Lumia 950 im Test: So wird das Microsoft-Handy zum Windows-PC
Lumia 950 im Test Dieses Handy will ein PC sein
"Näher heranrücken." Mit dieser Aufforderung erzeugt das Lumia 950 bei mir ständig ungewollte Nähe. Das ist offenbar der Preis dafür, dass ich bei Microsofts neuem Windows-10-Smartphone weder eine Pin noch ein Passwort eingeben muss, um mich anzumelden. Stattdessen reicht es, in die Kamera zu gucken, zumindest theoretisch.
Hello nennt Microsoft diese neue Technologie, die biometrische Merkmale - Gesicht, Fingerabdruck, Iris - nutzen kann, um Passwörter zu ersetzen. Beim Lumia erfassen zwei Kameras mein Gesicht, eine mit sichtbarem Licht, die andere per Infrarot. So soll ich auch bei Dunkelheit und mit Sonnenbrille erkannt werden.
Oft funktioniert das auch prima, aber regelmäßig werde ich eben aufgefordert, das Telefon dabei näher ans Gesicht zu halten. Weiter als 20 Zentimeter können die Kameras anscheinend nicht gucken.
Dabei erlauben sich die Kameras des Lumia 950 sonst eigentlich keine Schwächen. Selbst die zum Nutzer gerichtete Selfie-Kamera macht mit ihren fünf Megapixeln hervorragende Aufnahmen und ermöglicht dank Weitwinkelobjektiv auch Gruppen-Selfies.
Super-Kamera
Noch viel besser ist die rückseitig eingebaute 20-Megapixel-Hauptkamera. Die Kameras waren schon das Highlight vieler Lumia-Handys, als diese noch zu Nokia gehörten. Daran hat sich durch den Verkauf an Microsoft glücklicherweise nichts geändert: Der Autofokus ist sehr schnell, die Aufnahmen selbst bei schlechter Beleuchtung scharf und detailreich. Erst wenn man sehr weit ins Bild hineinzoomt, werden Pixel erkennbar.
Damit ist das Lumia 950 eines der derzeit besten Kamerahandys. Sogar eine Live-Funktion gibt es, so wie bei Apples Live Photos in den iPhones 6s und 6s Plus. Die Lumias können das zwar schon länger als die iPhones, aber die Umsetzung lässt zu wünschen übrig. Nur in der Bildbearbeitungs-App Creative Studio kann man sich die kurzen Animationen der Fotos anzeigen lassen.
Windows, überall Windows
Das eigentlich besondere am Lumia 950 ist aber sein Betriebssystem, Windows 10. Es ist im Grunde dieselbe Software wie sie auch auf PC, Notebooks und Tablets läuft, nur eben an das kleine Display, die Prozessoren und Sensoren eines Smartphones angepasst. Microsoft hat sich damit davon verabschiedet, Mobil-Betriebssystem und Desktop-Betriebssystem getrennt voneinander zu entwickeln.
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Stattdessen gibt es nun eine gemeinsame Plattform, auf der man sich nach einmaliger Einarbeitung zurechtfinden soll, egal an welchem Gerät man gerade arbeitet. Grundsätzlich und mit wenigen Anpassungen sollen dann auch Apps auf allen Geräten laufen, sofern sie als sogenannte Universal-Apps für Windows 10 entwickelt wurden.
Das Handy-PC-Continuum
Grundsätzlich gibt es etwas ähnliches schon lange. Microsoft selbst beispielsweise bietet Varianten seiner Office-Programme nicht nur für Windows, sondern auch für Mac, Android und iOS an. Neue Windows-Smartphones wie das Lumia 950 beherrschen nun aber einen weiteren Trick: Schließt man sie mithilfe des 109 Euro teuren Display Dock oder pr Miracast-Drahtlostechnik an einen PC-Monitor oder einen Fernseher an, kann man sie fast wie einen normalen Computer benutzen, inklusive Maus, Tastatur und gewohnter Windows-Oberfläche.
