Musikmesse 2011: Wunderland der Stahlgitarren - DER SPIEGEL
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Irre Instrumente: Die Neuheiten der Musikmesse 2011

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Musikmesse 2011 Wunderland der Stahlgitarren

Es ist laut, es ist ein bisschen irre und sehr spaßig, das Jahrestreffen der Instrumentenbauer. Auf der Musikmesse in Frankfurt präsentieren Tüftler ihre neuen Ideen: Schlagzeuge ohne Kessel, Elektro-Geigen oder Gitarren zum Preis von Mittelklassewagen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Morgens um zehn scheint die Musikmesse auf den ersten Blick noch nicht aus ihrem Schlaf erwacht zu sein. Die Gänge sind leer, die Hallen füllen sich nur langsam. Die Geräuschkulisse aber ist schon da.

Ein Schild weist mahnend auf einen maximal erlaubten Lärmpegel von 70 Dezibel hin. Eine Vorschrift, die hier wohl kaum jemand so richtig ernst nimmt, wie die Lärmpegel-App auf meinem Smartphone beweist: Sie zeigt regelmäßig Werte jenseits von 90 Dezibel an.

Doch einige Aussteller bemühen sich tatsächlich, die Vorgaben einzuhalten. Sie lassen ihre Showbands in Zimmerlautstärke aufspielen. Den richtig fetten Sound bekommt nur zu hören, wer sich einen der an vielen Messeständen angebotenen Kopfhörer aufsetzt. In der Gitarrenhalle jedoch kann man darüber nur lachen. Hier wird geklotzt. Und das kann man nicht nur hören, dass soll man auch sehen. Zwei Hersteller von Gitarrenverstärkern versuchen sich gegenseitig mit der Größe ihrer übermannshohen Wände aus Verstärkern zu übertrumpfen - die glücklicherweise funktionslos und still dastehen.

Ein Messegast, der die Musikmesse schon seit 25 Jahren besucht, erklärt mir, dass es in den nächsten Tagen immer lauter werden wird. Nicht nur, weil die Aussteller versuchen, sich gegenseitig zu übertönen, auch, weil auf manchem Messestand morgens gerne schon ein Schlückchen getrunken werde, was die Hemmungen lockere. Das Feiern gehört zu dieser Messe wie die Rocker und die Schlipsträger.

Eine Kreuzung aus Geige und Gitarre

Einer, der in diesem Kampf um Hörbarkeit nur verlieren kann, ist der japanische Tüftler Yoshifumi Hori. Kaum jemand bemerkt ihn auf seinem kleinen reinweißen Messestand, auf dem nur er und zwei merkwürdige Musikinstrumente stehen. Ein Wunder ist das nicht, direkt nebenan hämmern zwei ungarische Bassisten auf ihre Instrumente ein, um das Durchsetzungsvermögen ihrer besonders leichten Bassverstärker zu demonstrieren - was zu Yoshifumis Bedauern hervorragend gelingt.

Diesem Bassgewitter hat Yoshifumi mit seinem kleinen Verstärkerchen nichts entgegenzusetzen. Dabei könnte man bei ihm, anders als bei den beiden Basshämmerern, etwas völlig Neues hören. Das Instrument, das der junge Japaner erfunden hat und mir vorzuführen versucht, nennt er Violafon. Dabei würde die Bezeichnung Violar viel besser zu dem Musikinstrument passen, das man als eine Kreuzung aus elektrischer Geige und E-Gitarre bezeichnen könnte, und das Yoshifumi mit einem Geigenbogen spielt.

