Tom Clancy's The Division im Test: Chaos in New York - DER SPIEGEL
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The Division: New York versinkt im Chaos

Foto: Ubisoft

New-York-Spiel "The Division" Das Chaos, das sind die Menschen

Eine Pockenepidemie bedroht New York, die Stadt versinkt im Chaos: Willkommen in "The Division", dem wohl ehrgeizigsten Spiel des Jahres. In der vermeintlichen Anarchie verbirgt sich eine unschöne Ordnung.
Von Achim Fehrenbach
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Anmerkung der Redaktion: Unser Autor konnte das Spiel seit dem Start der Ubisoft-Server am Montag dieser Woche testen. Angesichts der riesigen Spielwelt reicht das nur für einen ersten Eindruck.

Der zerlumpte Mann taumelt schwer. Dann sackt er auf dem Asphalt zusammen, von Krämpfen geschüttelt. Man möchte ihm helfen, jetzt sofort, möchte ihm ein Medikament geben - wenn das Spiel es nur zuließe. Stattdessen muss der Spieler hilflos zusehen, wie der Mann stirbt. Beim nächsten Passanten, dem es weniger dreckig geht, klappt die Hilfe problemlos, man bekommt sogar ein paar Erfahrungspunkte dafür. Und lernt, dass Hilfsbereitschaft in "The Division" immer ein Tauschgeschäft zu sein hat.

"Tom Clancy's The Division" ist eine der ehrgeizigsten Spieleproduktionen des Jahres. Der Mix aus Onlinerollenspiel und Shooter ist seit Dienstag im Handel, doch schon im Februar nahmen 6,4 Millionen PC- und Konsolenbesitzer an der Open Beta teil, einer Gratiskostprobe zum Herunterladen. Schauplatz des Ubisoft-Titels ist ein New York, das von einer Pockenepidemie ins Chaos gestürzt wird: Unbekannte haben Dollarnoten mit dem Virus verseucht und am Black Friday, dem amerikanischen Schlussverkaufstag schlechthin, in Umlauf gebracht. Nun steht Manhattan unter Quarantäne, Räuber und Mörder treiben ihr Unwesen. Die Spieler sollen als Mitglieder einer Spezialeinheit für Ordnung sorgen, sowohl allein als auch online im Team. Das alles könnte richtig Spaß machen.

Midtown Manhattan eins zu eins nachgebaut

Der Anfang ist auch durchaus vielversprechend. Die Macher des Spiels haben Midtown Manhattan 1:1 nachgebaut und dann in eine anarchische Dystopie verwandelt: Die Straßen sind voller Autowracks, die Läden geplündert, die U-Bahn-Schächte verbarrikadiert. Vor schmutzigen Fassaden türmt sich der Müll meterhoch.

Stützpunkt der verbliebenen Ordnungshüter ist das imposante Post Office Building an der 8th Avenue: Die "Joint Task Force" besteht aus Polizisten, Feuerwehrleuten, Ärzten und Nationalgardisten. Als Agent der Division hat man den Auftrag, die Zentrale schnellstmöglich auf Vordermann zu bringen. Doch um die brachliegenden Abteilungen -Technik, Sicherheit, Medizin - auszurüsten, muss man Punkte sammeln. Die gibt es in Haupt- und Nebenmissionen. Und damit beginnt das Hamstern.

"The Division" folgt einem Schema, das Ubisoft schon öfters zu Erfolg verholfen hat: Man nehme eine detailreiche, offene Welt und spicke sie mit allerlei Aufgaben, Gegnern und Beutegut - fertig ist der Abenteuerspielplatz, in dem sich Spieler endlos austoben können. Das ist bei "Assassin's Creed" so, bei "Watch Dogs" und auch bei dem kürzlich erschienenen "Far Cry Primal". Gegen frei erkundbare Spielwelten ist nichts einzuwenden. Sie sollten eben nur abwechslungsreich genug sein, damit das Ganze nicht in stumpfes Abarbeiten von Routine-Aufgaben ausartet.

Doch das Pandemie-Chaos ist dann eben doch sehr geordnet: Die Spieler haben Zugriff auf einen Stadtplan, der sämtliche Krisenherde anzeigt - von der Geiselnahme eines Forschers bis zur Ladenplünderung, von marodierenden Banditen bis zum pockenverseuchten Wohnblock, den man nur mit Schutzmaske betreten sollte. Neben jedem Ort listet die Stadtkarte fein säuberlich auf, wie viele Punkte und Gegenstände man dort erbeuten kann. Das mag für das systematische Hochleveln der Heldenfigur nützlich sein, schließlich ist "The Division" ein Rollenspiel mit unzähligen Waffen, Rüstungen und Talentupgrades. Mit echtem Chaos hat es aber wenig zu tun, auch wenn man hin und wieder aus Versehen in Scharmützel hineinläuft.

Gerade die Nebenmissionen sind oft repetitiv. Als Computergegner dienen meist Banditen oder sogenannte Cleaners, die dem Virus und seinen Trägern mit Flammenwerfern den Garaus machen wollen. Die Künstliche Intelligenz der Gegner ist zwar recht gut im Flankieren und Nachrücken, doch gegen konsequenten Kampf aus der Deckung heraus hat sie nur selten eine Chance. Die Grunddramaturgie der Kämpfe ist vorhersehbar. Nach der ersten Feindeswelle rollt gewiss auch eine zweite und dritte an, kombiniert mit widerstandsfähigen Bossgegnern. Viele Missionen lassen sich online mit bis zu vier Teilnehmern bestreiten: Die Bildung von Teams ist jederzeit über die Suchfunktion möglich, zum Chatten treffen sich die Onlinespieler in den Safehouses der Stadt.

Die Versuchung in der Dark Zone

Große Mühe haben sich die Entwickler mit den Schauplätzen gegeben. Bei längeren Einsätzen steigt man schon mal in die Tiefen kontaminierter U-Bahn-Schächte hinab, die nicht nur dramatisch ausgeleuchtet, sondern auch hübsch verwüstet sind. Doch die Figuren, die eigentlich im Mittelpunkt des Rettungseinsatzes stehen müssten, unterhalten sich meist nur belanglos über Kekse, Zigaretten oder böse Banditen. Letztendlich dienen sie oft nur - wie in der eingangs geschilderten Szene - als Lieferanten für Erfahrungspunkte. Verhandlungen mit Banditen sind nicht möglich, kommuniziert wird nur über Blei.

Was "The Division" bleibenden Reiz verleihen könnte, ist die Dark Zone: ein riesiges Areal inmitten der Stadt, das besonders wertvolles Beutegut birgt und nur durch Schleusen betreten werden kann. In der Dark Zone treffen die Onlinespieler im Player-versus-Player-Modus (PvP) ungebremst aufeinander - ob sie sich bekriegen oder kooperieren, ist ganz ihnen überlassen. Die Dark Zone bietet, dank der Unberechenbarkeit der menschlichen Mitspieler, den Pandemie-Irrsinn, den man im Einzelspielermodus vergeblich sucht.

Das Chaos, das sind die anderen.


"Tom Clancy's The Division" von Ubisoft, für PS4, Xbox One, PC, ab ca. 60 Euro, keine Jugendfreigabe.