Smartglasses erklärt Das können moderne Datenbrillen
Mark Zuckerberg bei Metas Connect-Event: Smarte Brillen liegen wieder im Trend
Foto:David Paul Morris / Bloomberg / Getty Images
Was Smartglasses sind? Dass diese Frage nicht so einfach zu beantworten ist, zeigt schon ein kurzer Blick in die englische Wikipedia, die gleich drei, teilweise deutlich voneinander abweichende Definitionen liefert. Der kleinste gemeinsame Nenner ist meistens, dass es sich um Brillen handelt, in die elektronische Komponenten wie Sensoren, Kameras, Mikrofone, Lautsprecher oder Displays eingebaut sind. Bei einer so niedrigen Hürde zählen dazu aber auch Mixed-Reality-Headsets wie die Meta Quest oder Apples Vision Pro .
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Dieser Artikel folgt einer strengeren Auslegung des Begriffs »smarte Brille«. Hier geht es um Modelle mit herkömmlichem Brillendesign, die über den Einsatz als Sehhilfe, Sonnenschutz oder modisches Accessoire hinaus zusätzliche Funktionen wie Medienwiedergabe, Videoaufzeichnung, Telefonie, Benachrichtigungen oder Navigation bieten, statt komplett auf immersive Erlebnisse ausgelegt zu sein.
Anders ausgedrückt: Wenn bei diesen Geräten der Akku leer ist, lassen sie sich weiter als »dumme« Brillen tragen. Daher behandeln wir in dieser Artikelstrecke auch keine Videobrillen, mit denen man etwa im Flugzeug einen Film anschaut.
Die Brille, die wohl die meisten bislang mit dem Begriff Smartglasses in Verbindung brachten, ist die 2012 erstmals präsentierte »Google Glass«. Sie erlebte zwar einen kurzen Hype, setzte sich in der Breite aber nicht durch. Doch wer danach meinte, die Produktkategorie sei ein für alle Mal tot, muss sich eines Besseren belehren lassen: So verkaufte sich die Ray-Ban Meta von EssilorLuxottica und Meta seit der Markteinführung Ende 2024 weltweit bereits mehr als zwei Millionen Mal und ist aktuell das nach eigenen Angaben beliebteste Modell des Brillenkonzerns.
Smarte Ray-Ban Meta: Sie lässt sich auf den ersten Blick kaum von einer gewöhnlichen Brille unterscheiden – was zu ihrem Erfolg beigetragen haben dürfte
Foto: heise MedienEine neue Generation
Das blieb nicht ohne Folgen: Mittlerweile haben etliche Unternehmen smarte Brillen angekündigt, erste Konkurrenzmodelle zur Meta-Brille wie die Even G1 von Even Realities sind sogar hierzulande bereits erhältlich. Schon auf der CES präsentierte im Januar zudem eine Reihe chinesischer Firmen fast serienreife Smartglasses. Einer der Hersteller aus China ist zum Beispiel das Unternehmen Rokid.
Google kehrt ebenfalls zurück: Gemeinsam mit Samsung arbeitet das Unternehmen an Smartglasses mit dem speziell für dieses Einsatzgebiet entwickelten Betriebssystem Android XR (für »Extended Reality«). Sie wurden jüngst auf der Google I/O präsentiert und kommen voraussichtlich noch 2025 auf den Markt. Und auch Apple soll eine smarte Brille in der Entwicklung haben, deren Marktstart allerdings noch nicht für dieses Jahr erwartet wird.
Doch was ist bei den neuen Smartglasses anders? Das fängt beim Erscheinungsbild an: Sah die Google Glass mit ihrem deutlich sichtbaren Display schon von Weitem so aus, wie man sich gemeinhin eine Datenbrille vorstellt, sind aktuelle Smartglasses in der Regel nicht mehr von gewöhnlichen Brillen zu unterscheiden. Die komplette Elektronik samt Sensoren und Bedienelementen steckt hier unauffällig im Rahmen und in den Bügeln.
Szene aus Googles Demovideo zur kommenden Brille mit Google XR: Anders als bei aktuellen Smartglasses mit Projektion gibt es hier auch Einblendungen im unteren Bereich des Sehfeldes und in mehreren Farben
Foto: heise MedienTrotzdem unterscheiden sich die aktuellen Smartglasses stark voneinander. So übermitteln einige Modelle – wie die Ray-Ban Meta – Informationen ausschließlich per Audio an den Nutzer, während andere voll auf visuelle Darstellung setzen. Das kann etwa über ein winziges Display im Rahmen geschehen, zu dem man schielt. Der Trend geht aber klar in Richtung Miniprojektoren, die digitale Inhalte ins Blickfeld des Nutzers einblenden. Das beherrscht bereits die Even G1. Und auch Meta soll an einer Nachfolgerin der Meta-Brille mit Anzeige arbeiten.