Musik kommt auf den und aus dem Tisch

Noch ist das Instrument ein Einzelstück. Auf der Messe präsentiert sich der Erfinder in der Hoffnung, ein Unternehmen zu finden, das sein Violafon im großen Stil produzieren will. Eine Hoffnung, mit der er nicht allein ist. Nur ein paar Meter entfernt sitzt Ivan Nagels in seinem Kabuff und zeigt seinen Note-Neck, einen ausgesprochen ungewöhnlichen Gitarrenhals. Nagels hat den Hals mit Notenbezeichnungen beschriftet, die Gitarrenschüler beim Lernen lesen sollen. So, erklärt Nagels, müsse der Lehrer nicht mehr sagen: "Drück die vierte Seite am dritten Bund", sondern könnte gleich korrekt dazu auffordern: "Spiel ein F auf der D-Saite". Auf diese Weise wäre Gitarrenunterricht viel effektiver. Nur braucht auch Nagels dafür erst mal einen Hersteller. Ein Vertreter von Fender, einem Gitarren-Giganten, habe ihn schon besucht. Konkret ist aber nichts.

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Abgefahrene Apps, elektrische, Trommeln und tausende Knöpfe: Noch mehr Neues von der Musikmesse

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Bei den meisten übrigen Herstellern ist das ganz anders. Sie nutzen die Messe, um ihre neuesten Entwicklungen vorzustellen - und die haben nicht immer etwas mit Blockflöten, Heimorgeln oder Gitarren zu tun. So wie die spanische Reactable Systems. Die Ausgründung eines Universitätsprojekts zeigt auf ihrem Messestand den Reactable Live, einen berührungsempfindlichen Bildschirmtisch, Microsofts Surface Table ähnlich. Mit dem Unterschied, dass mit dem Reactable jeder Nerd zum Musiker wird. Synthesizermodule, Tonfolgen, Klangveränderungen werden mit speziellen Bauklötzen auf dem Tisch zurechtgelegt, können mit Fingergesten variiert und neu gruppiert werden. Vor allem DJs könnten sich das gut 8000 Euro teure Gerät zulegen, sich bei ihren Shows dabei Filmen lassen, wie sie darauf Klötzchen schieben, um die Musik zu verändern. Als billige Alternative gibt es Reactable auch als App, für 7,99 Euro.

Angebote für Bestverdienende

Dass Geld auf der Musikmesse kein Hindernis zu sein scheint, beweisen auch zwei Österreicher. Gerhard Jaeger und Harald Huettl verlangen für ihre ungewohnt geformten und ungewöhnlich elektrifizierten Gitarren zwischen 5000 und 10.000 Euro. Dafür kann man sicher sein, eines von maximal 600 Exemplaren eines Modells zu bekommen. Die Zahl, sagen die beiden, haben sie festgelegt, weil sie glauben, etwa jeder zehnmillionste Erdenbürger könnte ein solches Instrument gebrauchen. Dessen Kaufpreis übrigens ist erst der Anfang. Je nach Modell, empfehlen Jaeger und Huettl, sollte man sich noch zwei bis drei Verstärker zulegen, für den optimalen Sound.

Das mag teuer sein, aber nicht ungewöhnlich, jedenfalls nicht hier. Noch teurer nämlich sind einige der besonders alten oder besonders aufwendig gebauten Gitarren, die auf dem Messegelände ausgestellt werden. So wie die Birdflower Telecaster NOS, die Fender nur hinter Glas zeigt. Das Kürzel NOS steht dabei für "New Old Stock", also eine Gitarre, die nach alten Spezifikationen hergestellt wurde. "Keine Nachbestellungen" steht auf dem Preisschild darunter.

Aber selbst Erstbestellungen dürfte es nur wenige geben, denn der aufgerufene Kaufpreis lässt einem den Atem stocken: 50.359,61 Euro soll das Instrument kosten. Ob ein entsprechend gut situierter Käufer die edle Gitarre dann jemals spielen wird, ist eine andere Frage. Aber darum geht es auf dieser Messe auch nicht, daran werde ich Sekunden nach dem Blick aufs Preisschild von einer aufheulenden Stratocaster-Gitarre erinnert. So teuer wie die Tele ist die bestimmt nicht - aber sie klingt gut. Und sie ist laut genug, um meine Gedanken wieder in andere Bahnen zu lenken.

Die neuesten Musikinstrumente und die erstaunlichsten Exponate sehen Sie in unseren Bilderstrecken zur Musikmesse.

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