Entsperr-Software Microsoft verbündet sich mit Handy-Hackern
Windows-Phone-7-Handy: Bald offiziell für Fremdsoftware geöffnet?
Foto: Matthias KrempVom iPhone ist man das längst gewohnt: Gewiefte Hacker suchen Schwachstellen in der Betriebs-Software des Handys, um Apples Sicherheitsmechanismen auszuhebeln, so dass man Software installieren kann, die es nicht im iTunes Store gibt. Jailbreak wird die dafür benutzte Hacker-Software genannt, weil sie die Hardware aus den Fesseln des Herstellers befreit. Vor einer Woche nun wurde der erste Jailbreak für Windows-Phone-7-Handys veröffentlicht - und am Mittwoch schon wieder vom Netz genommen. Allerdings nicht auf Druck von Microsoft, sondern weil der Konzern dem Entwickler ein Kooperationsangebot gemacht hat.
Von solchen Angeboten können die Entwickler der iPhone-Hacks nur träumen. Statt auf die offensichtlich talentierten Programmierer zuzugehen, liefert sich Apple seit dem ersten Jailbreak einen regelrechten Kleinkrieg mit ihnen. Trotzdem gelingt es insbesondere dem sogenannten iPhone Dev Team regelmäßig, neue Versionen von Apples iOS schon kurz nach deren Veröffentlichung zu entsperren. Apples Reaktion darauf ist immer gleich und besteht darin, mit dem nächsten Update die von den Hackern genutzten Sicherheitslücken zu schließen. Und natürlich versuchen Apples Entwickler den Einbruch in ihr System weiter zu erschweren. So auch bei der aktuellen Version 4.2.1, für die es bereits einen Jailbreak gibt.
Der Hintergrund des Katz-und-Maus-Spiels: Apple erlaubt die Installation von Software auf seinen Handys nur über den Umweg über seinen App Store, in den nur Programme eingelassen werden, die Apples Richtlinien entsprechen. Die einzige Möglichkeit, nicht-Apple-konforme Apps zu installieren, besteht deshalb darin, einen Jailbreak durchzuführen, nach dem sich auch solche Software installieren lässt. Ein weiterer Grund für einen Jailbreak ist für viele Anwender, dass er die Voraussetzung für einen sogenannten Unlock ist. Der wiederum ist nötig, um ein iPhone, das an einen bestimmten Provider, etwa die Telekom, gebunden ist, im Netz und mit Sim-Karten anderer Anbieter nutzen zu können.
Kaum veröffentlicht, schon verschwunden
Ein ähnliches Szenario kündigte sich für die noch recht neuen Windows-Phone-7-Handys an, als der Programmierer Chris Walsh gemeinsam mit zwei Freunden ein Tool veröffentlichte, mit dem sich die Software-Beschränkungen dieser Handys umgehen lassen. Walshs Begründung aus Programmierersicht: Microsoft verlange eine Gebühr von 99 Dollar dafür, dass man Apps in den Marketplace genannten Software-Shop für Windows-Handys einreichen darf. Auf ein per ChevronWP7 behandeltes Windows-Handy könne man Drittanbieter-Software laden, ohne den Umweg über Microsofts Marketplace gehen zu müssen.
Binnen kürzester Zeit wurde das Entsperr-Tool zu einem beliebten Download für Windows-Phone-7-User. Bei YouTube wurden etliche Videos hochgeladen, die den nicht ganz trivialen Entsperrvorgang erklären. Kaum eine Woche später aber ist das Programm schon wieder von der Web-Seite der Entwickler verschwunden.
Wie Chris Walsh selbst erklärt , ist ChevronWP7 allerdings nicht wegen Streitigkeiten mit Microsoft oder gar aufgrund der Drohung mit einer Klage zurückgezogen worden, sondern im gegenseitigen Einvernehmen. Statt die Anwälte vorzuschicken, nahm Microsoft-Manager Brandon Watson, Director of Developer Experience for Windows Phone 7, selbst Kontakt zu Walsh auf, sprach mit ihm über seine Vorbehalte gegenüber der Entsperr-Software.
Jetzt wird gekuschelt
Watson wird dabei wohl vor allem zwei Bedenken geäußert haben: Ihn dürften die Gefahr, dass sich Schadsoftware auf derart entsperrten Smartphones einnisten könnte und die Möglichkeit nicht lizenzierte Software - also Raubkopien - auf solchen Handys zu installieren, beschäftigen.
Details über das Gespräch haben Walsh und Watson zwar nicht veröffentlicht, wohl aber durchblicken lassen, dass sie eine gemeinsame Linie gefunden haben. Via Twitter überschütteten sie sich mit Nettigkeiten . Das Ergebnis der Diskussion sei es gewesen, dass man nun gemeinsam daran arbeiten wolle, Windows-Phone-7-Handys ganz offiziell für Hobby-Entwickler zu öffnen. Um die Diskussionen darüber zu beschleunigen, habe man das Entsperr-Tool vom Netz genommen.
Microsoft gibt sich in diesen Tagen allgemein erstaunlich Hacker-freundlich: Auch die eigentlich nicht vorgesehenen Umwidmungen der Konsolen-Bewegungssteuerung Kinect für die Xbox 360 hatte der Konzern zwar zuerst lautstark missbilligt, dann aber eingelenkt und kreativen Kinect-Hackern freie Bahn versprochen.
Lohnt sich der Jailbreak überhaupt?
Hacker lassen sich eben das Hacken nicht verbieten. Auch, dass der Windows-Phone-7-Hack vorläufig aus dem Netz genommen wurde, dürfte wenig nützen. Längst wird ChevronWP7 über alternative Wege zum Herunterladen angeboten. Ob es für Normalanwender allerdings sinnvoll ist, sich das Programm zu besorgen, ist eine andere Frage. Für entsperrte iPhones gibt es mittlerweile eine große Auswahl an Software, die nicht über den App Store verfügbar ist. Meist sind das zwar spezialisierte Anwendungen, die nur für wenige Nutzer interessant sind, doch einige Perlen sind für jedermann zu finden.
Bei den neuen Windows-Handys sieht das noch anders aus. Gerade erst hat das offizielle Angebot im Marketplace die 3000-Apps-Marke genommen. Ein Klacks für die längst mit fünf- und sechsstelligen Zahlen protzenden App-Stores von Apple und Google. Angesichts dieses noch begrenzten Angebots eine Windows-Phone-Anwendung zu finden, die es nicht im Microsoft Marketplace gibt und für die es sich lohnt, das Handy zu entsperren, dürfte schwer werden.