Bitte mit KI
Gemeinsam haben die Smartglasses der neuen Generation eine starke Verknüpfung mit dem Bereich der generativen künstlichen Intelligenz, weshalb auch von »KI-Brillen« oder »AI Glasses« die Rede ist. Man trägt also praktisch einen Assistenten auf der Nase, der jederzeit Fragen beantwortet – zum Beispiel solche nach Uhrzeit und Wetter. Die KI erlaubt daneben oft eine freihändige Bedienung der Funktionen, etwa über Sprachbefehle wie »Rufe Jan-Keno Janssen über WhatsApp an!«. Vor allem aber ermöglicht die KI Funktionen wie die Erkennung von Objekten und Personen oder Liveübersetzungen von Sprache und Texten.
Damit ist aber auch klar, dass sich Smart Glasses von sogenannten Hör- oder Audiobrillen wie der Huawei Eyewear 2 unterscheiden, die lediglich die Aufgaben eines Kopfhörers oder Headsets übernehmen und dafür per Bluetooth mit dem Handy gekoppelt werden. Und es eröffnet die Diskussion, wie smart Amazons (bislang nur in den USA erhältliche) Smartglasses der Echo-Frames-Reihe sind, die eine freihändige Verbindung zur »alten« Alexa (ohne generative KI) auf dem Smartphone herstellen.
Das Smartphone ist wichtig
Bei den aktuellen und in näherer Zukunft erscheinenden Brillen laufen allerdings zumindest weitergehende KI-Funktionen über das gekoppelte Smartphone mit Begleit-App. Die aktuellen Wearable-Prozessoren sind zu schwach und zu ineffizient, um diese Aufgabe zu übernehmen; zudem mangelt es ihnen an der nötigen Mobilfunkanbindung.
Und weil KI bei Smartglasses eine große Rolle spielt, ist es auch wichtig, darauf hinzuweisen, dass bei der Ray-Ban Meta viele dieser Funktionen in EU-Ländern zunächst nicht freigeschaltet waren. Erst später lockerte Meta die Sperren – wobei hiesige Nutzer immer noch nicht auf alle Features zugreifen können, die US-Kunden zur Verfügung stehen. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil hinter den Einschränkungen weniger technische als firmenpolitische Gründe standen und stehen. Letztlich sind die Kunden also den Launen des Herstellers ausgeliefert.
Einige Konkurrenten – wie Even Realities – haben darauf reagiert und werben nun damit, dass die Käufer bei ihren smarten Brillen selbst entscheiden können, welches KI-Modell zum Einsatz kommt. Doch schon bei der Even G1 zeigt sich auch die Kehrseite der Medaille: Da die Nutzung von KI Geld kostet, muss man bei Even Realities für Übersetzungen in bester Qualität Volumenkontingente kaufen.
Nicht ohne meine Brille
Dafür, dass sich Smartglasses auf breiter Front durchsetzen, reicht es aber nicht, dass die Modellvielfalt in den kommenden Monaten signifikant steigt. Entscheidend ist, dass sich potenzielle Kunden davon überzeugen lassen, sich eine smarte Brille anzuschaffen. Das ist aber leichter gesagt als getan, wie die Erfahrung mit 3D-Fernsehen zeigt: Viele Menschen, die gewöhnlich keine Brille tragen, mochten eine solche nicht einmal für wenige Stunden auf der Nase haben.
Insofern ist es sicher kein Zufall, dass die Websites von Ray-Ban und Meta die KI-Brille vor allem als Sonnenbrille präsentieren: So will man sie offenbar auch Menschen ohne Sehschwäche schmackhaft machen. Auch die Assoziation von Sonne und Urlaub ist vom Hersteller wohl erwünscht. Schließlich liegt nahe, die in der smarten Brille eingebaute Kamera für Schnappschüsse im Urlaub zu nutzen, während die Übersetzungsfunktion und die Objekterkennung bei der Orientierung vor Ort helfen.
Ein anderer Ansatz sind Fahrradbrillen, bei denen etwa Navigationshinweise in die Gläser projiziert werden. Dass diese Anzeigen konstruktionsbedingt aktuell oft im oberen Bereich der Brillengläser erscheinen, wäre hier durchaus vorteilhaft, da man beim Radfahren eher durch diesen Bereich der Brille schaut. EssilorLuxottica entwickelt angeblich gerade eine smarte Sportbrille für seine Marke Oakley.
