Originelle Smartphones Ausbruch aus dem Androiden-Einerlei
Android-Handys: Trotz Google-Betriebssystem gibt es große Unterschiede
Foto: SPIEGEL ONLINENa endlich - langsam verändert sich die Android-Landschaft. Nachdem die Handys mit dem Google-Betriebssystem lange Zeit ziemlich austauschbar erschienen, alle irgendwie ähnlich und nach iPhone aussahen, alle dieselben Funktionen hatten und gleich schnell - oder langsam - waren, löst sich dieser Einheitsbrei jetzt auf. Echte Lowcost-Handys, sogenannte Feature-Phones, fehlen im Android-Umfeld zwar immer noch, ihren Smartphones versuchen etliche Hersteller nun aber nicht nur mit Design, sondern auch mit besonderen Fähigkeiten ein eigenes Gesicht zu geben.
Das beste Beispiel für diesen Trend ist das Xperia Play von Sony Ericsson, das Playstation-Handy. Dass an diesem Smartphone etwas anders ist, fällt dabei zunächst gar nicht auf. Zunächst merkt man vor allem, dass es dicker ist als die meisten seiner Konkurrenten. Ansonsten scheint es ein ganz gewöhnliches Android-Handy mit Aufschiebetastatur zu sein.
Schiebt man aber den Bildschirm nach oben weg, um an die vermeintliche Tastatur zu kommen, entblößt sich nicht etwa ein Tastenfeld, sondern ein Game-Controller im Stil der Sony-Spielkonsolen. Spätestens dann wird klar, dass man eigentlich kein Handy vor sich hat, sondern eine mobile Spielkonsole, mit der man auch telefonieren kann.
Androidenfrühling: Sony Ericsson Xperia Play
Erfreulich dabei: Der Bildschirm ist Klasse und die Chips im Handy liefern so viel Leistung, dass keines der teils sehr aufwendigen vorinstallierten Spiele ins Stocken kam. Unter anderem gehören dazu "Die Sims 3", "Fifa 10" und "Star Batallion". Gelegenheitsspieler erfreut dabei, dass sie endlich auch mal echte Spielsteuerungselemente benutzen können. Playstation-Besitzer stören sich dagegen daran, dass die analogen Joysticks der Game-Controller auf dem Handy durch digitale Sensorflächen ersetzt wurden. Schlimmer noch: Einige Spiele muss man trotz des integrierten Controllers über den Touchscreen steuern.
Auf viele Spiele muss der Nutzer allerdings ohnehin noch warten. Über den Android Market sind zwar schon gut 50 Titel erhältlich, die sich als "optimiert fürs Xperia Play" anpreisen, echte Playstation-Spiele sind aber noch Mangelware. Dabei wäre gerade die Fähigkeit, Spiele, die ursprünglich für die PSOne entwickelt wurden, abzuspielen, die Killerfunktion des Xperia Play. Bisher sind im PlayStation pocket genannten Download-Shop allerdings nur fünf solche Games erhältlich, unter anderem "Crash Bandicoot" und "MediEvil". Fans müssen sich also noch gedulden, bis das Handy wirklich zur mobilen Playstation wird.
Was im Test noch weniger überzeugen konnte, war die Timescape-App, die Sony Ericsson auf seinen Handys, also auch auf dem Xperia Play, installiert. Die App soll automatisch Daten aus Quellen wie Twitter und Facebook unter einer hübschen Oberfläche zusammenführen. Leider klappte das im Test weder so automatisch, noch so ruckelfrei, wie man es sich wünscht. Ohne Timescape jedenfalls funktionierte das Test-Handy besser.
Ein Android mit Schmutzschutz, ein Handy, das auch Google benutzt und eines, das sich selbst unglaublich findet: Lesen Sie auf den folgenden Seiten, wie sich drei andere Android-Handys von der Konkurrenz abzuheben versuchen:
Samsung Nexus S
Eigentlich kennt man dieses Handy als "das zweite Google-Handy". Der Grund ist einfach: Google hat sich dieses Modell von Samsung nach Maß entwickeln lassen, um darauf erstmals die aktuelle Android-Version 2.3 laufen zu lassen. Wie schon beim ersten Nexus soll dieses Handy Entwicklern als Plattform zum Test ihrer Apps dienen.
Weil das Nexus S aber von Samsung gebaut wird, ist es auch direkt von Samsung erhältlich. Wer Herr im Hause ist, zeigt sich bei einem Blick auf die Rückseite. Der Name Google prangt dort überdeutlich in der Mitte, während sich Samsung auf den unteren Rand zurückziehen musste.
Technisch lässt das zweite Google-Handy nur wenig Platz für Wünsche. Herausragend ist zum einem das vier Zoll große Display in Samsungs "Super-Clear-LCD"-Technik, das hell und kontrastreich strahlt. Vor allem aber ist es im Vergleich mit anderen Touch-Displays weniger anfällig für Fingerabdrücke, scheint einfach auch nach längerer Benutzung sauberer zu sein. Das andere technische Highlight ist der integrierte NFC-Chip, der das Nexus S eines Tages etwa zur Mobilfunk-Geldbörse machen soll - wenn es denn passende Anwendungen gibt.