Continuum nennt Microsoft diese Funktion, die das Handy zum Mini-PC macht. Im Test funktionierte das auch vollkommen problemlos: Das Display-Dock wird per HDMI an den TV angeschlossen, das Handy per USB an das Dock. Ein Netzteil versorgt das ganze mit Strom (siehe Bilderstrecke). Sobald man das Handy derart an den Fernseher anschließt, erscheint auf dem TV-Bildschirm ein Windows-Desktop.
Fast ein PC, aber nur fast
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Im einfachsten Fall nutzt man dann das Handydisplay als Touchpad, um den Cursor zu bewegen. Einfacher geht es mit Tastatur und Maus, die sich per USB oder Bluetooth einbinden lassen. Mit solchen Zusatzgeräten lässt sich dann auch problemlos in Office-Programmen wie Word und Excel arbeiten, ganz wie am Rechner. PC-Spiele allerdings verbieten sich, dafür reicht die Leistung dann doch nicht aus.
Ohnehin muss man sich ein wenig umgewöhnen: Es gibt keine Festplatte, nur 32 GB eingebauten Speicher und das, was eine eventuell eingesteckte Speicherkarte bietet. Online-Festplatten wie Microsofts OneDrive machen beim Arbeiten mit dem Handy als PC noch mehr Sinn als sonst schon.
Fast alle Apps, die ich ausprobiert habe, liefen über das Display Dock auch auf dem großen Bildschirm. Nur wenige, beispielsweise Netflix, mochten das nicht. Ein nettes Extra: Das Handy kann man auch im Continuum-Modus ganz normal weiterbenutzen, also beispielsweise Telefonate führen. Am Fernseher ist das wegen des relativ kurzen USB-Kabels freilich unpraktisch, an Schreibtisch und Monitor mag das besser gehen.
Fazit
Am Design könnte man noch feilen, edel sieht das 599 Euro teure Lumia 950 nicht aus. Technisch aber gibt es nichts zu meckern: Die Leistung reicht sogar für den Parallelbetrieb von Desktop- und Smartphone-Modus aus, die Kameras gehören zum Besten in diesem Bereich.
Die Möglichkeit, das Lumia sogar als Ersatz-PC zu nutzen, ist einzigartig. Einen vollwertigen Desktop-Computer ersetzt man damit nicht. Aber auf Reisen, wenn man im Hotel einen Fernseher hat, lässt sich damit prima arbeiten. Und wer sowieso nur gelegentlich einen Text schreiben, ein paar E-Mails verfassen und im Web surfen will, kann sich mit dem Lumia den PC womöglich ganz sparen.
Anmerkung der Redaktion: Wie uns einige Leser berichten, funktioniert Continuum an TV-Geräten mit Miracast-Funktion auch drahtlos. Wir haben den Text entsprechend geändert. An unserem schon etwas älteren Test-TV klappte das leider nicht. Auch im Drahtlos-Betrieb am Fernseher ist ein Netzteil fürs Handy zu empfehlen, da Continuum viel Rechenleistung benötigt und deshalb den Akku stark beansprucht.
Technische Daten
| Hersteller | Microsoft |
|---|---|
| Modell | Lumia 950 |
| Maße (Millimeter) | 145 x 73 x 8 |
| Gewicht | 150 Gramm |
| Sprechzeit | bis zu 23 Std. |
| Standby | bis zu 12 Tage |
| Display-Diagonale | 5,2 Zoll |
| Display-Auflösung | 2560 x 1440 |
| Prozessor | 1,8 GHz Hexacore |
| Arbeitsspeicher | 3 GB |
| Massenspeicher | 32 GB |
| Speichererweiterung | microSD |
| Kamera (hinten/vorne) | 20 MPx / 5 MPx |
| Mobilfunktechnik | LTE |
| W-Lan | 802.11 a/b/g/n/ac |
| Bluetooth | 4.1 |
| Betriebssystem | Windows 10 |
| Besonderheiten | Continuum-Funktion |
| Preis (Euro) | 599 |