Wer im Alltag sowieso eine Brille trägt, hat üblicherweise eine niedrigere Hemmschwelle, sein gewöhnliches Modell gegen eine smarte Variante einzutauschen. Doch selbst diese Konstellation ist nicht immer glücklich. So können Brillenträger manche Smartglasses nicht einfach als Sehhilfe nutzen. Das trifft vor allem auf Modelle zu, bei denen Informationen auf die Brillengläser projiziert werden, die dafür einen speziellen Schliff haben müssen. Wir haben der Frage, was Brillenträger bei Smartglasses beachten müssen, daher einen eigenen Artikel gewidmet.
Achtung, Aufnahme!
Nicht außer Acht lassen sollte man die Rechtslage. So kann die unauffällige Integration von Kameras und Mikrofonen problematisch werden – Stichwort: unerwünschte und eventuell illegale Foto- und Videoaufnahmen. So verbietet Paragraf 201 a StGB etwa heimliche Aufnahmen in der Wohnung und in besonders geschützten Räumen wie Toiletten und Umkleiden. Und bei Audioaufzeichnungen (mit und ohne Video) kann man auch an Paragraf 201 StGB denken, der die Aufnahme des nicht öffentlich gesprochenen Wortes eines anderen auf einen Tonträger untersagt.
Nach Meinung des auf Datenschutz und IT-Recht spezialisierten Rechtsanwalts Stefan Hessels reicht aber die während der Aufnahme blinkende LED, damit die Ray-Ban Meta nicht unter Paragraf 8 des »Gesetzes zur Regelung des Datenschutzes und des Schutzes der Privatsphäre in der Telekommunikation und bei digitalen Diensten« (TDDDG) fällt, der Spionagekameras in Alltagsgegenständen verbietet. Das unbemerkte Ausspionieren ist seiner Meinung nach so kaum möglich. Das gilt natürlich nicht, wenn man die LED manipuliert.
Inwieweit Aufnahmen mit Smartglasses im öffentlichen Raum zu einem größeren Problem werden, wird sich zeigen müssen. Straßenszenen lassen sich mit der Kamera in der Brille genauso aufnehmen, wie es heute oft mit dem Handy gemacht wird. Denkbar ist, dass die jüngere Generation vor dem Hintergrund von TikTok und Co. öffentlichen Aufnahmen offener gegenübersteht. Aber ein gewisses Missbrauchspotenzial lässt sich kaum bestreiten.
Die Firma Solos hat sich als Lösung ausgedacht, die Elektronik und den Akku komplett in die Bügel zu verlagern und den Rahmen austauschbar zu machen. Neben einem Rahmen mit Kamera will die Firma dann auch solche ohne anbieten. So kann jeder Nutzer selbst entscheiden. Andere Hersteller wollen die Kamera lediglich zur Objekterkennung einsetzen, Foto- oder Filmaufnahmen aber nicht ermöglichen. Hier dürfte es im Zweifel dann aber immer noch Klärungsbedarf mit umstehenden Passanten geben.
Selfie mit der Ray-Ban Meta: Mit einer Kamera in einer Brille, die man sowieso trägt, ist die Aufnahme schneller gemacht, als man ein Handy aus der Tasche ziehen kann
Foto: heise MedienWie geht es weiter?
Bei den smarten Brillen der neuen Generation drängt sich der Vergleich zu den ersten Smartwatches auf. Auch sie waren hinsichtlich des Funktionsumfangs beschränkt, boten oft nur sehr kurze Laufzeiten und waren sehr stark auf das Smartphone angewiesen. Das Hauptaugenmerk der Hersteller wird nach der ersten Welle an smarten Brillen daher auf leistungsfähigeren und energieeffizienteren Prozessoren liegen, damit kommende Modelle eine annehmbare Laufzeit bieten und mehr Features autark funktionieren.
Fest steht: Die neuen Smartglasses markieren erst den Anfang einer Entwicklung, die den Alltag vieler Menschen nachhaltig verändern könnte – wenn Hersteller es schaffen, Technik, Tragekomfort, Datenschutz und praktische Funktionen überzeugend zu vereinen. Ob sich smarte Brillen tatsächlich durchsetzen, hängt also davon ab, ob sie den Sprung vom Gadget zum alltagstauglichen Begleiter schaffen.