Androidenfrühling: Samsung Nexus S
Weniger nützlich, dafür aber eigenständig, ist das Design des Nexus S. Das Deckglas des Bildschirms ist oben und unten leicht nach oben gebogen, weshalb es nicht aufliegt, wenn man das Handy mit dem Display nach unten auf einen Tisch legt. Besonders auffällig ist das nicht, sticht nur ins Auge, wenn man sein durch die Biegung verzerrtes Spiegelbild im ausgeschalteten Display sieht. Im Übrigen ist das Nexus S ausgesprochen angenehm und rund gehalten, liegt perfekt in der Hand, erfreut durch eine ruckelfreie Benutzeroberfläche und eben durch Googles Android 2.3, das bisher nur auf wenigen Smartphones zu finden ist.
HTC Incredible S
Der taiwanesische Handy-Hersteller HTC betitelt seine Smartphones gern mit großen Namen: Neben Desire (Verlangen), Legend (Legende) und künftig Sensation findet auch das ganz unbescheiden Incredible (unglaublich) genannte Handy Platz im Portfolio des Herstellers. Der HTC-Werbespruch "trau dich, anders zu sein", trifft eigentlich nur auf die Rückseite zu. Die ist tatsächlich ungewöhnlich geformt, sieht aus, als wäre dort ein kleiner Block Metall in einen größeren hineingeschmolzen, macht das Handy wegen seiner matten Oberfläche aber zu einem angenehmen Handschmeichler.
Was in diesem Block verborgen ist, verrät ein Blick auf die Ausstattungsliste, auf der kaum etwas fehlt, was aktuelle Smartphones gut und teuer macht: Der Prozessor tickt mit einem Gigahertz, die Kamera schießt Fotos mit Acht-Megapixel-Auflösung und Videos mit 720p. Der Arbeitsspeicher ist mit 768 MB gut bestückt und für Fotos, Filme und Videos liegt eine Acht-Gigabyte-Speicherkarte bei, drahtlose Verbindungen werden unterwegs per HSPA, lokal auch per W-Lan 802.11 b/g/n oder Bluetooth hergestellt. GPS und diverse Sensoren sind natürlich auch enthalten.
Das Resultat des Aufwands ist direkt spürbar: Wartepausen gibt es nicht, Web-Seiten werden schnell geladen und Videos ruckelfrei abgespielt. Und das macht auf dem hellen, scharfen Display richtig Spaß. Per DLNA-Standard lassen sich Bilder und Videos zudem drahtlos auf entsprechend vorbereitete Fernseher übertragen, HDMI-Kabel überflüssig.
Androidenfrühling: HTC Incredible S
Von der Konkurrenz hebt sich das Incredible S aber vor allem durch die HTC-eigene Benutzeroberfläche Sense ab, die behutsam über Googles Android gestülpt wurde und mit eigenen Widgets, wie etwa einem für den Wetterbericht, häufig benötigte Daten auf einem der sieben möglichen Homescreens anzeigt.
Motorola Defy
Motorola versucht gerne mal, etwas andere Handys zu bauen, als die Konkurrenz. das fing einst mit dem damals superflachen extravaganten Klapphandy Razr an und findet in Letzter Zeit mit dem originellen Backflip-Tastatur-Handy und bald mit dem Atrix, das man per Adapter zum Notebook umbauen kann, seine Fortsetzung. Mit einem ganz anderen Konzept macht das Defy im Androiden-Einerlei auf sich aufmerksam.
Statt zu versuchen, sich besonders edel zu geben oder mit einem besonders großen Bildschirm zu locken soll es besonders robust sein. Der Begriff Outdoor-Handy fällt dabei - sicher absichtlich - nie. Das ist auch besser so, denn ein Outdoor-Handy ist das Defy sicher nicht, sondern nur das, was der Name verspricht. Denn den englischen Begriff "to defy" kann man als "trotzen" ins Deutsche übersetzen, und genau das tut das Motorola angeblich: Es soll einigen Umwelteinflüssen trotzen, wird als staubdicht und wassergeschützt beworben.
Viel ist davon allerdings nicht zu sehen. Verglichen mit richtigen Outdoor-Handys fehlen etwa dicke Gummischützer an den Ecken. Immerhin, die USB-Buchse wird von einem Plastikdeckel geschützt, die Kopfhörerbuchse durch einen Gummistopfen verschlossen. Dass die Gehäuseschrauben nach außen verlegt wurden, dürfte eher kosmetische Gründe haben. Sieht so schön robust aus. Ins Waschbecken sollte man so ein Handy trotzdem nicht fallen lassen, ein bisschen Regen wird es schon eher wegstecken.
Androidenfrühling: Motorola Defy
Ansonsten steckt im Defy typische Android-Technik, die der US-Konzern um Blur erweitert hat, einen Online-Dienst, der Daten und Passworte geräteunabhängig zwischenlagert. Das ist praktisch, wenn man sich öfter ein neues Handy leistet oder ein verlorenes oder geklautes ersetzt: Nach Eingabe der Blur-Zugangsdaten werden die Account-Einstellungen auf das neue Gerät übertragen und beispielsweise E-Mail- oder Google-Accounts und Facebook automatisch eingerichtet - sofern man von einem Motorola-Handy auf ein anderes Motorola-Handy umsteigt. So funktioniert Kundenbindung.
Abgesehen von diesen Extras ist das Defy ein fast normales Android-Handy, das funktioniert, wie man es von ihm erwartet. Nervig sind nur die vielen aktiven Widgets, die ab Werk über die sieben Homescreens verteilt sind und das Telefon zeitweise fast zum Stillstand bringen, weil sie so eifrig Daten aus dem Netz nachladen. Hier hilft nur abspecken, wegschmeißen, deinstallieren, um den Prozessor des kleinen Motorola zu entlasten.