Neues iPhone Fortschritt in Trippelschritten
iPhone 5: Minimale Entwicklung
Foto: AppleHamburg - Kann das denn ewig so weitergehen? Kann Apple, die wertvollste Aktiengesellschaft der Welt, einfach alle ein, zwei Jahre ein neues Smartphone auf den Markt bringen, dazwischen mal ein neues Tablet und ein paar Laptops, und damit weiterhin immer noch mehr Geld verdienen? Ist Apple als ästhetisch-technologische Innovationsmaschine fähig, immer weiter gewinnträchtige Avantgarde abzuliefern?
Tatsächlich sind die Innovationsfortschritte, durch die sich die letzten beiden iPhone-Modelle auszeichnen, eher verhalten zu nennen. Das iPhone 4S macht bessere Fotos als der Vorgänger, es hat einen neuen Prozessor und die Sprachsteuerung Siri versteht, wenn man Glück hat, was man von ihr will. Sonst unterscheidet es sich kaum vom vorangegangenen iPhone 4. Das iPhone 5 ist jetzt einen Zentimeter länger, knapp zwei Millimeter dünner, hat wieder eine bessere Kamera und eine neue Steckerbuchse, die dafür sorgen wird, dass sich bald neues iPhone-Zubehör blendend verkaufen wird. Es beherrscht einen schnelleren Funkstandard, allerdings nur im Netz eines einzigen Anbieters, und angeblich hält auch die Batterie etwas länger.
iPhone 5 ausprobiert: Apples Edel-Smartphone im Schnell-Check
Man wird mit dem iPhone 5 nichts wesentlich anderes tun können als mit einem iPhone 4: E-Mails lesen und schreiben, im Web surfen, Apps installieren und damit Zeit vertrödeln, Videos darauf ansehen, Musik hören und natürlich auch gelegentlich mal telefonieren. Genau wie mit dem iPhone 4 und dem iPhone 4S. Und allen anderen iPhones davor.
Schon wieder keine Revolution
Als das 4S auf den Markt kam, waren deshalb alle ein bisschen enttäuscht: schon wieder keine Revolution, keine Überraschung, schade. Das 4S verkaufte sich dann schneller als jedes andere iPhone zuvor. Für das iPhone 5, diese Prognose sei gewagt, wird das Gleiche gelten: Es wird sich verkaufen wie Regenschirme während eines plötzlichen Wolkenbruchs. Man wird es haben wollen, weil es leichter, schlanker, dünner, schneller, vor allem aber: neu ist. Unsere Smartphones sind heute längst Geschenke für Leute, die schon alles haben (auch ein Smartphone): im Zweifelsfall uns selbst.
Ein großer deutscher Mobilfunkanbieter teilt auf Nachfrage mit, dass vier von fünf Vertragskunden bei ihrer turnusmäßigen Vertragsverlängerung nach zwei Jahren ein neues, subventioniertes Handy mitnehmen, statt das alte zu behalten und in den kommenden zwei Jahren endlich weniger für ihren Vertrag auszugeben. Aussagen nur über iPhone-Besitzer will kein deutscher Mobilfunkprovider machen, aber die Behauptung erscheint doch plausibel, dass die Upgrade-Quote hier ganz bestimmt nicht kleiner ist. Selbst wenn alle, die eines wollen, schon ein iPhone hätten, würden die Mobilfunker weiterhin neue iPhones unters Volk bringen können.
Der iPod touch für den kleinen Mann
Der Erfolg von Apple als Konzern aber hängt auch noch von einem anderen, meist weniger beachteten Faktor ab: Die Marke, die den Begriff "premium" so chronisch vor sich herträgt wie Porsche oder Prada, braucht den Massenmarkt. Nicht nur, weil es immer besser ist, wenn man noch mehr Produkte verkauft. Sondern auch, weil Apples zweites Standbein nicht mit einer kleinen, elitären Zielgruppe allein auskommt.
iPhone-Zubehör: Der alte Stecker ist überall
Was Konkurrenten wie Google oder Amazon an Apple fasziniert, ist ja nicht nur der Erfolg der Hardware-Produkte des Unternehmens. Sondern auch die Konsequenz und der Erfolg, mit der Steve Jobs seinen Konzern zum digitalen Vertriebskanal für Medien fast jeder Art ausgebaut hat. Apple ist heute Buch- und Plattenhändler, Softwareshop und Videothek. Zwar wird das meiste Geld noch immer mit all den Handys, Tablets und Computern verdient, doch der digitale Vertrieb der Waren, die andere Branchen herstellen, wird als sichere Einnahmebasis immer wichtiger.
Woher aber sollen all die Nutzer kommen, die iTunes und den App Store oben halten sollen, angesichts der mit so viel Aufwand herangezüchteten Konkurrenzangebote von Google, Amazon und anderen? Apple hat, fast beiläufig, eine Strategie entwickelt, die es möglich macht, Premiumhersteller zu bleiben und doch auch in niedrigeren Preissegmenten Kunden - und damit Abnehmer für die digitalen Waren - zu gewinnen: Da ist einmal der iPod touch, das Medien-Kaufgerät des kleinen Mannes gewissermaßen. Und zum anderen sind da die alten iPhones: Die gibt es immer noch - und immer noch zu ziemlich saftigen Preisen.
Ein iPhone 3GS etwa kostet heute neu immer noch mehr als 400 Euro. Es ist seit Sommer 2009 auf dem Markt, seit über drei Jahren. Eine Ewigkeit für ein Smartphone. Erst jetzt, im Rahmen der Ankündigung des iPhone 5, machte Apple deutlich, dass das iPhone 3GS wohl nicht mehr länger hergestellt werden wird.
Mit anderen Worten: Während Hersteller wie der große, extrem erfolgreiche Konkurrent Samsung Premium- und preiswertere Segmente mit großen Produktpaletten abdecken, lässt Apple seine wenigen Handys in Würde altern - und sie verkaufen sich weiterhin. Und während andere Hersteller viel neue Technik in ihre Premiumgeräte stecken - NFC-Chips zum Beispiel oder die Fähigkeit zum kabellosen Aufladen - beschränkt sich Apple auf das Nötigste. Fortschritt in Babyschritten.
Es ist, zumindest derzeit, ein Irrtum, dass Apple vor allem von seiner Innovationsfähigkeit lebt. Apple lebt davon, seine Produkte mit einem Nimbus des Begehrenswerten zu umgeben. Einem Nimbus, der sogar dann noch hält, wenn es schon wieder etwas neues Begehrenswertes aus dem eigenen Haus gibt.
Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels war zu lesen, im iPhone 4S sei ein neuer Bildschirm verbaut gewesen. Tatsächlich war der neue Bildschirm bereits im iPhone 4 verbaut. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.