Neue Strategien: Office. Dot. Com - DER SPIEGEL
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Neue Strategien Office. Dot. Com

Die Macht von Microsoft stützt sich auf zwei Produkte: Ein Betriebssystem und eine Office Suite. Das ist nicht zu halten, denn Konkurrenz kommt nicht nur von Open-Source-Software, sondern auch von Google. Die Zukunft scheint Web-basierter Software zu gehören - und Microsoft will dabei sein.
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Die Nachricht vorab: Microsoft hat die Domain Office.com  gekauft. Die bisher von einem Privatmann gehaltene, von einem belgischen Unternehmen genutzte Adresse ist bereits auf Microsoft überschrieben. Wie viel Geld für die plakative Domain geflossen ist, ist nicht bekannt.

Der Rest ist Mutmaßung, denn bisher kommentiert Microsoft den Vorgang nicht. Aber es sind gut begründete Annahmen: Es geht darum, die nächste Microsoft-Office-Suite Office 2010 zu promoten, ihr eine Adresse im Web zu geben. Und es geht darum, den drohenden Machtverlust des bisher größten und umsatzstärksten IT-Unternehmens zu verhindern.

Man vergisst das leicht: Im Vergleich zu Microsoft (Nettogewinn 2008: circa 17,7 Milliarden US-Dollar) ist das heute so viel prominentere Google (Nettogewinn 2008: rund 4,2 Milliarden Dollar) noch immer ein Zwerg. Doch Microsoft hat ein Problem: Seine Waren.

CDs und DVDs: Old business?

Bisher verdiente Microsoft sein Geld mit Programmen, die es auf CDs oder DVDs brannte, in Kartons verpackte und im Handel verkaufte. Eine höchst profitable Strategie, vor allem da Microsofts Betriebssysteme einen Marktanteil von knapp über 90 Prozent am PC-Markt halten. Numerisch nennenswerte Konkurrenz bieten hier nur Apple (weltweit rund 5 Prozent) und die verschiedenen Linux-Distributionen (unter 2 Prozent).

Doch der Erfolg eines Betriebssystems ist abhängig von der Güte und Vielfalt der Software, die der Markt dafür produziert. Microsoft selbst liefert das eigentliche Kernstück, das Office-Paket. Bei über 80 Prozent soll der Marktanteil liegen (und rund 95 Prozent des Umsatzes mit solchen Produkten), obwohl es genügend Konkurrenzprodukte gibt. Paroli bietet hier in nennenswerter Stärke nur noch OpenOffice - und das natürlich, weil es Open Source und kostenfrei zu haben ist. Die geschätzt 15 Prozent Marktanteil hält OpenOffice wohl vor allem deshalb, weil sich Privatleute das Programmpaket von den Beipacker-CDs der IT-Presse ziehen.

Doch die Zeiten ändern sich. Google bietet seit längerem Web-basierte Dienste, die Office-Software-Anwendungen erledigen können. Sie sind weniger umfangreich als die großen Software-Suiten mit ihrer Funktionsvielfalt - in Bezug auf mobile Nutzung und Kollaborationsmöglichkeiten diesen aber überlegen. Jetzt soll ein Web-basiertes Betriebssystem dazu kommen - ein frontaler Angriff auf Microsoft.

Und anders als 1996-97, als Oracle-Chef und Bill-Gates-Dauergegner Larry Ellison erstmals die Vision vom Network Computer (aka Net-PC) beschwor, der sich alle (Java-) Software on Demand aus dem Web holen sollte, ist das heute durchaus realistisch: Breitbandverbindungen sind Standard. Ellison hält bis heute eine Mehrheitsbeteiligung am Unternehmen NetSuite  , das versucht, Business-Software via Web als Service anzubieten.

Die Gates-Company weiß, dass Office in seiner Offline-Gestalt als Geldkuh nicht zu halten ist, es muss sich an diese Entwicklung anpassen. Im Mai stellte Microsoft eine Web-basierte Version vor (siehe Bildergalerie), die gegen Jahresende veröffentlicht werden mag - die Distributionsplattform steht mit Office.com nun wohl bereit.

Software als Web-basierte Dienste sind Teil der so genannten Drei-Bildschirm-Strategie, die Microsoft auch in Zukunft allgegenwärtige Präsenz sichern soll: Was aus Microsofts Softwareschmieden kommt, soll künftig auf dem Desktop verfügbar sein, aber auch per Mobiltelefon und Internetbrowser von überall her genutzt werden können. Microsoft versucht einmal mehr, zum Netz-Unternehmen zu werden.

