Iconbit Nettab Space III: Das russische Retina-Tablet
Iconbit Space III 300 Euro für das russische Retina-Tablet
Diese Meldung hat uns stutzig gemacht: "9,7 Zoll Tablet mit Retina-Display von Iconbit", tönte es Ende Februar in einer Pressemitteilung. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Moskau wollte damit Besucher an seinen Cebit-Messestand locken, an dem jenes Tablet zum ersten Mal zu sehen war. Bemerkenswert war dabei, dass die Firma sich eines Begriffs bediente, den Apples Marketingabteilung in die Welt gesetzt hat: Seit dem iPhone 4 steht "Retina" bei dem kalifornischen Konzern für Bildschirme, deren Auflösung so hoch ist, dass mit bloßem Auge keine Pixel mehr zu erkennen sind.
Der Bildschirm sei baugleich mit dem des iPad 4, wirbt der Hersteller dann auch selbstbewusst und erklärt, dass es sich um ein Display von LG mit IPS-Technik handelt. Wenn man das Gerät dann in die Hand nimmt, ist es auch der Bildschirm, der nach dem Einschalten sofort begeistert. Hell strahlt er, zeigt satte Farben, gute Kontraste und vor allem jede Menge Details. Muss er bei 2048 x 1536 Bildpunkten auch. Die Blickwinkelabhängigkeit ist grundsätzlich sehr gut. Seitliche Einblicke werden aber durch das stark spiegelnde Deckglas verhindert.
Auch beim übrigen Design hat sich Iconbit offenbar Mühe gegeben, dem Apple-Vorbild nahezukommen, aber nicht zu nah. So ist der Korpus aus einem Stück Aluminium gefertigt und damit robust. Ärgerlich ist, dass ab Werk eine Schutzfolie auf das Leichtmetall geklebt wurde, die beim Abziehen hässliche Klebstoffreste hinterlässt. Ebenso verwundert, dass die USB-Buchse des Space III nur zum Datenaustausch mit einem Computer, aber nicht zum Aufladen des Akkus taugt. Dafür wird das mitgelieferte Netzteil benötigt, das über einen kleinen Hohlstecker angeschlossen wird - eine ungewöhnliche Lösung.
Gemächliche Technik
Ebenso ungewöhnlich ist, wie der Hersteller die Technik seines Tablets bewirbt: Der Grafikchip ist mit vier Kernen bestückt, was Iconbit ausnutzt, um mit ihm als "Quad-Core GPU" zu werben. Ein ungewöhnlicher Schritt, der bei manchem Anwender zu der Fehlinterpretation führen könnte, den Grafikprozessor als Quadcore-CPU misszuverstehen.
Tatsächlich verfügt der auf ARM-Technologie basierende Prozessor über zwei Rechenkerne, die mit 1,6 GHz getaktet sind. Hersteller Iconbit bezeichnet ihn als Dual Core Cortex A9. Gängige Testprogramme wie etwa Geekbech 2 hingegen identifizieren ihn als ARMv7-Chip. Diese Diskrepanz hat schon bei anderen Geräten für Verwirrung gesorgt. Beides ist richtig, denn Cortex A9 bezeichnet die Hardware des Chips, ARMv7 den Befehlssatz, den der Chip beherrscht.
Unabhängig davon attestieren die Benchmark-Programme dem Space III eine Leistung, die in etwa gleichauf liegt mit Samsungs erstem Galaxy Note und dem Galaxy S3. Googles Nexus 10 ist gut doppelt so schnell.
Bei den Samsung-Geräten reichte das für reichlich Vortrieb. Tatsächlich erledigt das Space III die meisten Aufgaben zügig und spielt beispielsweise Filme auch in HD geschmeidig ab. Trotzdem machen die Chips gelegentlich einen überlasteten Eindruck. Das Scrollen auf umfangreichen Webseiten beispielsweise hakelt ein wenig, und wenn man eine solche Seite vergrößert oder verkleinert, braucht das Tablet eine kurze Atempause, bevor es die neue Schriftgröße sauber anzeigen kann.
Geht das noch billiger?
Die Fotofunktion des Space III kann man getrost vergessen. Vorne wie hinten sind 2-Megapixel-Kameras eingebaut. Geht das zum Anwender gerichtete Modell noch als für Chats brauchbare Webcam durch, sollte man sich lieber nicht vornehmen, die auf der Rückseite eingebaute Kamera für Schnappschüsse zu benutzen. Beide neigen sehr zum Verwackeln und weisen einen deutlichen Blaustich auf. Nahaufnahmen mochten damit uns generell nicht gelingen, die Bildschärfe ließ immer zu wünschen übrig.
Erstaunliche Ähnlichkeit weist das Nettab Space III mit einigen anderen Android-Tablets aus chinesischer Produktion auf. Vor allem mit dem Ployer Momo19 HD, das uns schon auf der Cebit aufgefallen war, teilt es nicht nur technische Daten. Selbst der Warnaufkleber auf der Schutzfolie des Bildschirms ("Please peel of this mask AFTER application completed") ist identisch. Allerdings ist das Ployer, so wie das ebenfalls sehr ähnliche Archos 97 Platinum HD, mit einem Quadcore-Prozessor bestückt. Der chinesische Hersteller hat es uns auf der Messe für 199 Dollar angeboten, in asiatischen Webshops wird es ab etwa 180 Euro angeboten - zuzüglich Versandkosten.
Fazit
Der Bildschirm ist es, was das Space III besonders macht. Seine Qualitäten überstrahlen die übrige Ausstattung, vor allem die mangelhaften Kameras. Der Prozessor reicht für vieles, kommt aber ebenso oft an seine Grenzen. Hat man das Gerät mit Alkohol von den Klebstoffresten der Verpackung befreit, fühlt es sich gut an und sieht auch so aus.
Eine preisgleiche Alternative ist das bauähnliche Archos 97 Platinum HD, das mehr Leistung verspricht, aber nur acht GB Speicher hat. Wer 100 Euro mehr locker machen kann, sollte dagegen lieber Googles Nexus 10 erwägen, das noch mehr Pixel bietet und auf absehbare Zeit mit allen aktuellen Android-Versionen versorgt werden dürfte.