konnte er den Code als geknackt melden.
Die meiste Zeit benötigte Schüth allerdings dafür, das Funksignal zu empfangen, das nach den im Zweiten Weltkrieg geltenden Standards versendet wurde. Atmosphärische Störungen verschlechterten die Signalqualität erheblich.
Als Schüth die chiffrierte Botschaft endlich vorlag und er der Geheimdienst-Code in seinen Rechner einspeisen konnte, ging alles sehr schnell. Nur 46 Sekunden nachdem der PC mit der Entschlüsselung begonnen hatte, meldete er bereits Vollzug. Besondere Hardware brauchte Schüth nicht. Sein Entschlüsselungsprogramm, an dem er zwei Monate gearbeitet hatte, lief auf einem Notebook mit 1,4 Gigahertz Taktfrequenz.
15.000 Röhren im Einsatz
Sein Gegner war da ganz anderer Natur. Der Nachbau jenes Collosus Mark II - der den Alliierten in den vierziger Jahren half, geheime deutsche Funknachrichten zu entschlüsseln - füllt einen ganzen Raum aus. Statt Mikrochips oder Transistoren arbeiten in seinem Inneren rund 1500 Röhren, die eine enorme Hitze erzeugen. Es dauerte Monate, den Ur-Rechner zusammenzubauen.
Doch all der Aufwand nütze nichts. Erst mehr als einen Tag nachdem im Paderborner Heinz-Nixdorf-Museums-Forum mit der Aussendung der fiktiven Geheimbotschaft begonnen wurde, konnten die Briten in Klartext lesen, was durch den Äther gegangen war.
Eine brannte durch
Ausgebremst wurde der einstige Triumph der Wissenschaft von Wetterproblemen. So dauert es Stunden, bis man in Bletchley Park, dem ehemaligen britischen Geheimdienstzentrum, in dem der Colossus-Nachbau untergebracht ist, ein brauchbares Funksignal empfangen konnte.
Damit nicht genug hatte das laut brummende Ungetüm mit technischen Schwierigkeiten zu kämpfen. So brannte schon kurz nach dem ersten Startversuch eine Röhre durch. Das Auswechseln des defekten Bauteils sowie der anschließende Neustart kosteten die Techniker 45 Minuten.
Als endlich alles lief und Colossus mit seiner Aufgabe betraut worden war, hatten die Mitarbeiter des Projekts dennoch reichlich Zeit, sich die eine oder andere Tasse Tee zu gönnen. Erst gut dreieinhalb Stunden nach dem Beginn der Berechnungen hatte er den Code geknackt und spuckte die fiktive Geheimbotschaft aus.
Strategischer Vorteil
Was heutzutage als quälend langsam erscheint, war zu Zeiten des zweiten Weltkriegs ein entscheidender taktischer Vorteil. Seinerzeit war es zwar auch möglich den deutschen Code manuell zu entschlüsseln, doch brauchten die Geheimdienstspezialisten meist gut einen Tag pro Nachricht. Damit waren die Botschaften oft längst veraltet, wenn man endlich ihren Inhalt erkannte. Colossus verkürzte diese Zeitspanne erheblich und trug damit dazu bei, so manche deutsche Geheimaktion zu vereiteln.
Der Code-Knacker-Wettkampf ist Teil einer Sonderausstellung zum Thema "Krypto & Stegano", die derzeit im Heinz-Nixdorf Museums-Forum in Paderborn zu sehen ist. Dort ist unter anderem auch jene Lorenz SZ-42-Chiffriermaschine zu sehen, welche die codierten Mitteilungen erzeugte, an denen sich die Kontrahenten messen mussten.