Andere Handschrift, mehr Geschick

Und anders als in vergangenen Jahren, als Microsoft das mit großer Marktaggressivität versuchte, scheint das Unternehmen seinen Stil zu ändern. Bisher gelang es Microsoft zwar, das Portemonnaie der Nutzer zu erreichen, aber selten ihr Herz: Web-Unternehmen aber brauchen auch Popularität, wenn sie erfolgreich sein wollen.

Niemand zeigt das besser als Google. Der Erfolg der Firma fußte nicht nur auf seiner Suchtechnik, sondern nicht zuletzt auf seinem Plastik-Kinderspielzeugbunten Image: Was von Google kam, stand unter Generalverdacht, gut und nett gemeint zu sein. Google veröffentlichte in den Augen seiner Fans keine Dienste und Produkte, sondern beschenkte die Welt mit seinen Wohltaten. Was aus Redmond kam, war für den PC-User hingegen seit langem eine leidige Notwendigkeit - aber Produkt eines Unternehmens unter dem Generalverdacht, schlecht, schlimm, böse zu sein.

Gerade in den Neunzigern mutierte der einst als netter, irgendwie tollpatschiger, aber geschäftstüchtiger Über-Nerd zur Popfigur gewordene Bill Gates in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer Art sinisterem Paten der IT-Welt. Microsoft hielt mit Image-Kampagnen dagegen, deren Stil vermuten ließ, sie seien von einer Art dauerlächelnden Sekte frisch desinfizierter Gebrauchtwagenhändler produziert. Das daraus resultierende glitschige Business-Image war wenig geeignet, bei der Internet-Community Symphatien zu wecken.

Auch hier lernt Microsoft hinzu, nimmt sich zunehmend souveräner selbst auf die Schippe. Seit Jahresbeginn folgt eine Werbung auf die andere, bei der man sich fragt, ob das noch ernstgemeint sein kann. Professioneller als die als virale Kampagne konzipierte Office-2010-Kampagne kam bisher keine daher. Das von Dennis Liu  produzierte Video brachte es in einem Monat bei YouTube auf über eine Million Abrufe:

Kein Zweifel: Mit einem Mal scheinen Microsoft Dinge zu gelingen, an denen es in den zwei Jahrzehnten davor regelmäßig scheiterte. Dazu zählt nicht zuletzt die Suchmaschine Bing, das erste ernstzunehmende Produkt dieser Kategorie aus dem Hause Microsoft. Eine Kooperation mit Yahoo soll dafür sorgen, dass die Microsoft-Suche schon bald zu Googles stärkstem Konkurrenten wird.

Office.com deutet nun darauf hin, dass sich Microsoft auch in anderen Bereichen von der seltsamen Microsoft-Live-Strategie der letzten Jahre getrennt hat. Das Konzept von Live sah vor, alles, was Microsoft zu bieten hat, auf einer Plattform zusammen zu führen. Wie bei früheren Versuchen, sich eine Schlüsselstellung im Web zu erarbeiten, machten die Nutzer auch das nicht mit: Live blieb ein hohler Begriff, eine scheintote Präsenz. Inzwischen ist es mausetot: Wer Live.com besuchen will, landet bei Bing . Dass die Suchseite ein Microsoft-Angebot ist, wird schon fast schamhaft versteckt - die Marke ist pastellig in den Hintergrund gerückt.

Auch Office.com hat wie Bing das Potential, als eindeutig verständliche Adresse selbst zu einer Marke zu werden - und Bing markiert den Abschied vom Grundkonzept, alles, was aus Redmond kommt, zwanghaft unter der Microsoft-Flagge segeln lassen zu müssen. Das ist geschickt - und weit unaufdringlicher als frühere Strategien. Noch ist die Web-Version von Office 2010 nicht online, aber man darf gespannt sein: Google fand für seine Docs und Office-Apps bisher mehr Aufmerksamkeit als Nutzer. Die sind durchaus Gewohnheitstiere und werden es zu schätzen wissen, die ihnen vertraute Software als Web-Service serviert zu bekommen. Microsoft stellt sich dem Konkurrenzkampf mit Google auf dessen eigener Plattform weit geschickter, als man das vielleicht erwartet hätte..