Umzug des Strato-Rechenzentrums: Geheimoperation in Berlin
Umzug eines Rechenzentrums 55.000 Server und ein paar Schiffsdiesel
Strato hat zum Ortstermin in sein Rechenzentrum in Berlin eingeladen. Wohin, das dürfen wir nicht sagen, dazu haben wir uns per Unterschrift verpflichten müssen. Die Adresse muss geheim bleiben, das ist eine Voraussetzung, um die Zertifizierung zu bekommen, dass Strato einen besonders hohen Sicherheitsstandard für Rechenzentren einhält. Von außen lässt nichts darauf schließen, dass hinter diesen Mauern 55.000 Server stehen, von denen aus Millionen Internetauftritte betrieben werden. An der Tür steht der Name einer Tarnfirma. Wir dürfen nicht mal selbst fotografieren. Dafür schickt das Unternehmen einen eigenen Fotografen in die Anlage.
Die selbstgewählte Anonymität will der Internetkonzern nicht aufgeben - und das ist ein Problem. Die zigtausenden Rechner, die in dem unauffälligen Gebäude versteckt sind, werden bald an ihre Leistungsgrenzen kommen, da sind sich die Betreiber sicher. Eigentlich ist das ein Luxusproblem, das nur entsteht, weil Stratos Neukundengeschäft gut läuft. Aber wenn der Konzern nicht bald Kunden ablehnen will, muss er etwas unternehmen.
Also haben sich die Berliner vorgenommen, ihre Rechnerkapazitäten um 30 Prozent zu erweitern, also zigtausende zusätzliche Server einzubauen. Technikvorstand Christian Müller sagt: "Mit dem Umbau des Rechenzentrums rüsten wir uns für die steigende Nachfrage." Platz genug ist in den Räumen, die Strato nutzt, auch vorhanden. Nur war die Infrastruktur des Rechenzentrums nicht dafür ausgelegt, noch mehr Computer mit Strom zu versorgen und zu kühlen.
Doch daran hat die Technik in den vergangenen Monaten bereits gearbeitet. Mit neuen Transformatoren, Stromverteilern und Leitungen haben sie die Stromversorgung der Anlage aufgebohrt. Zusätzlich wurden die Kapazitäten der Klimaanlage erweitert, damit die Abwärme der neuen Rechner aus dem Gebäude geschafft werden kann.
Schiffsdiesel im Erdgeschoss
Besonders aufwendig war dabei die Aufstockung der Notstromanlage. Auch die ist zwingend notwendig, um die ISO-Zertifizierung als sicheres Rechenzentrum zu bekommen. Insgesamt 3500 Batterien mussten gegen leistungsstärkere Exemplare ausgetauscht werden. Sollte es in Berlin einen Stromausfall geben, übernehmen sie sofort die Energieversorgung der Anlage. Doch ihre Kapazität reicht nur für einige Minuten.
Mehr ist auch nicht nötig, denn in der Zwischenzeit sollten die Notstromaggregate angesprungen sein, die im Erdgeschoss des Hauses untergebracht sind. Sie werden von mehreren Schiffsdieselmotoren angetrieben, für die Strato mehrere tausend Liter Diesel vorhält. So soll der Notbetrieb für mindestens vier Tage gesichert sein.
Ein strenger Vertrag mit dem Treibstofflieferanten legt allerdings fest, dass schon nach zwei Tagen nachgeliefert werden muss, sonst drohen hohe Konventionalstrafen. Auch wenn man es von außen nicht hören kann, kann man sehen, wenn die Aggregate laufen: Die Hitze ihrer Abgase lässt die Schornsteine um mehrere Dezimeter länger werden.
Fünf Jahre Umbauzeit
Ungleich aufwendiger als die Aufrüstung der Infrastruktur ist allerdings der Umbau der Rechner selbst. Um der Anlage zusätzliche Speicher- und Rechnerkapazitäten hinzufügen zu können, werden die Räume des Rechenzentrums Stück für Stück umgerüstet. Und dabei werden nicht nur gewaltige Datenmengen, sondern auch viel Metall bewegt. Allein aus dem ersten Raum mussten 8730 Rechner hinausgeräumt werden, bevor die Techniker mit der Aufrüstung beginnen konnten. Erst wenn sie damit fertig sind, können die Server wieder einziehen.
Damit die Kunden dabei möglichst keine Einschränkungen erleben, muss reichlich Vorarbeit geleistet werden. Der Umzug eines kompletten Server-Racks soll dadurch binnen einer Stunde erledigt sein und findet zudem - in Absprache mit den Kunden - zwischen 2 und 4 Uhr nachts statt. Komplizierter ist die Verlagerung des Online-Speichers Hidrive, die nur schrittweise erfolgen kann: neue Speichergruppe aufbauen, Daten kopieren, alte Speichergruppe abbauen, umziehen und wieder in Betrieb nehmen. Strato-Pressesprecher Lars Gurow sagt: "Das müssen wir allerdings langsam machen, um unser internes Netz nicht zu verstopfen."
Insgesamt sollen auf diese Weise fünf Räume mit 700 Server-Schränken umgebaut werden. Dabei würden rund 550 Kilometer Kabel verlegt und mehr als 45.000 Schrauben eingedreht, rechnet das Unternehmen vor. Und das braucht Zeit. Erst in fünf Jahren, so Strato, werden die Arbeiten abgeschlossen sein.